Kulturmanager An Europa als Friedensprojekt glauben

Die Europäischen Wochen Passau waren nach mehreren abrupten Intendantenwechsel ins Trudeln geraten. Nun soll sie der Carsten Gerhard als vorübergehender künstlerischer Leiter in ruhigere Fahrwasser steuern

Interview von Sabine Reithmaier

Carsten Gerhard ist ein zurückhaltender, höflicher Mensch, der kein Problem damit hat, anderen zuzuhören. Kein Wunder also, dass der Münchner Kulturmanager dem Trägerverein der Europäischen Wochen Passau (EW) als der ideale Mann erschien, um das durch die abrupten Trennungen von den Intendanten Peter Baumgardt (2016) und Thomas E. Bauer (2018) ins Trudeln geratene Festival wieder in ruhigere Fahrwasser zu steuern. Dass er sich selbst nicht als Lückenfüller versteht, signalisiert das Programm der 67. Festwochen, die an diesem Freitag beginnen.

Wie tituliert man Sie richtig?

Ich bin künstlerischer Leiter der EW.

Nicht Festspielleiter oder Intendant - Titel, die die Mitgliederversammlung des Trägervereins jüngst erörtert hat?

Der Verein hat sich in der neuen Satzung die Möglichkeit offengelassen, zwischen diesen Bezeichnungen zu wählen. Aber jetzt befinden wir uns in einer Zwischenzeit, in der ich künstlerischer Leiter bin.

Wie lang dauert die Zwischenzeit noch?

Die Stelle wird in der zweiten Jahreshälfte ausgeschrieben, die Festspiele 2021 werden vom neuen Chef kuratiert.

Die neue Satzung beschneidet auch die Kompetenz des künftigen Intendanten stark. Stört Sie das nicht?

Sie beschränkt nicht per se die Befugnisse des Festspielleiters. Sie lässt nur individuelle Regelungen zwischen Intendant und Vereinsvorstand zu, wer wie viel Verantwortung trägt. Der Festivalleiter ist künftig nicht mehr automatisch Geschäftsführer, die finanzielle Steuerung der EW ist stärker in den Verein verlagert.

Die bisherige Machtfülle des Intendanten wird auf jeden Fall stark beschränkt. Sie sind kein Neuling in Passau, haben bereits unter Peter Baumgardt (2012 - 2016) auch am Programm mitgearbeitet. Was kennzeichnet Ihr Konzept?

Wichtig war mir, den Anspruch, den der Name Europäischen Wochen vorgibt, tatsächlich ernst zu nehmen und im Programm aufscheinen zu lassen.

Das haben Ihre Vorgänger auch für sich in Anspruch genommen.

Peter Baumgardt und ich haben darüber bereits viele Gespräche geführt. Uns war klar, dass die zukünftige Herausforderung für die EW darin besteht, den europäischen Gedanken zu vertiefen und ihn erlebbar zu machen.

Was kann ein Musikfestival im Jahr 2019 ernsthaft zur europäischen Integration beitragen?

Die Antworten, die ich auf diese Frage gefunden habe, münden in zwei Ansätze. Zum einen haben wir Künstler eingeladen, die sich in ihren Werken mit europäischen Fragen beschäftigen. Zum Beispiel die sizilianische Autorin und Regisseurin Lina Prosa, die bei den EW "Lampedusa Way" inszeniert. Ihr Stück ist zum ersten Mal in Deutschland zu sehen, in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln. Gespielt wird in der X-Point-Halle, jenem Ort, in dem Passau 2015 die Flüchtlinge unterbrachte.

Vermisst in den Weiten des Mittelmeers: Das Stück "Lampedusa Way" ist als deutsche Erstaufführung bei den Europäischen Wochen Passau zu sehen.

(Foto: Leda Terrana)

Das Flüchtlingsdrama könnte die Passauer aufgrund der eigenen Erfahrungen interessieren?

Das hoffe ich zumindest. Und natürlich auch, weil es feines Theater ist, ein intimes Kammerspiel, bei dem man den Figuren berührend nahe kommt. Aber wir haben auch das britische Künstlerinnenkollektiv "Keep it Complex eingeladen, lauter Brexit-Gegnerinnen, die sich mit der Kunstaktion "International Sock Exchange" humorvoll, aber ziemlich bissig für ein Europa des Miteinanders engagieren. Wichtig auch Stefano Torriones Ausstellung "La Grande Guerra Bianca". Er hat vier Jahre die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs in den Alpen fotografiert, der abschmelzende Schnee gibt viele Kriegsrelikte frei. Ein Mahnmal für das Friedensprojekt Europa.

Und Ihr zweiter Ansatz?

Jungen Passauer Musikschülern europäische Begegnungen auf musikalischer Ebene zu ermöglichen. Wir haben zwei Projekte, in denen Jugendliche mit Musikern zusammentreffen, deren Orchester zu Gast bei den EW sind. So gab es bereits einen zweitägigen, sehr intensiven Workshop mit Musikern des Kammerorchesters Academy of St. Martin in the Fields. Und Ende Juni reisen wir mit Jugendlichen nach Amsterdam, um mit der Amsterdam Sinfonietta zu proben. Die jungen Musiker wirken in einem Stück mit, das die Sinfonietta bei ihrem EW-Konzert spielen wird.

Haben Sie noch "normale" Konzerte?

Jede Menge. Händels "Messias" oder Stargeiger Frank Peter Zimmermann, begleitet von Martin Helmchen, Quatuor Modigliani, Concerto Köln und Lucerne Strings - die EW sind ein klassisches Musikfestival, den Kern werden sie immer behalten.

Sie rekonstruieren Beethovens "Große musikalische Akademie", ein Konzert, das der Komponist am 2. April 1800 veranstaltet hat. Warum das denn?

Ich komme vom Kulturmarketing und habe mich gefragt, wie Beethoven seine Konzerte beworben hat. Und angesichts der Anschlagszettel festgestellt, er hat erst am aktuellen Tag dafür geworben. So kurzfristig könnte man heute keinen Zuhörer mehr bewegen. Hochinteressant ist die zumindest aus heutiger Sicht krude Programmgestaltung: Erst eine Mozart-Symphonie, dann eine Arie aus Haydns Schöpfung, gefolgt von einem Beethoven-Septett, dazwischen solistische Klaviersätze. Die Eintrittskarten hat er nachmittags in seiner Wohnung verkauft. Das ist doch irre.

Und Sie haben gar keinen europäischen Bezug gefunden?

Doch. Die Beethoven-Akademie steht am Anfang des bürgerlichen Konzertwesens, einer zutiefst europäischen Institution, die die europäische Identität wesentlich mitbestimmt. Ich kenne keine andere Kulturform, in der diese Institution so prominent ist wie in Europa.

51 Veranstaltungen sind es insgesamt, 30 davon in Passau. Auffallend ist, dass sich der Sprachanteil im Programm deutlich erhöht hat. Misstrauen Sie der verbindenden Kraft von Musik?

Nein, ich komme schließlich von der Musik. Aber ich glaube, dass man in einem Kontext, in dem Europa in vielen Diskursen offen in Frage gestellt wird, mit konkretem Wort eingreifen muss. Da reicht die unbegriffliche Sprache der Musik nicht aus, da bleibt man zu unverbindlich.

Zielen Sie da nicht zu sehr auf ein diskursfreudiges Publikum ab?

Wir machen eben Höhepunkte und wir machen Brennpunkte. Ich möchte nicht jeden italienischen Geiger oder jedes französische Streichquartett, das wir einladen, gleich zu einem Akt der Völkerverständigung erklären. Die musikalischen Höhepunkte belasten wir nicht europäisch. Aber mit den Brennpunkten nehmen wir den Auftrag der Gründungsväter aus dem Jahr 1952 ernst.

Carsten Gerhard, geboren 1976, studierte Musikwissenschaft und Germanistik. Er war Pressemanager am Deutschen Theater in München, dann bei den Münchner Philharmonikern. 2007 gründete er seine eigene Agentur.

(Foto: Saskia Wehler)

Lassen Sie darum Victor Hugos Rede, die er 1849 beim Pariser Friedenskongress hielt, lesen?

Das war ein Zufallsfund. Ich wollte seinen "Glöckner von Notre Dame", eine Produktion des Landestheaters Niederbayern, mit mehr Tiefenschärfe in unser Programm einbinden und stieß auf diese Rede. "Der Tag wird kommen, an dem es keine weiteren Schlachtfelder mehr geben wird, außer dem sich dem Handel öffnenden Markt und dem sich den Ideen öffnenden Verstand. Der Tag wird kommen, an dem Kanonenkugeln und Bomben durch Abstimmungen, durch das allgemeine Wahlrecht ... ersetzt werden" - das ist Europa, wie wir es heute leben. Jetzt stellen wir das wieder in Frage. Die Stimmen, die an Europa als Friedensprojekt glauben, müssen einfach lauter werden.

Ihr Programm ist also sehr politisch zu verstehen?

Ich nehme einfach den Anspruch der EW ernst, das europäische Miteinander zu befördern.

Macht den Eindruck, als würden Sie für dieses Ziel richtig brennen?

Ich möchte, dass meine Kinder in einem demokratischen, rechtssicheren, friedlichen Europa leben können, genauso wie wir heute leben. Das ist doch Luxus, in so einem Zustand leben zu dürfen. Dafür, dass es so bleibt, tragen wir alle Mitverantwortung. Und die EW haben sich die Sicherung dieses Zustands als Ziel gesetzt.

Vielleicht sollten Sie in Passau bleiben?

Warten wir mal ab, wie es läuft und ob mein europäisches Programm auch den gewünschten Anklang findet.

Werden Sie sich um den Posten des Intendanten bewerben?

Ob ich meinen Hut in den Ring werfe, kann ich noch nicht sagen. Abgesehen vom Erfolg des aktuellen Festivals hängt diese Entscheidung von meinen zeitlichen Ressourcen ab. Mein Lebensschwerpunkt liegt in Oberbayern, ich bin - abgesehen von den nächsten sechs Wochen - hier nicht dauerhaft ansässig. Für eine Zwischenzeit funktioniert so eine Teilzeitpräsenz tadellos. Aber ob das eine Dauerlösung sein kann, muss man kritisch bewerten. Und das machen ich für mich erst nach den Festspielen. Freude aber macht die Aufgabe natürlich, und zwar große.

Europäische Wochen. Festspiele Passau, 21. Juni bis 28. Juli, Infos: www.ew-passau.de