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Kulturkritik:Mehr Resonanz wagen!

Hartmut Rosa hat eine Soziologie des guten Lebens entworfen. Bliebe die Frage, ob es schlicht konsequent oder doch ein Problem ist, dass darin Konflikte, Dilemmata und Paradoxien nur ganz am Rande aufscheinen.

Von Jens Bisky

Es fehlt nicht an Vorschlägen und Forderungen, die Welt zu verbessern: Mehr Achtsamkeit wäre gut, raschere Entschleunigung auch, mehr Wachstum, mehr Bildung, höhere Einkommen, bessere Straßen und mehr vegane Gerichte in der Mensa! Aber die Forderungen, so berechtigt sie auch sein mögen, verfehlen Wesentliches. Das behauptet jedenfalls der Soziologe Hartmut Rosa, einer der so prominenten wie produktiven Kulturkritiker der Republik. Gängige politische Programme setzten darauf, immer neue Bereiche des Lebens zu kontrollieren. Sie gehorchten damit einer Steigerungslogik - mehr! besser! höher! -, die erstens an ihre Grenzen gekommen sei und zweitens verhängnisvolle Krisen hervorbringe. Zeit für einen kulturelle Paradigmenwechsel: Ins Zentrum müsse, so Rosa, die Qualität unserer Weltbeziehungen treten, der Beziehungen zu uns, zu anderen, zu Kultur und Natur. Diesem kulturellen Wandel redet Rosas "Soziologie der Weltbeziehung" das Wort. Das Zauberwort, das zum sozialphilosophischen Grundbegriff einer erneuerten Kritischen Theorie auserkoren ist, heißt bei ihm "Resonanz". Mit einer Theorie der Resonanz will er Normen begründen, Wirklichkeit beschreiben und Wege der Besserung skizzieren. Aber was ist mit Resonanz eigentlich gemeint?

Man stelle sich zwei Stimmgabeln vor: Eine wird angeschlagen, eine zweite in der Nähe beginnt, "in ihrer Eigenfrequenz mitzuschwingen". Aus dem akustisch-physikalischen Vorgang gewinnt Rosa eine Großmetapher, als verhielten Menschen sich stimmgabelartig zu sich, ihren Mitmenschen und der äußeren Welt. Resonanz bezeichnet eine "Form der Weltbeziehung, in der sich Subjekt und Welt gegenseitig berühren und zugleich transformieren", es geht um eine Antwortbeziehung, einen Beziehungsmodus im "Dreiklang von Leib, Geist und erfahrbarer Welt".

Vieles von dem, was Rosa der Resonanz zuschreibt, kennt man aus Analysen ästhetischer Erfahrung. Für Rosa aber geht es nicht um einen begrenzten Bereich mit seiner eigenen Logik, sondern ums große Ganze. Menschen sind fähig zur Resonanz, sie haben ein Bedürfnis danach. In der Moderne aber, je länger sie dauert, desto mehr, wird Resonanz blockiert, die Welt verstummt. Die Geschichte der Moderne lässt sich als die Geschichte einer Resonanzkatastrophe erzählen, während zugleich die Sensibilität für Resonanzen gewachsen ist.

Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016. 816 Seiten, 34,95 Euro. E-Book 29,99 Euro.

Hartmut Rosa, der in Jena lehrt und in Erfurt das Max-Weber-Kolleg leitet, erweitert mit "Resonanz" seine Großtheorie unserer pathologischen, aber nicht rettungslos verlorenen Moderne. Wer sich für die Stichwortgeber der Gegenwartsdeutung interessiert, kennt auch Rosas Buch "Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne" aus dem Jahr 2005. Daran knüpft er unmittelbar an: "Wenn Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz vielleicht die Lösung."

Vieles nimmt für diesen neuen Versuch ein oder weckt doch Neugier: der Drang auf's Ganze; die Reaktivierung des ehrwürdigen, oft zu rasch verabschiedeten Begriffs der Entfremdung; der kulturkritische Elan; das pädagogisch-rhetorische Können des Autors. Und doch schlägt man das Buch nach gut 750 Seiten enttäuscht zu, ohne Resonanz erfahren zu haben. Gewiss, Rosa vermeidet einige Fallen. Er verdammt Entfremdung nicht vollständig, wirbt nicht für eine Welt aus lauter Resonanzachsen, vielmehr für eine Balance. Die ratlose Enttäuschung nach der Lektüre hat auch nicht nur etwas mit der esoterisch-banal klingenden Verschiebung von "eine andere Welt ist möglich" hin zu "auf andere Art in der Welt sein" zu tun. Sie hat ihren Grund in der normativen und deskriptiven Ungenauigkeit der Resonanztheorie.

Da, wie Rosa zu Recht darlegt, Resonanz prinzipiell unverfügbar ist, nicht auf Befehl und nicht nach Regeln zu erreichen, behält der zwischen Metaphern und Beschwörung schillernde Begriff etwas Vages. Der Begriff verbinde, was Aufklärung und Rationalismus streng trennten: "Geist und Körper (oder Leib und Seele), Gefühl und Verstand, Individuum und Gemeinschaft und schließlich Geist und Natur". Also ein romantisches Konzept gegen die Vorherrschaft von "Berechnung, Fixierung, Beherrschung und Kontrolle". "Resonanz" entziehe sich also, sobald man ihn "philosophisch festzunageln", also auf den Begriff zu bringen versuche.

Konflikte, Dilemmata und Paradoxien scheinen hier nur am Rand auf

Was aber ist mit ihm gewonnen? Was bringt die Romantisierung der Kritischen Theorie? Rosa mustert, an dieser Stelle überraschend knapp, einige andere Kandidaten für "das Andere der Entfremdung", etwa Autonomie, Sinn, Identität, Authentizität, Anerkennung. Auch wer Anerkennung erfahre, könne sich entfremdet fühlen, wobei "Entfremdung" mit Rahel Jaeggi eine "Beziehung der Beziehungslosigkeit" bezeichnen soll. Nicht-entfremdet wären also Verhältnisse, die die Ausbildung vieler Resonanzachsen ermöglichen.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Buch Resonanz stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Rosa unterscheidet horizontale in Familie, Freundschaft, Politik; diagonale etwa in Arbeit, Schule, Sport; vertikale in Religion, Natur, Kunst und im "Mantel der Geschichte". Wenn es dann heißt, Demokratie bezeichne in erster Linie "einen anhaltenden Prozess der Sensibilisierung für die Vielfalt der Stimmen", stimmt der Leser zu - und freut sich, dass das bei Weitem nicht alles ist, dass die von Rosa an die Seite gestellten Aushandlungsprozesse, Interessenkonflikte, auch das schlichte Regieren, Verwalten, Ansprüche-Abwägen weiterhin eine entscheidende Rolle spielen. So wie in diesem Fall scheinen aus dem Blickwinkel der Resonanztheorie viele entscheidende Leistungen und Normen, ja das einfache und immer unwahrscheinliche Funktionieren an Bedeutung zu verlieren. Das ist schade, verstärkt es doch den Verdacht, der große Schirm der "Resonanz" verschatte die Eigenart der einzelnen Bereiche. In dieser "Soziologie der Weltbeziehung" fehlt es an Vielfalt, an substanziellen Unterschieden neben der einen großen Scheidung in entfremdet und nicht entfremdet.

Rosa erzählt gern Fallgeschichten wie die der beiden Nachwuchskünstler Gustav und Vincent, die in zwei Wochen ein Bild malen sollen. Gustav plant alles genau, beste Leinwand, die richtigen Pinsel. Er ist ressourcenfixiert. Vincent beginnt einfach zu seiner Lieblingsmusik zu malen. Ihm spricht Rosa die größeren Chancen zu, den Wettbewerb zu gewinnen. Denn, so die Moral, Ressourcen sind nicht das Wichtigste. Es geht auch um Anna und Hannah, froh die eine, missmutig die andere. Diese Geschichten, behauptete Empirie, sind kränkend schlicht, nie kompliziert. Konflikte, Dilemmata, Paradoxien, also das, was Leben in unserer Moderne ausmacht, scheinen nur am Rand auf.

Daneben stehen kulturkritische Klischees, nicht falsch, nicht neu: In Schulen müsse nur der Lehrplan erfüllt werden, an der Uni seien Drittmittel am wichtigsten; in der Unternehmensberatung drehe sich alles um Profit; in der Zeitung um Auflage und Werbekunden. Ach!

Der Leser hat sich an dieser Stelle schon daran gewöhnt, dass die Beispiele meist zur Illustration der Thesen ausgewählt und zurechtgemacht wurden. Dass bürokratischer Zwang und Optimierungswahn vernichten, was sie zu verbessern vorgeben, hat man auch vor der Resonanztheorie schon gehört. Wer vom gelingenden Leben spricht, sollte das tatsächliche nicht so obenhin abtun.

© SZ vom 28.07.2016

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