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Kulturgeschichtliche Schau:Patient tot, Geschichte lebendig

Die Ausstellung "Medicus - Die Macht des Wissens" im Historischen Museum der Pfalz in Speyer macht Medizinhistorie spannend und plastisch erlebbar.

Einige deutsche Ärztekammern haben die Eidesformel noch auf ihrer Homepage, sie ist gut 2000 Jahre alt, und so klingt sie auch. Alt und gut. "Ich schwöre", setzt sie ein, "bei Apollon dem Arzt und Asklepios und Hygieia und Panakeia und allen Göttern und Göttinnen." Apoll ist Asklepios' Vater und somit Großvater der beiden Frauen. Nach dieser Götteranrufung gelobt der Schwörende, er werde niemals Blasensteine operieren, das überlasse man lieber Spezialisten. Es folgen Versicherungen, die heute noch jeder Mediziner unterschreibt: der Verzicht auf aktive Sterbehilfe, das Ausleben von Wollust an Patientenleibern, die Schweigepflicht. Ewig mögen die Götter über diese Grundsätze wachen. Diesen Eid, den Eid des Hippokrates, mussten Ärzte über Jahrhunderte hinweg leisten, um approbiert zu werden. Aber das Charmanteste daran ist: Er bezeichnet die Medizin als Kunst.

Was mancher Schönheitschirurg an Gesichtern oder Brüsten alternder Stars veranstaltet, geht tatsächlich als Kunst durch, mitunter entstehen fantastische Gebilde. Wenn hingegen Unfallmediziner mit Sägen und Hohlmeißelzangen ans Werk gehen, darf man von grundehrlichem Handwerk sprechen. Und doch ist die Medizin bei aller Handwerkskunst bekanntlich viel mehr: eine Wissenschaft für sich. Faszinierend ist, dass es offenbar ein ganzes Weilchen von gut drei Jahrtausenden dauerte, bis sich die breite Ärzteschaft ihres Forschungsauftrags bewusst wurde. Die Ausstellung "Medicus. Die Macht des Wissens" in Speyer führt vor Augen, wie lange sich der Mensch mit seiner eigenen Naivität begnügte, ehe er seiner Beschaffenheit auf den Grund ging. Das Anatomische Zeitalter begann erst mit der Renaissance.

Mit dem Humanismus hielt eine Neugier Einkehr, die sich für Muskelstränge, Nervenbahnen und Eingeweide interessierte. Vom Medizinstudenten Felix Platter berichtet die Speyerer Ausstellung, wie er in der Nacht des 31. Januar 1555 mit seinen Kommilitonen den Friedhof von Montpellier aufsuchte, um die am Tag bestatteten Leichen einer Greisin und eines Kindes auszugraben. Und sie dann gleich vor Ort zu sezieren. Platter wurde Arzt und Professor in Basel und initiierte als Erster ein anatomisches Theater. Er, und noch mehr der Flame Andreas Vesal, zählen zu den Pionieren der Anatomie. Bis dahin hatten sich die Heilkundler auf den aus ihrer Sicht guten alten Galenus von Pergamon verlassen, der seine anatomischen Studien seinerzeit, im 2. Jahrhundert nach Christus, an toten Affen und Schweinen vorgenommen hatte.

Die Geschichte der Heilkunde bis zum 16. Jahrhundert in einer Sonderausstellung darzustellen ist eine hübsche Herausforderung. Denn fürchterlich viel hat sich nicht bewegt, seit die Babylonier Ende des 2. Jahrtausends vor Christus ihre Gedärme-Tontafeln anfertigten, um ihre Auguren im Omendeuten auszubilden.

Medizin war in weiten Phasen der Menschheitsgeschichte eine Glaubensfrage

Eine solche Tafel mit Darmwindungen und ein beschriftetes Schaflebermodell gegen hier Zeugnis von der Urmedizin. Bis ins 16. Jahrhundert war Medizin sehr eng mit Religion verbunden. Bei afrikanischen Medizinmännern und Heilbetern evangelikaler Christen ist sie es bis heute. Allerdings kamen schon einige Jahrhunderte vor Christus pharmazeutische Erkenntnisse hinzu. Die Schrifttafel eines Beschwörungspriesters aus Assur empfiehlt unter anderem Wacholder gegen Migräne. Meisterhaft bringen die Kuratoren um den Speyrer Museumsdirektor Alexander Schubert diese Steine zum Sprechen. Dabei wirken manche der vorgeschichtlichen Funde zunächst ziemlich abstrakt. Plastischer werden die Exponate aus dem alten Ägypten mit den Göttlein-Statuetten des langschwänzigen Bes und der Taweret, der Schutzgöttin der Schwangeren mit üppigen Brüsten und einem Nilpferdkopf mit Löwenmähne.

Medizin war in weiten Phasen der Menschheitsgeschichte eine Glaubensfrage. Die christliche Kirche kürte ihre Heiligen nach spezifischen Wundern, wobei kaum ein Heiliger mit den Ruhmestaten von Jesus mithalten kann, der in der Bibel sogar Tote zum Leben erweckt. Über Jahrhunderte hinweg riefen gläubige Christen erst ihre 14 Nothelfer an, ehe sie einen Heilkundigen aufsuchten. Und wenn sie diesen Schritt gingen, konnte es vorkommen, dass auch er sie zunächst an die Heiligen verwies.

Wie Teenager heute die wichtigsten Fußball-Nationalspieler aufzählen, ratterten Schulbuben vor wenigen Jahrzehnten noch alle 14 Nothelfer herunter. Wobei der Heilige Märtyrer Sebastian offenbar noch nicht vergessen ist: Er wird laut Katalog heute als Schutzpatron der HIV-Infizierten verehrt. Und wer sich als Katholik am 3. Februar den Blasiussegen holt, braucht sich bis zum nächsten Jahr keine Sorgen machen, er könnte an einer Fischgräte ersticken oder an einer Kehlkopfentzündung erkranken. Zumindest in Altbayern verhält es sich noch so. Allerdings gab es auch Heilige, denen eine durchaus anspruchsvolle Orthopädie zugeschrieben wurde. Ein Altarretabel aus Ditzingen zeigt die Zwillingsbrüder Cosmas und Damian bei einer Beinamputation. Dieses Gemälde illustriert den Traum eines römischen Küsters: Ihm waren Cosmas und Damian erschienen und hatten sein krankes Bein durch das eines toten Ägypters ersetzt. Die Transplantation von Beinen ist bislang ein Traum geblieben, die Medizin arbeitet noch immer daran.

Das Gemenge aus Erkenntnis und Aberglauben, aus Forscherdrang und Religionsdoktrin, aus Aufklärung und metaphysischem Obskurantismus verleiht der kulturgeschichtlichen Betrachtung der Medizin in Speyer Erzählkraft. Alexander Schubert und der Kurator Sebastian Zanke bedienten sich zudem eines ebenso gewagten wie erfolgreichen Kunstgriffs: Sie nahmen Noah Gordons Roman "Der Medicus" aus dem Jahr 1986 als Aufhänger. Das Buch des Amerikaners wurde allein in Deutschland mehr als sechs Millionen Mal verkauft. Mit dem Bestseller beginnt die Ausstellung. Gordon selbst hat Ausschnitte aus seinem Original-Manuskript geschickt, es liegt in einer Vitrine, davor steht der Nachbau des Baderwagens aus Philipp Stölzls deutscher Verfilmung mit Tom Payne und Ben Kingsley im Jahr 2013.

Gordons Mittelalter-Roman ist fiktional bis auf eine Figur, Abū 'Alī al-Husain bin 'Abd Allāh ibn Sīnā, in der westlichen Überlieferung bekannt als Avicenna - und selbst der hat mit der historischen Gestalt wenig gemein. Dieser Arzt aus Afschana im heutigen Usbekistan genoss Weltruf, man könnte angesichts seiner Biografie aber auch zur Auffassung gelangen, dass er ein Aufschneider war, und das weniger im chirurgischen Sinn. Avicenna behauptete von sich, er habe schon mit 16 Jahren selbst Ärzte ausgebildet. Jedenfalls erwarb er die meisten Kenntnisse aus dem Umgang mit Patienten autodidaktisch.

Die Medizin des Mittelalters war auf Versuch und Irrtum angelegt

Die Medizin des Mittelalters war auf Versuch und Irrtum angelegt. So gesehen kann man den Päpsten kaum vorwerfen, dass sie ihren Geistlichen im 12. Jahrhundert die Beschäftigung mit Heilkunde untersagten. Man wollte unbedingt vermeiden, dass Kleriker für den Tod von Kranken oder Verletzten verantwortlich gemacht wurden. Es hätte dem Ruf der Kirche geschadet. Damit und mit Hildegard von Bingen endete die große Ära der Klostermedizin. Odo von Meung war schon Geschichte, sein Macer floridus mit 2000 Hexametern über die Kraft von 77 Heilpflanzen blieb aber das Standardwerk und wurde ein halbes Jahrtausend später mehrfach abgekupfert.

Die Medizin stümperte als ambitionierte Quacksalberei und Scharlatanerie durch die Jahrhunderte, bis sie anfing, sich selbst zu hinterfragen. Die antiken Lehren der Hippokrates-Schule und des Galenus hatten die Zeit überdauert. Mit dem Humanismus wurden nicht nur diese Lehren selbst wieder aufgefrischt, sondern auch die Idee dahinter. Das freie Denken ermöglichte die Neugier zu fragen, was sich unter der menschlichen Haut abspielt. Bis dahin war die Vier-Säfte-Lehre von den Cholerikern und Melancholikern, den Sanguinikern und Phlegmatikern das humoralpathologische Standardkonzept. Der Düsseldorfer Medizinethiker Heiner Fangerau sagt in einem Nachwort des großartigen Katalogs der Speyrer Ausstellung, die Humoralpathologie habe bis heute überdauert, im Entschlacken etwa oder im Gesundschwitzen in der Sauna. Dennoch hat sich die Medizin mit dem Beginn des Anatomischen Zeitalters von einer nahezu philosophischen Disziplin zu einer Naturwissenschaft verwandelt.

Doch bis heute ist der Mensch ein Tüftelobjekt geblieben. "Am Ende ist die Medizin in ihrer Entwicklung sicherlich nicht", sagt Fangerau, "das naturwissenschaftliche Paradigma in der Medizin wird erst vollkommen sein, wenn es gelungen ist, alle Prozesse des Lebens im Labor zu konstruieren." Wenn die Menschen dann alle Krankheiten besiegt haben, dann werden sie ihre eigenen Geheimnisse besiegt haben. Werden sie dann noch Menschen sein oder Maschinen? Oder Götter? Das nächste Paradigma könnte dann die Lösung der Frage betreffen, wie viele Menschen auf der Erde Platz haben und wie sich das medizinisch kontrollieren lässt. Ob sich die Prinzipien des Hippokrates dabei halten lassen? Hoffentlich denkt dann überhaupt noch einer daran.

Medicus. Die Macht des Wissens. Historisches Museum der Pfalz, Speyer. Bis 21. Juni. Katalog (Wissenschaftliche Buchgesellschaft Theiss-Verlag, 256 Seiten) im Museum 24,90 Euro.

© SZ vom 24.01.2020
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