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Kulturgeschichte:Freie Geister bei Käse und Hering

Peter Neumann erzählt von Jena um 1800 - stilistisch rasant und mit klarem Blick für Nebensächlichkeiten.

Von Steffen Martus

Mann o Mann, der Fritz, das ist schon einer. Der steht voll "unter Strom". Eine Arbeitskrise macht ihm zu schaffen. "Daumen und Zeigefinger kreisen langsam gegeneinander, von der Stirn abwärts, zwischen den Augen bis zur Nasenspitze". Auf Kritik reagiert er dünnhäutig Auch die Beziehung zu Dorothea leidet. Jetzt aber ist alles anders. Da sitzt er in der Leutragasse 5, umgeben von Wilhelm, Caroline und Dorothea, Schelling, Novalis und Tieck. Das kulinarische Angebot - Tee, Käse, Hering, Kartoffeln und saure Gurken - ist so schön-willkürlich wie das intellektuelle. Mit dem zweiten Teil des "Lucinde"-Romans kommt Fritz zwar nicht so gut voran, aber bei der abendlichen Rezitation der "Divina Commedia" entspannt er sein Antlitz, die Gesichtsfalten glätten sich, die Augen leuchten. "Über dem Rezitieren vergisst er fast das Essen."

Warum sich Friedrich Schlegel in Dante verliert und warum er sich und seine Zuhörer begeistert, erfahren wir nicht. Bei Peter Neumann menschelt es gewaltig. Er erzählt, stilistisch rasant, von Befindlichkeiten, von Affärchen und Eifersüchteleien, von modischen Vorlieben, Essgewohnheiten oder Umgangsformen in der romantischen "Republik der freien Geister". Stets ist ihm wichtiger, wie jemand seine Vorlesung gehalten oder ob er eine gute oder miese Performance geliefert haben mag, als worüber gelesen wurde.

Die Schlegels hätten Neumann vermutlich zum Karl August Böttiger von Jena erklärt. Dieser "Knallfrosch", wie Neumann ihn nennt, notierte damals jeden Klatsch und Tratsch, der ihm in Weimar so zuflog. Seine Studie "Sabina oder Morgenscenen im Putzzimmer einer reichen Römerin" (1803) versprach im Untertitel einen "Beitrag zur richtigen Beurtheilung des Privatlebens der Römer und zum besseren Verständniß der römischen Schriftsteller". Soll also auch hier die Epoche aus dem Badezimmer erklärt werden?

Die "freien Geister" waren in Jena nur sehr kurze Zeit "symphilosophisch" vereint und haben einander ansonsten höchstens die Klinke in die Hand gegeben. 1800 zieht Friedrich Schiller nach Weimar; Johann Gottlieb Fichte, der sich im Atheismusstreit "verzockt" und im März 1799 bereits seine Professur verloren hat, reist wieder nach Berlin; Friedrich Tieck verlässt Jena ebenso wie August Wilhelm Schlegel und Clemens Brentano; ein Jahr später machen sich "Fritz" und Dorothea auf den Weg nach Paris. Immerhin Friedrich Wilhelm Joseph Schelling bleibt noch bis 1803 vor Ort.

Solche chronologischen Abläufe verschleift Neumann, weil er mit ständigen Vor- und Rückgriffen arbeitet und die Ereignisse einander gegenwärtig macht, so dass Mainz, Berlin, Weimar oder Dresden irgendwie auch zu Jena gehören. Ästhetisch unterläuft er damit eine Ordnung, die die Welt in Vorher und Nachher, Ursache und Wirkung zergliedert. Das ist methodisch nicht uninteressant und wäre den Schlegels oder Novalis in ihrem Kampf gegen die aufklärerische Vorstellung einer "Geschichte" vermutlich sympathisch gewesen. Dennoch: 1800 ist auch und vielleicht sogar vor allem ein Jahr des Abschieds, in dem sich die frühromantische Bewegung zerstreut.

Die "Republik der freien Geister" existiert die meiste Zeit über im Schriftverkehr einer spirituellen Gemeinschaft, als Gelehrtenrepublik an verschiedenen Orten und mit sehr losen und weiten räumlichen Grenzen. Medien jedoch, Verlage oder überhaupt der Buchmarkt spielen für Neumann keine Rolle, weil alles immer ganz nah und anschaulich passieren muss. Nur beiläufig und knapp geht es um den Gehalt der journalistischen, philosophischen, literarischen und literaturkritischen Arbeiten. Neumann traut seinen Lesern kein großes Interesse an der Sache zu. Wer Bescheid weiß, erfährt nichts Neues; wer sich nicht auskennt, dürfte wenig von dem verstehen, was an frühromantischer Philosophie oder Poesie vorbeifliegt.

Jede Information wird, soweit es irgendwie geht, in Begegnungen und Nahverhältnisse übersetzt. So erfahren wir, dass Goethe bei Tiecks Lesung aus der "Genoveva" im Sessel saß, seine Beine in eine Decke gewickelt und sich am Ende eine Milchhaut auf der Trinkschokolade gebildet hat, dass Tieck ein bedachtsamer Vorleser und Goethe ein aufmerksamer Zuhörer war. Worum aber ging es Tieck eigentlich bei diesem Heiligen-Drama? Welchen ästhetischen Absichten verdankte es seine monströse, überaus radikale Form?

"Jena 1800" erscheint als Sachbuch. Man muss das betonen. Hier geht es nicht um einen historischen Roman. Im Siedler-Verlag aber ist dieser Text falsch platziert, weil er dem dramatischen Effekt alles opfert. Der erste Satz legt die Stimmungslage fest: "Die Erde zittert". Dann folgt die Vorlage für eine TV-Historiendoku: Aus dem Hintergrund tönen atmosphärische Klänge (klirrende Fensterscheiben, Kanonendonner), die Kamera schweift über eine nicht sehr kostspielig zu drehende Szene (Menschen liegen angezogen im Bett und fürchten die kommenden Ereignisse). Dazu raunt die Stimme aus dem Off: "Bald schon werden Schüsse der französischen Patrouillen durch die engen Gassen hallen. Eine ganz neue Welt wird sich vor den Bürgern auftun. Szenen, die sie niemals für möglich gehalten hätten." Daraufhin folgt die Vorwegnahme eben jener "Szenen" ("hungrige Soldaten" durchstreifen plündernd die Straßen). Und schließlich das Finale: "Es liegt Krieg in der Luft. Und Krieg wird es geben. Hier in Jena soll sich alles entscheiden".

Die kleine Stadt gerät mit der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806 in die Weltgeschichte. Keiner der "freien Geister" jedoch, von denen dieses Buch berichtet, befindet sich zu diesem Zeitpunkt noch in Jena. Sie sind schon lange weggezogen oder tot. Mehr noch: Im Lauf der Napoleonischen Kriege verabschiedeten sich die einstigen Frühromantiker vom Lob des Chaos' und der schönen Verwirrung. Statt Unruhe zu stiften, bemühten sie sich nun um Ordnung. War das Verrat an der intellektuellen Revolution?

Als Rüdiger Safranski vor elf Jahren die "Romantik" als "eine deutsche Affäre" beschrieb, hatte er eine Leitidee: Die Romantik verwaltet in metaphysischen Zeiten die geistig obdachlos gewordenen Energien der Religion und lenkt sie - teils progressiv, teils konservativ - in künstlerische, soziale oder politische Utopien. Darüber kann man sich Gedanken machen und vielleicht auch streiten. Neumann gibt dazu leider keinen Anlass.

© SZ vom 10.10.2018
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