Süddeutsche Zeitung

Kulturgeschichte:Fanatiker im Rausch

Catherine Nixey schildert, "wie die Christen die Antike zerstörten" - und begnügt sich mit Vereinfachungen.

Welch ein Titel: "Heiliger Zorn". Und welch ein Thema: "Wie die Christen die Antike zerstörten". Schon im Klappentext werden Tempel zertrümmert, Bücher verbrannt und Menschen verfolgt. Dann geht es richtig los: Erst verwüsten bärtige, schwarz gekleidete Fanatiker im Namen ihres Gottes heilige Stätten in der Wüstenmetropole Palmyra; drei Jahrzehnte später ermordet eine Schlägertruppe, die der gewaltbereite Bischof Kyrill von Alexandria losgelassen hat, auf unvorstellbar grausame Weise Hypatia, die bedeutendste Intellektuelle der gesamten Antike; und am Ende schließen glaubensstarke Fundamentalisten die berühmteste Philosophenschule des Altertums, die Athener Akademie.

Kaum war das Christentum, das einst im Römischen Reich verfolgt wurde, toleriert, brachte es Tod und Verderben über alle Andersgläubigen, so lautet die eingängige Botschaft von Catherine Nixey. Abgehackte Arme und Beine blieben als Warnung auf den Straßen liegen. Aber nicht nur Spinner und Exzentriker steigerten sich in einen Rausch der Zerstörung, sondern auch "Männer im Herzen der katholischen Kirche" - wie Augustin von Hippo und Martin von Tours. Nicht zu vergessen: Mit dem kulturellem Erbe dieser Religion ist es auch nicht weit her. Denn "stumpfe Gleichgültigkeit und schiere Dummheit" der frommen Christen weihten 99 Prozent der antiken Literatur dem Untergang.

Das Buch überzeugt in keiner Hinsicht, es verrät mehr über unsere Zeit als über die Spätantike

Zum Glück gefielen die Carmina des römischen Dichters Catull dem Bischof Rather von Verona so sehr, dass er um die Mitte des 10. Jahrhunderts eine Handschrift aufbewahrte. Nur deshalb kann die englische Autorin mit einem Originalzitat gegen die ungesunde Prüderie der lustfeindlichen Kirchenväter Basilius und Hieronymus anschreiben: "Ich werde euch in den Arsch und in den Mund ficken." Solche sprachlichen Freiheiten beeindrucken am meisten in einem Werk, das vollmundig verspricht, "eine andere, bislang kaum bekannte Geschichte des Christentums" zu erzählen, die "außerhalb entsprechender Fachkreise einem breiten Publikum" nicht bekannt sei. Die moderne Welt habe das Ausmaß der Zerstörung aus der kollektiven Erinnerung getilgt, so behauptet die Historikerin und Journalistin, und impliziert damit, dass die Welt bis zum Jahre 2017 auf dieses vermeintlich aufklärerische Manifest warten musste, das nun in deutscher Übersetzung vorliegt.

Das Buch überzeugt in keiner Hinsicht. Souverän werden die detaillierten Forschungen der letzten Jahrzehnte ignoriert, die den Nachweis erbracht haben, dass auch im 4. und 5. Jahrhundert religiöse Konflikte keineswegs die Regel waren, sondern eher die Ausnahme darstellten. Angehörige unterschiedlicher religiöser Gruppen pflegten durchaus einen zwanglosen und sogar freundschaftlichen Umgang. Gewiss gab es die von Nixey drastisch geschilderten gewalttätigen Übergriffe; aber sie waren nicht exklusiv durch religiöse Gegensätze bestimmt. Ihnen lagen häufig soziale, ökonomische, politische und ethnische Konkurrenzen und Konflikte zugrunde. Zunehmend missbrauchten einzelne Bischöfe vor Ort ihre neue Macht, um sich durch die Marginalisierung und Verfolgung anderer Gruppen zu profilieren. Dabei traf es nicht nur heidnische, sondern auch jüdische und andere christliche Gemeinschaften, die als Ungläubige und Häretiker diffamiert wurden. Von der Säkularisierung innerkirchlicher Auseinandersetzungen, die maßgeblich zu gewalttätigen Eskalationen in einzelnen Städten beitrugen, ist bezeichnenderweise nur am Rande die Rede. Dabei übersieht Nixey, dass staatliche Beamte und bisweilen die Kaiser selbst theologischen Dissens personalisierten, indem sie widerstrebende Bischöfe exilierten und damit bestehende Spannungen in der Bevölkerung verstärkten.

Auch wenn Nixey ausführlich aus Alexandrien, Antiochia, Konstantinopel und Oberägypten berichtet, verwischt sie lokale Differenzen und extrapoliert aus dem Quellenbefund ein homogenes Bild, in dessen Zentrum gewaltbereite Christen altgläubige Polytheisten durch die Straßen jagten. Um die abstoßenden Ereignisse hautnah berichten zu können, schreibt die moderne Opferanwältin christliche Historiker und Hagiographen aus der Spätantike aus, deren Glaubensgewissheit sie längst verloren hat, deren heilsgeschichtlich konditionierte Botschaft eines finalen Kampfes gegen die Heiden sie jedoch unkritisch reproduziert. Aber theoretische Reflexionen sucht man ohnehin vergebens: Die von Jan Assmann ausgelöste internationale Diskussion um den "Preis" des Monotheismus, der angeblich den Anspruch auf absolute Wahrheit verkörpert und einen theologischen Pluralismus verunmöglicht, ist offenbar an Nixey völlig vorbeigegangen.

Geradezu absurd ist der Anspruch, ein neues Bild der Geschichte des frühen Christentums zu zeichnen. Schon Jean-Jacques Rousseau geißelte den engen Konnex zwischen christlicher Offenbarung und religiöser Intoleranz, und Voltaire sah im Christentum nicht länger ein sinnstiftendes Element, sondern vielmehr ein destruktives Moment der Geschichte. Der französische Aufklärer ist in eine Fußnote verbannt, und der Historiker Edward Gibbon, der wortgewaltig "the intolerant zeal of the Christians" kritisierte, wird zu einem Stichwortgeber degradiert. So kann man wissenschaftliche Traditionen auslöschen.

Das Buch sagt mehr über die Biografie der Autorin und die Zeit seiner Entstehung als über die Spätantike. Die Autorin wuchs in Wales als Tochter einer ehemaligen Nonne und eines ehemaligen Mönchs auf und will, wie sie selbst ausführt, in der Familie nichts über die Gewalt der frühen Christen erfahren haben. Das Versäumte wird nun vor den Augen eines weltweiten Publikums nachgeholt. Das Buch liest sich wie eine polemische Offenbarungsschrift, mit der sich die Apostatin vom omnipräsenten Einfluss der katholischen Kirche befreien möchte. Geschrieben wurden die Zeilen, als ein neues islamisches Kalifat weite Teile Syriens kontrollierte. Programmatisch steht am Anfang die Zerstörung des antiken Athenetempels in Palmyra; die aggressiven Christen des vierten Jahrhunderts werden en passant mit den Angreifern des "Islamischen Staats" gleichgesetzt, die 2015 die restaurierte Statue der Göttin erneut attackierten. Aber wie diese primitiven Schergen nicht für den gesamten Islam stehen, sind die christlichen Gewalttäter nicht repräsentativ für das spätantike Christentum.

Nixey unterlässt diese notwendige Unterscheidung. Ihr Buch passt in eine Zeit, in der man mit einfachen Antworten schnell bei der Hand ist. Es ist zu bedauern, dass die Autorin, eine studierte Historikerin, ihr schriftstellerisches Talent, das auch in der deutschen Übersetzung aufblitzt, nicht genutzt hat, um eine intellektuell anspruchsvolle, differenzierte populärwissenschaftliche Darstellung zur Gewalt im frühen Christentum vorzulegen. Statt dessen schlägt sie sich auf die Seite der terribles simplificateurs und karikiert damit ihren Anspruch, aufklären zu wollen.

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SZ vom 25.07.2019
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