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Kulturgeschichte der Verhüllung:Schleier sind keine Sympathieträger mehr

Verschleierte Frauen auf Shopping Tour in München Deutschland

Für viele Deutsche stehen verschleierte Frauen (wie hier in der Münchner Innenstadt) für Unterdrückung.

(Foto: imago/Michael Westermann)

Dabei verdanken wir dem Stoffgehänge mehr als nur ein Feindbild. Eine Ausstellung in Düsseldorf zeigt die Kulturgeschichte der Verhüllung. In Zeiten von Selfie-Wahn und Selbstdarstellung liefert sie eine wichtige Erkenntnis.

Schleier sind heute keine Sympathieträger mehr. Sie werden im Westen kaum noch genutzt, schon deshalb, weil der Damenhut, an dem sie sich befestigen lassen, außer Mode ist. Selbst viele Bräute tragen ihre Schleier oft nur noch als halbironisches Zitat an eine längst verwehte Vergangenheit; kaum eine behält das fein gewebte Tüchlein eine ganze Feier lang an.

Wir haben nichts zu verbergen, schon gar nicht unser Gesicht. Schleier, das klingt irgendwie nach schamhafter Verhüllung, nach Verstecken, wenn nicht gar nach kriminellen Machenschaften. Schleierfahndung. Der Schleier des Vergessens. Einen Schleier vor den Augen haben, ihn lüften, ach was: herunterreißen, wenn nötig, mit Gewalt. Der Schleier dient nur noch seinem Gegenteil, der großen Geste der Enthüllung, die manchmal bloß ein Entkleiden ist. Wie das rote Tuch beim Stierkampf ist er lediglich Reizauslöser. Als Ding, als Objekt bedarf er scheinbar keiner genaueren Betrachtung.

In diesen selbst schon schleierhaften Nebelschwaden der Ignoranz entschwindet das Wissen über die abendländische Kulturgeschichte des Textils. Sie handelt von weit mehr als von altertümlichen Kleiderordnungen. Der Schleier und sein schwerfälliger Verwandter, der Vorhang, sind die Überraschungskünstler des alten Europas; sie lehrten die Menschen, Aufmerksamkeit zu spenden für das, was sich hinter der Blickbarriere befindet. Sie brachten sie zum Beten und Staunen, zeigten ihnen die Sehnsucht und die Erfüllung, den Respekt vor gesellschaftlicher Ordnung, aber auch das Vergnügen, eben diese nachhaltig zu stören.

Die Ausstellung verirrt sich nicht in Worthülsen, biedert sich keinem Diskurs an

Wir verdanken dem Stoffgehänge viel mehr als nur ein Feindbild und es ließe sich überlegen, ob in der Abwehr gegen jede Form auch moderater Kopftücher, Burkinis und anderer muslimischen Verhüllungstricks nicht ein kleines bisschen Flucht vor der eigenen Geschichte steckt.

Auf diesen Gedanken kommt, wer sich an einem regnerischen Herbsttag dem präfaschistischen roten Klotz nähert, in dem in Düsseldorf das Museum Kunstpalast residiert. Der Bau starrt einen an und auch den Rhein, er präsentiert sich nicht nach und nach, sondern tritt einem sofort gebieterisch gegenüber. Die subtile Kunst des sachten Zu- und Entdeckens war in der Bauzeit, den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts, bereits ausgestorben.

Dieser Kunst widmet das Museum seine große Herbstausstellung unter dem Titel "Hinter dem Vorhang. Verhüllung und Enthüllung seit der Renaissance" (bis 22. Januar, Katalog im Hirmer Verlag für 39,90 Euro, Info: www.smkp.de). Sie ist verblüffend. Denn sie verirrt sich nicht in Worthülsen, biedert sich keinem Diskurs an, sondern führt Gemälde für Gemälde, Skulptur für Skulptur vor Augen, woher unsere Art zu sehen und damit zu denken kommt: aus der alten Kunst des Geheimnisses und der Offenbarung, dem Spiel von Täuschung, Spannung und Wahrheit. Dafür sind die Vorhänge und Schleier da.

Zu den Gründungsmythen der Kunstgeschichte gehört der Wettstreit der griechischen Maler Zeuxis und Parrhasios. Zeuxis malte einige Trauben so realistisch, dass Vögel herbeiflogen, um an ihnen zu naschen. Er sah sich schon als Sieger. Dann führte Parrhasios seinen Rivalen vor ein Gemälde mit leinenem Vorhang. Zeuxis forderte den Kollegen auf, den Stoff wegzuziehen, damit er das Bild betrachten könne - und verlor so den Wettstreit. Denn Parrhasios hatte den Vorhang nur gemalt. Seine Augentäuschung war noch perfekter als die des Konkurrenten, der seiner eigenen Lust an der Enthüllung erlag.

Diese Geschichte verwob sich seit der Renaissance mit den biblischen Stoffen, wie die Schau zeigt. Ein Vorhang trennt und vermittelt zwischen Erde und Himmel, Sichtbarem und Unsichtbarem. Maria trägt nicht nur einen großen, wärmenden Umhang, sie wird etwa bei der Verkündigung auch von einem Stoffbaldachin geschützt.

Auf einer Darstellung von Hans Holbein dem Älteren hinterfangen drei Engel Marias Rücken und Hinterkopf mit einem üppigen Tuch. So geborgen mag die Madonna sogar ihre Brust unverdeckt lassen, obwohl das Jesuskind gerade nicht trinkt, sondern sich nur an ihre nackte Haut schmiegt. Die Freiheit, sich selbstbestimmt zu zeigen und wohlig zu entblößen, hat nur, wer sich aufgehoben fühlt.

Den Blicken der Betrachter entkommt sie nicht

Ist dem nicht so, endet Nacktheit schnell in Gewalt. Susanna schützt sich im ausgestellten Gemälde Franz von Stucks nur mühselig mit ihrem Badetuch vor der Gier der schaulustigen Alten. Den Blicken der Betrachter aber entkommt sie nicht.

Es ist immer wieder der Frauenkörper, an dem sich das ganze Drama von Verheißung und Beleidigung, Öffentlichkeit und Sichtschutz entfaltet. Im Venedig der Renaissance kursierte ein Benimmbuch, das besser gestellten Mädchen befahl, ihr Haar zu bedecken und die Lider zu senken. Von allen Männern durften sie nur den Brüdern und dem Vater in die Augen schauen. Das herrische Blickregime der arabischen Gesellschaften, die ihre Frauen bis ins Gesicht hinein verkleiden, ist der europäischen Geschichte nicht gänzlich fremd.

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