Kulturgeschichte Der Mensch ist, was er spielt

Die Bonner Kunsthalle zeigt in ihrer aufwendigen Ausstellung "Playground Project", wie gesellschaftliche Veränderungen das Konzept von Spielplätzen über die Jahrzehnte geprägt haben.

Von Harald Eggebrecht

Wer will, kann überall spielen. Selbst auf Müllkippen, Schrottplätzen, Holzkontoren oder Baustellen. Auch Schuttberge und zerbombte Häuser vermögen Kinder in Spielgelände zu verwandeln mit Verstecken und Suchen, Jagen und Fangen, Erkunden und Graben. Auf dem Land, zumal in früheren Zeiten, ist das leichter, weil alles "spielend" in Abenteuergelände umgedeutet werden kann. Aber auch jene Areale in größten Städten, auf denen sich Sandkästen, eine Rutsche und ein irgendwie geartetes Klettergerüst finden, können Kinder mit ihrem Spiel erobern und ihrer kreativen Lust und Laune unterwerfen.

Spielplätze müssen keineswegs so simpel und banal sein, wie manche Vorstädte suggerieren

Auch die Bonner Bundeskunsthalle kann zurzeit beim "Playground Project" von Kindern (freier Eintritt bis 18 Jahre!) furios erstürmt werden. Sie können sich tollkühn auf dem Dach des Museumsbaus von Gustav Peichl in die Riesenrutschspirale des belgischen Designers Carsten Höller stürzen, hinuntersausen und unten gleich in Jeppe Heins, bei diesen Sommertemperaturen unwiderstehlichen, "Wasserpavillon" springen. Oder sie fegen als kühne Skater durch die riesige bemalte Halfpipe, die der Luxemburger Michel Majerus einst entworfen hat und deren Bildtextur erst vom Dach aus gesehen ihren Witz entfaltet, wenn man nicht hin und herskaten kann.

Oben auf dem Dach kann man auch tischkickern mit einem Frauenteam nach dem Konzept von Ina Weber, Tischtennis spielen an spiegelnden Platten des Argentiniers Rirkit Tiravanija oder in einem Karaoke-Container von Christian Jankowski "performen". Außerdem gehören Schaukeln in verschiedensten Höhen, gestaltet von der dänischen Künstlergruppe Superflex, ebenso zum Ausstellungsinventar wie viele Arten des Versteckens hinter ungewöhnlichen Gartenzwerg-Kreationen von Thomas Schütte oder zwischen und in den Kunstfelsen von Alvaro Urbano. Ólafur Elíasson bietet schließlich einen riesigen Legosteinhaufen auf, aus dem ganze Städte errichtet werden können.

Gerade diese neu konzipierten Spielgeräte, in denen sich künstlerische Ambition und Einladung zum robusten Gebrauch fröhlich oder, wenn mancher Hintersinn mitgedacht wird, auch nachdenklich mischen, machen klar, dass Spiel und Spielplatz keineswegs so simpel eindeutig und banal sein müssen, wie man meinen könnte angesichts so mancher trüber Lochwürfel und Fliegenpilzhäuschen in den tristen Vorstädten. Dass Spielanlagen und "Playground"-Konzepte auch von Gesellschaft und ihren Veränderungen künden, liegt auf der Hand. Und natürlich lassen sich um das Spiel als urmenschlicher Tätigkeit schöne philosophische Ranken winden, wie es etwa Friedrich Schiller in der "ästhetischen Erziehung des Menschen" getan hat: "Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt." In ihrem höchst informativen Begleitbuch hat Gabriela Burkhalter wichtige Stationen in der Entwicklungsgeschichte des Spielplatzes geschildert und eben die soziologischen, philosophischen und ästhetischen Überlegungen dazu eingeordnet.

Das "Experiment mit Röhren" stammt von Riccardo Dalisi und fand in Neapel 1972 statt.

(Foto: Riccardo Dalisi; Katalog)

Im großen Saal der Kunsthalle ist in wohlgeordnetem Durcheinander eine Rückschau inszeniert, wie sich Spielplatzvorstellungen entwickelten und veränderten in den Städten im Laufe des 20. Jahrhunderts. Zuerst ging es darum, Kinder von der Straße zu holen und ihnen in umzäunten Arealen anderes zu bieten als die Gefahren von Streunerei, Verwahrlosung oder sogar Absinken in kriminelle Milieus mit Gelegenheitsstraftaten. Der Playground als Schutzraum wurde in den Vierzigerjahren aber abgelöst von der Idee des im Spiel kreativ werdenden Kindes. 1943 entstand in Kopenhagen der erste Gerümpelspielplatz nach den Ideen von Carl Theodor Sørensen, die Urform des Abenteuerspielplatzes, der bis heute in den verschiedensten Varianten fortlebt. Dort fertigen und basteln die Kinder ihre eigenen Welten zusammen, wobei Grundformen wie Rutsche, Wasserloch und Klettergerüst immer mit dabei sind.

Sicherheitsbedenken machen das Kinderspiel ab den Achtzigern zu einer Art bewachtem Auslauf

Doch auch abstrakte Konzepte funktionieren. Das zeigen etwa die beweglichen auf den Gleichgewichtssinn ausgerichteten Netzkonstruktionen des ehemaligen Profiboxers Joseph Brown oder Kletterskulpturen wie die von Günther Beltzig, in die man schlüpfen, sie von innen ersteigen und dann von oben auf ihnen herunterrutschen kann. Die 68er-Bewegung löste neue Impulse aus für Spiel als anarchisches Tun und für die freie Entwicklung des Kindes. Die Münchner Gruppe KEKS (Kunst, Erziehung, Kybernetik, Soziologie) wurde 1970 sogar zur Kunstbiennale nach Venedig eingeladen, um zu zeigen, wie der Playground als Kreativlernquartier für Kinder, aber auch für Eltern und Studenten funktionieren kann.

Doch alle Herrlichkeiten solcher gesellschaftlich emanzipatorischer Spielplatzideen enden in den Achtzigerjahren, als Beaufsichtigung, Risikoangst, Sicherheitsbedenken das Kinderspiel zu einer Art bewachtem Auslauf machen. Dementsprechend ziehen sich Künstler und Architekten zurück, weil sich kaum mehr prägnante Entwürfe verwirklichen lassen. Außerdem kommt mit den Bildschirmspielen eine Konkurrenz auf, die Rutschelefanten oder Planschbecken, Sandkuhlen oder Schaukeln seltsam gestrig aussehen lassen, auch wenn die Notwendigkeit körperlicher Bewegung unabweisbar bleibt.

In der Ausstellung sind viele Entwürfe aus 100 Jahren in Modellen zu sehen, manche auch in besteigbarer Größe, von den Kindern auch sogleich getestet, darunter der viellöchrige Lozziwurm von Ivan Pestalozzi aus den Siebzigerjahren. Dass die so einfachen wie ungemein vielfältig zu nutzenden Spiellandschaftsprojekte des New Yorkers Isamu Noguchi in den USA scheiterten, verwundert. Denn Hügel und Teich als einander entsprechende Urformen können jederzeit kindliche Spiellaune wecken.

Ganz aktuell sind die Spielorte auf dem Dach der Bonner Kunsthalle, die Künstler extra für die Ausstellung entwarfen.

(Foto: Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH)

Die neuen Entwürfe, etwa Höllers Rutschspirale und Jeppe Heins raffinierter Wasserpavillon, funktionieren ebenfalls mühelos, weil sie archaische Wünsche nach Geschwindigkeit, Schwindel, Abkühlung und lustvollem Tanz im Regen erfüllen. Insgesamt jedenfalls präsentieren die hier eingeladenen Künstler eine solche Vielfalt an Verspieltheit, kauzigem Witz und beiläufig tieferer Bedeutung, dass einem um die Zukunft des Spielplatzes keine Bange ist. So konkret er als Ort ist, so viel Utopie kann er in sich haben, wenn die Menschen mit ihm spielen.

The Playground Project. Outdoor & Indoor. Bundeskunsthalle bis 28. Oktober 2018. www.bundeskunsthalle.de. Gabriela Burkhalter, Katalogbuch. jrp/ ringier Zürich 2018. 288 Seiten, 34 Euro und Ausstellungsführer, 80 Seiten, 9 Euro.