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Kulturgeschichte der Klimaanlage:Im ewigen Mai

Japan

Die US-Amerikaner verbrauchen nur für ihre Klimaanlagen so viel Strom, wie ganz Afrika für alles verbraucht, inklusive Industrie.

(Foto: iStockphoto)

Das Klima zu bezwingen ist ein alter Traum der Menschheit. Immer mehr Menschen können es sich leisten, ihren Alltag zu klimatisieren. Doch je mehr wir kühlen, desto heißer wird es draußen.

Von Johan Schloemann

Wie bitte? Es ist Sommer, und es ist heiß? Manche kriegen das wohl erst jetzt, am Wochenende, so richtig mit. Vorher nämlich, in der Arbeitswoche, haben sie es lieber so gehalten: Morgens ins klimatisierte Auto gestiegen, in die Tiefgarage gefahren, dann mit dem Aufzug ins gut gekühlte Büro. Und abends erst dann wieder nach Hause, wenn auf der heimischen Terrasse schon ein angenehmes Lüftchen weht. Dazu, plopp, ein kühles Getränk und, aaah, Feierabend.

Das Leben spielt sich heute mehr und mehr in einer Umgebung ab, "die weltweit das Klima eines mitteleuropäischen Mai-Tages simuliert", schreibt die Kulturwissenschaftlerin Eva Horn in einem aktuellen Aufsatz mit dem Titel "Air Conditioning". Das heißt: Drinnen sind es etwa zwanzig Grad, ganz gleich, in welcher Jahreszeit, und die Luft ist nicht zu feucht. So kann man wunderbar arbeiten. Oder das Arbeiten simulieren, indem man den halben Tag an seinem Computer irgendetwas herumklickt.

In den USA ist Kälte eine Statusfrage

Zu unseren gut eingeübten Vorurteilen gehört dieses: Die Amerikaner spinnen, weil sie überall Klimaanlagen haben und alles herunterkühlen. Wir nicht. Teil eins dieses Vorurteils ist absolut zutreffend: Die Amerikaner spinnen mit ihren Kühlungen. Anstatt im Schatten auf dem Schaukelstuhl auf der Veranda zu sitzen und dem Zirpen der Grillen zuzuhören, wie sie es in ihren alten Filmen taten, bleiben sie drinnen in ihren eiskalten Häusern und schauen fern.

Gerne ist es da auch noch einmal kälter als 20 Grad, das ist eine Statusfrage. Die US-Amerikaner verbrauchen nur für ihre Klimaanlagen so viel Strom, wie ganz Afrika für alles verbraucht, inklusive Industrie. In amerikanischen Städten kann der Passant jederzeit vom herabtropfenden Kondenswasser getroffen werden; es gibt dafür den Begriff "A/C Pee", also Klimaanlagen-Pipi.

Teil zwei des Vorurteils aber, es handele sich dabei nur um eine amerikanische Unart, ist inzwischen passé. Die Kältetechnik erobert längst auch unsere gemäßigte Zone, die das angeblich nicht nötig hat. Natürlich gibt es in Europa immer noch viele Orte, an denen man nicht im Kühlschrank sitzt. In Deutschland sind bisher nur etwa 750 000 Klimaanlagen fest in Privatwohnungen installiert, das hat das Institut für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt ermittelt. Aber nach einigen Hitzewellen - etwa der Jahre 2003, 2013 und jetzt vielleicht auch 2015 - steigt das Interesse.

Ohne dauerhaft erzeugtes künstliches Klima gäbe es gar kein Internet

Vor allem aber gewöhnen wir uns immer mehr an die Klimatisierung am Arbeitsplatz und in öffentlichen Räumen. Im Bus, im Auto, in Geschäften, Cafés und Einkaufszentren, im Kino, in Hotels, überall wird jetzt weniger geschwitzt - und nicht zuletzt im ICE der Deutschen Bahn, wo man berüchtigterweise im Sommer entweder einen Wollpullover dabei haben oder, bei Ausfall der Anlage, den Erstickungstod fürchten muss, weil es kein Fenster gibt.

Und die seit Jahrzehnten immer noch gerne gebauten Büro-Glastürme, die optisch Durchlässigkeit vorgaukeln, verlangen alle nach aufwendiger Kühlung und Lüftung. Das gilt auch für die Computer und die riesigen Serverfarmen, in denen die lokalen und weltweiten Netzwerke bewirtschaftet werden. Ohne dauerhaft erzeugtes künstliches Klima gäbe es gar kein Internet.

Reaktion auf den Klimawandel

Dass Klimaanlagen mittlerweile auch in Deutschland, in Mitteleuropa so populär sind, wie es vor zwanzig, dreißig Jahren noch undenkbar war, fügt sich so in eine globale Bewegung. Der Bedarf an Kühlung und Senkung der Luftfeuchtigkeit reagiert zum Teil schon auf den Klimawandel, den er seinerseits dann wieder befördert. Vereinfacht gesagt: Je mehr wir kühlen, desto heißer wird es draußen.

Deswegen ist es kein Zufall, dass sich in letzter Zeit die Rückblicke auf die Auswirkungen der modernen Klimaanlagen ebenso häufen wie die Fragen, wie es weiter geht. Zur Erfindung durch den Ingenieur Willis Carrier im Jahr 1902 erschien 2002 das Buch "Cool Comfort: America's Romance with Air-Conditioning" von Marsha Ackermann; 2014 kam "Cool: How Air Conditioning Changed Everything" von Salvatore Basile heraus.

Komplett abgeschirmt vom natürlichen Klima

Geht es da um die wirtschaftliche Erschließung des amerikanischen Südens - effektive Büroarbeit im nordeuropäischen Takt wäre etwa in Texas oder Arizona ohne Klimaanlagen schlicht unmöglich - oder um den Aufstieg von Hollywood durch die klimatisierten Kino-Säle seit den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts, so ruft heute der amerikanische Landwirtschaftsexperte Stan Cox, Autor des Buches "Losing Our Cool" (2010) seine Landsleute zur Umkehr im globalen Interesse auf. Er kritisiert die billige Bauweise vieler Neubauten, die einer natürlichen Klimatisierung wie in europäischen Altbauten aus Stein entgegensteht; und er verweist auf Prognosen, wonach sich die Nachfrage nach Klimatisierung privater Wohnräume bis 2050 weltweit verzehnfachen wird.

Genau dort, wo die Wirtschaft und die Ansprüche der Mittelklassen expandieren, in Asien, wird der ohnehin schon hohe Bedarf an Kühlung durch die globale Erwärmung noch einmal zusätzlich zunehmen. Metropolen wie Singapur oder Dubai haben das gesamte Geschäfts- und Alltagsleben beinahe komplett vom natürlichen Klima abgeschirmt; die verrückte Aircondition-Fußball-WM in Qatar im Jahr 2022 steht dafür.

Montesquieu meinte noch, man brauche in heißen Zonen andere Gesetze als in kalten

Angenehme, gemäßigte Bedingungen zu schaffen und das Klima zu bezwingen, ist ein alter Menschheitstraum - "nicht ein Produkt der Komfortgesellschaft des 20. Jahrhunderts", so Eva Horn in ihrem Essay in der jüngsten Nummer der Zeitschrift Sinn und Form, "sondern Kern des zivilisatorischen Projekts".

Der Aufklärer Montesquieu (1689-1755) meinte noch, man brauche in heißen Zonen andere Staatsformen und Gesetze als in kalten Zonen. Doch dann arbeitete man an der globalen Durchsetzung einer universal angemessenen (europäischen) Temperiertheit: Noch bevor die Kühlung des Südens technisch realistisch war, träumte man davon - und schuf umgekehrt im neunzehnten Jahrhundert schon mal Glaspaläste zur Simulation mediterranen Klimas im Norden. Das sind jene künstlichen Klimata unter Glas, Pioniere des Treibhaus-Effektes gewissermaßen, die der Philosoph Peter Sloterdijk in seinem "Sphären"-Projekt untersucht hat.

Ganze Kulturformen und Lebensweisen könnten ausgelöscht werden

Wenn nun umgekehrt die ganze Welt klimatisiert werden soll, weil Moderne trotz aller Katastrophen-Ängste und Ressourcen-Endlichkeit immer noch heißt, "die Prägung des Menschen durch die Atmosphäre abzuschütteln" (Eva Horn) - dann liegt auf der Hand, dass damit auch ganze Kulturformen, Lebensweisen und saisonale Rhythmen ausgelöscht werden.

Die globale, nie schwankende Büro- und Flughafentemperatur zielt auf die 100-prozentige Leistungsfähigkeit des menschlichen Körpers und Geistes. Das träge Sommergefühl; die Flucht in den Schatten; die tropische Lässigkeit, die gerade nicht "cool" ist; die lange Pause mitten am Tag; die bewährten Bauweisen, die natürliche Kühl-Effekte nutzen; ja, sogar die Zügelung des Appetits bei hohen Temperaturen - das ganze Auf und Ab des Lebens, all das wird durch den Siegeszug der Klimaanlage unterdrückt. Und zwar auch dort, wo man auch ohne sie gut leben könnte. Und dann schauen wir aus unseren temperierten, kontrollierten Räumen nach draußen - und sehen, wie dort das Klima immer unberechenbarer wird.

© SZ vom 04.07.2015/khil
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