Süddeutsche Zeitung

Kunst und Corona:Wie der Kulturbetrieb wieder in Gang kommt

Wie probt ein Knabenchor derzeit? Wie dreht man eine Liebesszene mit 1,50 Metern Abstand? Reisen durch eine Branche, die versucht, trotz Corona weiterzumachen.

Heute gibt es im Thomaner-Wohnheim Hühnerfrikassee mit Erbsen, dazu gemischten Salat. Das Dressing ist hier immer ein bisschen süßer als üblich, weil viele Kinder am Tisch sitzen. Normalerweise. Eigentlich wohnen alle Thomaner hier, im "Kasten". Doch jetzt sind nur noch vier von ihnen übrig; alle, die aus Leipzig stammen, wurden, als die Seuche da war, nach Hause geschickt.

Die großen Tische im Speisesaal sind verwaist, nur ein einziger ist besetzt. Dort sitzen Erwachsene, die in der Küche arbeiten, in der Kleiderkammer oder als Erzieherinnen. Die Stimmung drückt ihnen allen aufs Gemüt. Statt des Nachwuchses, der singend und pfeifend durch die Gänge tobt, haben sie nur noch sich. Und die Hoffnung, dass endlich die Talsohle erreicht ist. Dass wenigstens noch ein großes Konzert vor der Sommerpause zustande kommt, bevor der Abiturjahrgang sich in alle Winde zerstreut.

Jetzt sind sie schon dankbar, wenigstens wieder proben zu dürfen, wenn auch im ganz kleinen Kreis. Für ihre erste "Motette" am vergangenen Samstag in der Thomaskirche. Bei den Thomanern hat unter strengen Auflagen gerade der Einzelunterricht wieder begonnen. Beim Instrumentalunterricht tragen Lehrer und Schüler Maske, beim Gesangstraining singt der Schüler in einen großen Spiegel, der Lehrer steht in gebührendem Abstand hinter ihm. Der Lehrer muss ja sehen können, wie der Schüler atmet, wie er dasteht, wie der ganze Körper den Ton gestaltet.

"Ihr seid doch mutige Kerle", ruft der Kantor. Aber diese Krise macht auch die Stimmen dünn

Schwarz schlendert entspannt durch den Speisesaal in Richtung Probenraum. Zumindest sieht es so aus. Dabei ist alles genau abgezirkelt. Der Kunststoffboden ist zugepflastert mit Streifen in rotweiß und schwarzgelb, konterkariert von grünen Fußabdrücken, die zeigen, wo und in welcher Richtung man sich problemlos bewegen kann. "Man muss den Kindern ja positive Hilfestellungen geben, nicht nur Verbote", sagt der fröhliche Heimleiter Thoralf Schulze, der durch die Flure eilt und dabei immer ein bisschen gehetzt wirkt, als könne er die Zeit, bis alles wieder normal ist, ein bisschen antreiben. Stolz führt er in den neuen Probensaal aus Glas, Stahl und seitlichen Akustikpaneelen aus Holz, der geradezu danach schreit, mit Musik gefüllt zu werden.

Doch das fällt heute schwer. Wo sonst ein Halbkreis von Chorsängern ist, stehen gerade mal drei Viertklässler in einem weiten Dreieck. Das Gesundheitsamt hat Kleingruppen von fünf Sängern erlaubt, was bedeutet: Es gibt etwas fünfmal so viele Proben, jede maximal 25 Minuten lang, danach fünf Minuten Lüftungspause. Thomaskantor Schwarz wird dabei von älteren Schülern unterstützt, die das Einsingen leiten und den schönen Titel "Cantor famulus" tragen.

Vor Wochen schon haben die jungen Sänger die Noten bekommen für Bachs Motette "Lobet den Herrn, alle Heiden" und zu Hause brav geübt. Aber nun, so allein im großen Saal, kriegen sie den Mund kaum auf. Die vielen neuen Verhaltensregeln, das Abstandsgebot, das Hände-Desinfizieren schon am Eingang, die darauf folgende Befragung nach Symptomen durch die Krankenschwester, die ganze Situation belastet die Kinder, so sehr sie sich auch Mühe geben, es zu überspielen. "Ihr seid doch mutige Kerle", ruft Kantor Schwarz ihnen zu, aber es hilft nicht viel. Des Herren Lob bleibt heute ein verhaltenes, es wird die Heiden heute nicht erreichen.

Film: Selbst eine einfache Kussszene wäre derzeit eigentlich nicht möglich

Den Münchner Filmproduzenten Uli Aselmann quälen eher weltliche Fragen. Zum Beispiel: Wie soll man eine Liebesszene drehen, wenn die Schauspieler mindestens 1,50 Meter Abstand voneinander halten müssen? Es kursieren schon die irrsten Ideen dafür: "Dass zum Beispiel die Hauptdarstellerin eine Bettszene mit ihrem echten Lebenspartner dreht und der Kopf des Filmpartners dann nachträglich digital draufmontiert wird. Allein, dass man über sowas nachdenkt ist schon Wahnsinn." Aselmann, 63, arbeitet seit Jahrzehnten in der Branche. Er hat mehrere Folgen "Polizeiruf 110" gemacht und Kinofilme wie "Die Musterknaben" und "Winterreise". Aber so etwas wie jetzt hat er noch nie erlebt.

Er empfängt im Erdgeschossbüro seiner Produktionsfirma in Schwabing, die an einem der legendären Münchner Kino-Orte liegt. Nebenan war lange das Restaurant Romagna Antica beheimatet, ein Szenetreffpunkt, wo Bernd Eichinger und Helmut Dietl Hof hielten. Heute ist Eichinger tot, Dietl auch, und in den Räumen des Romagna Antica ist eine Pizzakette eingezogen, die mit bunten Schildern für kontaktloses Abholen wirbt.

Kontaktloses Fastfood, das mag möglich sein, aber kontaktlose Filme? Aselmann seufzt in seinem schwarzen Sessel. Noch im März hatte er mit den Dreharbeiten zu einem Krimi fürs ZDF begonnen, dann musste wegen Corona ein paar Wochen unterbrochen werden, mittlerweile werden die fehlenden Drehtage nachgeholt. "Das Problem ist aber", sagt Aselmann, "dass wir diese Vorgaben, also zum Beispiel den Mindestabstand von 1,50 Meter, auch vor der Kamera einhalten müssen. Selbst eine einfache Kussszene wäre derzeit eigentlich nicht möglich, und Anfassen geht nur, wenn Sie die Darsteller vorher entsprechend lange in Quarantäne schicken." Im Fernsehen und auch in der Werbung ließe sich da noch ein bisschen tricksen. Wirklich große Sorgen macht sich Aselmann um die große Leinwand. "Das Kino lebt von Emotionen, also von Szenen, die wir gerade nicht drehen dürfen. Das ist, wie wenn Sie einem Maler sagen, er darf mit dem Pinsel die Leinwand nicht mehr berühren, sondern nur noch aus 1,50 Meter Abstand die Farbe draufschmeißen."

Während TV-Produktionen langsam wieder die Arbeit aufnehmen, rechnet kaum jemand aus der Branche damit, dass vor dem Sommer, wenn nicht erst im Herbst, wieder fürs Kino gedreht werden kann. Wenn sich ein Darsteller das Bein bricht, ist das blöd, aber dagegen kann man sich versichern. Doch gegen Covid-19 gibt es keine Versicherung: "Die Versicherer sagen, wir versichern ja auch kein Haus, das schon brennt." Und ohne Versicherung traut sich niemand, einen Kinofilm zu drehen.

Kunstmuseum: Die lange erwartete Einzelschau war im März nur einen einzigen Tag zu sehen

Das Abteiberg-Museum in Mönchengladbach zum Beispiel: Ringsum in der Fußgängerzone hängen hässliche Warnschilder an den Schaufenstern, und Absperrbänder lenken die Schritte der Passanten. Doch in dem blendend weißen Museum, einem postmodernen Bau von Hans Hollein, ist nichts zu sehen von hastigen Hygiene-Maßnahmen. Nur die Plexiglasscheibe am Kassentresen und die Kunststoffschilder mit der Bitte, die Treppen einzeln zu benutzen, erinnern an Corona.

"Ich habe hier weder eine gewaltige Maschine am Laufen zu halten noch einen Stapel internationaler Leihverträge zu verlängern", sagt die Direktorin Susanne Titz. "Da gibt es nicht mehr viel einzusparen. Wir haben wenig Geld, können damit aber machen, was wir wollen." Auch dass nach der Wiedereröffnung nicht mehr als hundert Besucher gleichzeitig ins Museum gelassen werden, ist noch kein Problem. Das internationale Publikum kommt zur Zeit ohnehin nicht, ebenso wie die sonst busweise anreisenden Kunststudenten, Kuratorenschüler und Jung-Architekten.

Dennoch war es Titz wichtig, so schnell wie möglich wieder zu öffnen. Denn die lange erwartete Einzelschau der amerikanischen Künstlerin Andrea Bowers war im März nur einen einzigen Tag zu sehen. Die Ausstellung leidet jedoch immer noch unter Corona, denn diese Kunst ist auf Partizipation angelegt, auf Einbindung lokaler Aktivisten, die zu Filmabenden, Diskussionen und Konzerten ins Museum geladen waren. Susanne Titz muss die Ausstellung jetzt neu verankern. Denn auch die Museums-Sonntage sind nicht mehr möglich, zu denen manchmal fast tausend Besucher kamen, die nicht nur den freien Eintritt und die Betreuung von Kindern in offenen Malklassen schätzten, sondern auch das soziale Erlebnis. "Wir möchten gemeinsam mit unserem Publikum überlegen, wie wir das dennoch beibehalten können", sagt Titz, die sich mit offensiver Energie einrichtet in der Situation, durchaus bereit, auf die guten Seiten der Veränderungen zu fokussieren. Beispielsweise, dass sie den rundum verglasten Raum des geschlossenen Cafés zumindest für die Mitarbeiter nutzen kann. "So sind wir jetzt selbst immer inmitten des Museums, inmitten der Kunst."

Theater: Alle tragen Spuckschutzvisiere, gebastelt aus Klarsichthüllen und Haarreifen

Der Regisseur Meinhard Zanger, der am Wolfgang-Borchert-Theater in Münster das Stück "Frauensache" probt, hat die Hygieneauflagen einfach in seine Inszenierung eingebaut: Corona ist Teil des Dramas. Es hilft auch, dass in dem Stück mehr gestritten als geküsst wird.

Dennoch fällt das Spielen unter diesen Umständen nicht leicht. Auf der Bühne sitzen vier Schauspielerinnen mit Sicherheitsabstand auf weißen Stühlen, zwei weitere ganz rechts und links in der ersten Reihe des Zuschauerraums. Sie proben eine Szene mit einer Podiumsdiskussion. Alle tragen Spuckschutzvisiere, gebastelt aus Klarsichthüllen und Haarreifen. Bei so viel Hindernissen, ist es kein Wunder, dass der rechte Schwung fehlt. "Das plätschert so dahin", moniert Zanger und verlangt: "Das soll ein richtiger Streit sein!"

Die Entscheidung der nordrhein-westfälischen Regierung, den Theatern im Land vom 30. Mai an unter bestimmten Voraussetzungen wieder den Spielbetrieb zu erlauben, hat das Team des Wolfgang-Borchert-Theaters genauso überrascht wie alle anderen Kollegen. Manche, die ihre Saison schon für beendet erklärt hatten, blieben dabei; andere nahmen die Proben wieder auf. Die Macher des privaten Borchert-Theaters waren sich einig: Sie wollten wieder öffnen.

Es gebe nun, sagt Zanger, einen "Best Case" und einen "Worst Case": "Im besten Fall können wir den Saal wieder halb voll machen, also 73 Zuschauer, und mit 'unvermeidbarem Körperkontakt' spielen, wie er im Sport ja schon wieder erlaubt ist. Der Worst Case wäre, wenn wir nur mit 32 Zuschauern spielen dürften, mit drei Plätzen Distanz und nur jede zweite Reihe besetzt." Das würde sich dann überhaupt nicht lohnen. Dann ginge das Haus wieder in Kurzarbeit, und würde den Neubeginn nach den Theaterferien anpeilen. Alles hängt von den Auflagen des Gesundheitsamts ab.

Was die Theater allgemein angeht, da werden "viele jetzt Ein- oder Zweipersonenstücke machen". Er fürchtet, dass das "Corona-Repertoire" schnell langweilig werden könnte. Worauf er daher sehr hofft ist eine baldige Premiere für die Produktion des Politdramas "Momentum" von Lot Vekemans, das am 23. April erstmals öffentlich gezeigt werden sollte.

Stattdessen haben sie es dann vor 15 Mitarbeitern des Theaters gespielt. "Wir haben auf alle Abstandsregeln geachtet", beteuert Zanger, "aber es gab dann doch den einen Moment, in dem einer dem anderen die Hand auf die Schulter legen durfte - und alle haben geweint, sogar der Schauspieler selbst."

Klassik: Musiker schwärmen aus, als "musikalischer Lieferservice"

Yuki Kasai (Geige), Bridget MacRae (Cello) und Kelvin Hawthorne (Bratsche) stehen in drei Ecken eines fabrikhallengroßen Proberaums in München. Sie schieben Töne ineinander, die sich reiben wie Steine; Klangcluster, die dann in die Höhe gebogen werden. Es ist Musik, so heftig, dass Yuki Kasai nach einer rasend schnellen Stelle lachend abbricht: "Einmal geprobt, schon muss man zum Physiotherapeuten." Die drei Musiker des Münchner Kammerorchesters (MKO) sind dennoch froh, dieses Corona-kompatible Stück gefunden zu haben. Es heißt "Genesis". Der polnische Komponist Henryk Górecki hat es lange vor Ausbruch der Pandemie geschrieben.

Sie wollten wieder musizieren in Zeiten des Abstands. Nur wie? Publikum und Orchester bilden ja gleich zwei seuchenfördernde Menschenklumpungen. Und selbst Trios und Quartette hocken für gewöhnlich viel zu nah aufeinander, weil es ja darum geht einen Gesamtklang aus Einzelstimmen zu erzeugen. Für beide Probleme haben sie nun eine Lösung gefunden.

Die eine ist eben jenes schwierige Stück, in dem Distanz zum Grundprinzip erhoben ist: "Genesis" ist eine Komposition über die drei musikalischen Grundelemente Tempo, Klang, Dynamik, nicht als Trio geschrieben, sondern für drei Instrumente mit Dirigenten. Das Ganze soll gerade keine Einheit bilden, nicht zu einem gemeinsamen Klang verschmelzen, im Gegenteil, jedes Instrument soll für sich spielen, als lägen sie im Clinch miteinander.

Um diese Distanz und den musikalischen Kampf auch sichtbar zu machen, schreibt Górecki in der Partitur vor, dass die Musiker in einem Dreieck stehen. Cello und Bratsche 10 bis 12 Meter Abstand, Geige zu beiden Instrumenten jeweils sechs bis acht Meter. Und an diese musikalischen Abstandsregeln halten sich die drei nun penibel. Vor drei Monaten hätte man diese Aufführung wohl als etwas überspannt und akademisch empfunden, heute freut man sich, dass in der Musikgeschichte schon vor Corona Coronamusik geschrieben wurde.

Bleibt das Problem mit dem Publikum. Denn sehen und hören kann es "Genesis" vorläufig nur auf der Website des MKO. Das Trio, das keines sein darf, will damit die zweite Antwort des MKO auf die Corona-Krise der Musik bewerben: den "musikalischen Lieferservice".

Lieferservice? - Die Musiker des Orchesters wollen als Duos in die Stadt ausschwärmen. "Wenn unser Publikum nicht zu uns kommen kann, kommen wir eben zu ihm", sagt David Schreiber, der junge Bratschist, der sich das Ganze ausgedacht hat. "Am besten natürlich nicht in die Wohnung, sondern eher ins Treppenhaus, in den Hinterhof oder, wenn vorhanden, den Garten. Wir kommen mit einem Überraschungsprogramm. Und nach 25 Minuten sind wir wieder weg."

Schreiber hatte vor Ostern in seinem Haus einen Zettel aufgehängt, in dem er älteren Mitbewohnern anbot, für sie einkaufen zu gehen. Die Nachbarn schrieben, die größte Hilfe wäre, wenn er für sie alle Musik mache. Also rief er zwei befreundete Geiger an, mit denen er dann im Hof Dvoraks "Terzetto" spielte. "Alle Fenster gingen auf. Aber das Schönste war, das auch in all den umliegenden Häusern die Türen und Fenster aufgingen."

Der Lieferservice passt zum kommenden Jahresthema des MKO: Nachbarschaft. Und er ist auch als Dankeschön für die Abonnenten gedacht. "Die meisten verlängern gerade treu ihr Abo, ohne zu wissen, ob wir im Herbst überhaupt spielen dürfen", sagt Schreiber. "Außerdem zahlt die Stadt ja weiter unsere Gehälter, da können wir den Bürgern der Stadt auf andere Art auch etwas zurückgeben", sagt Schreiber.

Und Górecki? Wird der auch geliefert? Kelvin Hawthorne, der "Genesis"-Bratschist, lacht. "Etwas spröde", ruft er vom anderen Ende der Halle. "Außerdem würde man dafür schon einen ziemlich großen Garten brauchen."

Literatur: "Seien Sie eine Oase", ruft ihnen Alexander Kluge zu

Sie könnten aufräumen, renovieren, lesen und herrliche Eröffnungsprogramme planen, alles verschieben auf den Tag, an dem es wieder los geht, in die Zeit danach. Aber Sonja Longolius und Janika Gelinek halten wenig von der "Verschiebestrategie". Seit 2018 leiten sie das Berliner Literaturhaus in der Fasanenstraße. Vor dem Besprechungsraum lockt eine Terrasse, von der man in den großen Garten schaut. Der Ort wirkt in diesem übergrünen Mai bestürzend idyllisch, ist aber ganz urban, gleich neben dem Kurfürstendamm gelegen, in jener Gegend, die in der Weimarer Republik "Industriegebiet der Intelligenz" war. Seit 1986 wird die Großstadt-Villa als Literaturhaus genutzt, mit Restaurant und Buchhandlung. An der wuchtigen Eingangstür steht nicht "geschlossen", sondern: "ins Netz verlegt".

Wohl noch bis Ende Juli werden Lesungen nicht wie gewohnt stattfinden können. Und dann? Wie man wieder anfängt, hängt wesentlich davon ab, wie man durch die Wochen der Beschränkungen gekommen ist. Die beiden Frauen haben alles unternommen, damit das Literaturhaus weiter präsent bleibt. "Seien Sie eine Oase", hat ihnen in der vergangenen Woche Alexander Kluge zugerufen. Er sagte es in der Literaturhausrevue "Kultur in Zeiten von Corona". Der Multiinstrumentalist Helge Schneider, die japanische Schriftstellerin Yoko Tawada, der philippinische Dichter, Filmemacher Khavn de la Cruz und viele andere waren mit von der Partie. Über 1900 Menschen haben auf Youtube bislang die Revue an- oder wenigstens hineingeschaut. Für ein Literaturhaus sind das sehr viele Besucher, weit mehr, als in den Veranstaltungssälen Platz finden würden.

Verlockender aber scheint die Idee, eine Gartenlesung zu veranstalten

Das Haus hat sein Veranstaltungsprogramm nicht abgesagt, nicht auf Herbst verschoben - wie andere, viel mächtigere Akteure es taten. Sie hätten sich einfach zu sehr auf die Abende gefreut, sagt Gelinek. Außerdem seien sie auch eine "Heimat für Autoren". Wenn Lesungen und Gespräche online stattfinden, erhalten die Schriftsteller ein Honorar, erreichen ein Publikum. Es kann jetzt einige interessante Veranstaltungen online erleben, einen Abend für Paul Celan, Hölderlin-Stunden, Gespräche über Europa (literaturhaus-berlin.de). Und bald schon hat das Literaturhausteam nach Formen fürs Netz gesucht. Zwei Schauspielerinnen und ein Schauspieler lasen im leeren Haus den zweiten Teil der Klima-Trilogie von Thomas Köck. Eine Kamera begleitete die szenische Lesung, das Team kommentierte sie im Live-Chat, was nur im Netz funktioniert, im normalen Literaturhausleben jeden Abend zerstören würde. Hier war es witzig, interessant. Auch eine Führung von Thomas Januszewski zu den legendären Schauplätzen des literarischen Lebens in der Nachbarschaft wurde gefilmt. Fortgesetzt wird die Reihe mit arabischen Theaterstücken. Es sieht nicht so aus, als würde es Ideen fehlen, falls das öffentliche Leben noch länger im Minimal-Modus stattfinden müsste.

Es lässt sich im Netz viel veranstalten, aber wenn am Ende dann alle ihre Laptops zuklappen, ohne noch kurz beieinanderzustehen, was zu trinken, zu reden, dann hinterlässt das ein Gefühl der Leere, des Unabgeschlossenseins. Das Klatsch-Emoticon hilft da wenig. Auf keinen Fall aber wollen sie das Haus um jeden Preis wieder aufmachen, zum einen aus Verantwortung für das Publikum und zum anderen aus der Einsicht heraus, dass ein Abend nur mit Unbefangenheit gelingen kann. Eine Lesung vor Publikum, vereinzelt in gehörigem Abstand platziert und mit Mundschutz. "Wie soll das aussehen? Wie soll das gehen?", fragt Sonja Longolius. Sie hätten lieber zwanzig Leute ohne Mundschutz im Saal als fünfzig Maskierte. Es sei denn, man könne die Schutzmaßnahmen in eine Inszenierung einbauen, sie zum Teil des Abends mache, einer "Maskensause".

Verlockender aber scheint ein anderer Einfall, die Idee, eine Gartenlesung zu veranstalten. Einfacher schiene dann das Zusammentreffen in vernünftiger Distanz. Terrassen, Treppen, Fenster der Villa bieten sich als Bühnen geradezu an. Einen solchen Abend im Grün, in der Oase an der Fasanenstraße will man unbedingt noch erleben.

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SZ vom 18.05.2020
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