bedeckt München 30°

Kunst und Corona:Literatur: "Seien Sie eine Oase", ruft ihnen Alexander Kluge zu

Sie könnten aufräumen, renovieren, lesen und herrliche Eröffnungsprogramme planen, alles verschieben auf den Tag, an dem es wieder los geht, in die Zeit danach. Aber Sonja Longolius und Janika Gelinek halten wenig von der "Verschiebestrategie". Seit 2018 leiten sie das Berliner Literaturhaus in der Fasanenstraße. Vor dem Besprechungsraum lockt eine Terrasse, von der man in den großen Garten schaut. Der Ort wirkt in diesem übergrünen Mai bestürzend idyllisch, ist aber ganz urban, gleich neben dem Kurfürstendamm gelegen, in jener Gegend, die in der Weimarer Republik "Industriegebiet der Intelligenz" war. Seit 1986 wird die Großstadt-Villa als Literaturhaus genutzt, mit Restaurant und Buchhandlung. An der wuchtigen Eingangstür steht nicht "geschlossen", sondern: "ins Netz verlegt".

Wohl noch bis Ende Juli werden Lesungen nicht wie gewohnt stattfinden können. Und dann? Wie man wieder anfängt, hängt wesentlich davon ab, wie man durch die Wochen der Beschränkungen gekommen ist. Die beiden Frauen haben alles unternommen, damit das Literaturhaus weiter präsent bleibt. "Seien Sie eine Oase", hat ihnen in der vergangenen Woche Alexander Kluge zugerufen. Er sagte es in der Literaturhausrevue "Kultur in Zeiten von Corona". Der Multiinstrumentalist Helge Schneider, die japanische Schriftstellerin Yoko Tawada, der philippinische Dichter, Filmemacher Khavn de la Cruz und viele andere waren mit von der Partie. Über 1900 Menschen haben auf Youtube bislang die Revue an- oder wenigstens hineingeschaut. Für ein Literaturhaus sind das sehr viele Besucher, weit mehr, als in den Veranstaltungssälen Platz finden würden.

Verlockender aber scheint die Idee, eine Gartenlesung zu veranstalten

Das Haus hat sein Veranstaltungsprogramm nicht abgesagt, nicht auf Herbst verschoben - wie andere, viel mächtigere Akteure es taten. Sie hätten sich einfach zu sehr auf die Abende gefreut, sagt Gelinek. Außerdem seien sie auch eine "Heimat für Autoren". Wenn Lesungen und Gespräche online stattfinden, erhalten die Schriftsteller ein Honorar, erreichen ein Publikum. Es kann jetzt einige interessante Veranstaltungen online erleben, einen Abend für Paul Celan, Hölderlin-Stunden, Gespräche über Europa (literaturhaus-berlin.de). Und bald schon hat das Literaturhausteam nach Formen fürs Netz gesucht. Zwei Schauspielerinnen und ein Schauspieler lasen im leeren Haus den zweiten Teil der Klima-Trilogie von Thomas Köck. Eine Kamera begleitete die szenische Lesung, das Team kommentierte sie im Live-Chat, was nur im Netz funktioniert, im normalen Literaturhausleben jeden Abend zerstören würde. Hier war es witzig, interessant. Auch eine Führung von Thomas Januszewski zu den legendären Schauplätzen des literarischen Lebens in der Nachbarschaft wurde gefilmt. Fortgesetzt wird die Reihe mit arabischen Theaterstücken. Es sieht nicht so aus, als würde es Ideen fehlen, falls das öffentliche Leben noch länger im Minimal-Modus stattfinden müsste.

Es lässt sich im Netz viel veranstalten, aber wenn am Ende dann alle ihre Laptops zuklappen, ohne noch kurz beieinanderzustehen, was zu trinken, zu reden, dann hinterlässt das ein Gefühl der Leere, des Unabgeschlossenseins. Das Klatsch-Emoticon hilft da wenig. Auf keinen Fall aber wollen sie das Haus um jeden Preis wieder aufmachen, zum einen aus Verantwortung für das Publikum und zum anderen aus der Einsicht heraus, dass ein Abend nur mit Unbefangenheit gelingen kann. Eine Lesung vor Publikum, vereinzelt in gehörigem Abstand platziert und mit Mundschutz. "Wie soll das aussehen? Wie soll das gehen?", fragt Sonja Longolius. Sie hätten lieber zwanzig Leute ohne Mundschutz im Saal als fünfzig Maskierte. Es sei denn, man könne die Schutzmaßnahmen in eine Inszenierung einbauen, sie zum Teil des Abends mache, einer "Maskensause".

Verlockender aber scheint ein anderer Einfall, die Idee, eine Gartenlesung zu veranstalten. Einfacher schiene dann das Zusammentreffen in vernünftiger Distanz. Terrassen, Treppen, Fenster der Villa bieten sich als Bühnen geradezu an. Einen solchen Abend im Grün, in der Oase an der Fasanenstraße will man unbedingt noch erleben.

© SZ vom 18.05.2020
Alexander Kluge

SZ Plus
Interview
:Kann man mit Viren Frieden schließen?

Ein Gespräch mit Filmemacher und Schriftsteller Alexander Kluge über das Frühjahr 1945, sein neues Buch "Russland-Kontainer" und die Viren, mit denen der Mensch sich genetisch verbündet hat.

Interview von Lothar Müller

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite