Kunst und Corona:Film: Selbst eine einfache Kussszene wäre derzeit eigentlich nicht möglich

Den Münchner Filmproduzenten Uli Aselmann quälen eher weltliche Fragen. Zum Beispiel: Wie soll man eine Liebesszene drehen, wenn die Schauspieler mindestens 1,50 Meter Abstand voneinander halten müssen? Es kursieren schon die irrsten Ideen dafür: "Dass zum Beispiel die Hauptdarstellerin eine Bettszene mit ihrem echten Lebenspartner dreht und der Kopf des Filmpartners dann nachträglich digital draufmontiert wird. Allein, dass man über sowas nachdenkt ist schon Wahnsinn." Aselmann, 63, arbeitet seit Jahrzehnten in der Branche. Er hat mehrere Folgen "Polizeiruf 110" gemacht und Kinofilme wie "Die Musterknaben" und "Winterreise". Aber so etwas wie jetzt hat er noch nie erlebt.

Er empfängt im Erdgeschossbüro seiner Produktionsfirma in Schwabing, die an einem der legendären Münchner Kino-Orte liegt. Nebenan war lange das Restaurant Romagna Antica beheimatet, ein Szenetreffpunkt, wo Bernd Eichinger und Helmut Dietl Hof hielten. Heute ist Eichinger tot, Dietl auch, und in den Räumen des Romagna Antica ist eine Pizzakette eingezogen, die mit bunten Schildern für kontaktloses Abholen wirbt.

Kontaktloses Fastfood, das mag möglich sein, aber kontaktlose Filme? Aselmann seufzt in seinem schwarzen Sessel. Noch im März hatte er mit den Dreharbeiten zu einem Krimi fürs ZDF begonnen, dann musste wegen Corona ein paar Wochen unterbrochen werden, mittlerweile werden die fehlenden Drehtage nachgeholt. "Das Problem ist aber", sagt Aselmann, "dass wir diese Vorgaben, also zum Beispiel den Mindestabstand von 1,50 Meter, auch vor der Kamera einhalten müssen. Selbst eine einfache Kussszene wäre derzeit eigentlich nicht möglich, und Anfassen geht nur, wenn Sie die Darsteller vorher entsprechend lange in Quarantäne schicken." Im Fernsehen und auch in der Werbung ließe sich da noch ein bisschen tricksen. Wirklich große Sorgen macht sich Aselmann um die große Leinwand. "Das Kino lebt von Emotionen, also von Szenen, die wir gerade nicht drehen dürfen. Das ist, wie wenn Sie einem Maler sagen, er darf mit dem Pinsel die Leinwand nicht mehr berühren, sondern nur noch aus 1,50 Meter Abstand die Farbe draufschmeißen."

Während TV-Produktionen langsam wieder die Arbeit aufnehmen, rechnet kaum jemand aus der Branche damit, dass vor dem Sommer, wenn nicht erst im Herbst, wieder fürs Kino gedreht werden kann. Wenn sich ein Darsteller das Bein bricht, ist das blöd, aber dagegen kann man sich versichern. Doch gegen Covid-19 gibt es keine Versicherung: "Die Versicherer sagen, wir versichern ja auch kein Haus, das schon brennt." Und ohne Versicherung traut sich niemand, einen Kinofilm zu drehen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB