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Kunst und Corona:Wie der Kulturbetrieb wieder in Gang kommt

Corona-Krise: Proben im Friedrichstadt-Palast in Berlin

Im ganzen Land bereitet sich der Kulturbetrieb voller Hoffnung aufs Weitermachen vor: Proben im Friedrichstadt-Palast in Berlin.

(Foto: Jens Kalaene/dpa)

Wie probt ein Knabenchor derzeit? Wie dreht man eine Liebesszene mit 1,50 Metern Abstand? Reisen durch eine Branche, die versucht, trotz Corona weiterzumachen.

Heute gibt es im Thomaner-Wohnheim Hühnerfrikassee mit Erbsen, dazu gemischten Salat. Das Dressing ist hier immer ein bisschen süßer als üblich, weil viele Kinder am Tisch sitzen. Normalerweise. Eigentlich wohnen alle Thomaner hier, im "Kasten". Doch jetzt sind nur noch vier von ihnen übrig; alle, die aus Leipzig stammen, wurden, als die Seuche da war, nach Hause geschickt.

Die großen Tische im Speisesaal sind verwaist, nur ein einziger ist besetzt. Dort sitzen Erwachsene, die in der Küche arbeiten, in der Kleiderkammer oder als Erzieherinnen. Die Stimmung drückt ihnen allen aufs Gemüt. Statt des Nachwuchses, der singend und pfeifend durch die Gänge tobt, haben sie nur noch sich. Und die Hoffnung, dass endlich die Talsohle erreicht ist. Dass wenigstens noch ein großes Konzert vor der Sommerpause zustande kommt, bevor der Abiturjahrgang sich in alle Winde zerstreut.

Jetzt sind sie schon dankbar, wenigstens wieder proben zu dürfen, wenn auch im ganz kleinen Kreis. Für ihre erste "Motette" am vergangenen Samstag in der Thomaskirche. Bei den Thomanern hat unter strengen Auflagen gerade der Einzelunterricht wieder begonnen. Beim Instrumentalunterricht tragen Lehrer und Schüler Maske, beim Gesangstraining singt der Schüler in einen großen Spiegel, der Lehrer steht in gebührendem Abstand hinter ihm. Der Lehrer muss ja sehen können, wie der Schüler atmet, wie er dasteht, wie der ganze Körper den Ton gestaltet.

"Ihr seid doch mutige Kerle", ruft der Kantor. Aber diese Krise macht auch die Stimmen dünn

Schwarz schlendert entspannt durch den Speisesaal in Richtung Probenraum. Zumindest sieht es so aus. Dabei ist alles genau abgezirkelt. Der Kunststoffboden ist zugepflastert mit Streifen in rotweiß und schwarzgelb, konterkariert von grünen Fußabdrücken, die zeigen, wo und in welcher Richtung man sich problemlos bewegen kann. "Man muss den Kindern ja positive Hilfestellungen geben, nicht nur Verbote", sagt der fröhliche Heimleiter Thoralf Schulze, der durch die Flure eilt und dabei immer ein bisschen gehetzt wirkt, als könne er die Zeit, bis alles wieder normal ist, ein bisschen antreiben. Stolz führt er in den neuen Probensaal aus Glas, Stahl und seitlichen Akustikpaneelen aus Holz, der geradezu danach schreit, mit Musik gefüllt zu werden.

Doch das fällt heute schwer. Wo sonst ein Halbkreis von Chorsängern ist, stehen gerade mal drei Viertklässler in einem weiten Dreieck. Das Gesundheitsamt hat Kleingruppen von fünf Sängern erlaubt, was bedeutet: Es gibt etwas fünfmal so viele Proben, jede maximal 25 Minuten lang, danach fünf Minuten Lüftungspause. Thomaskantor Schwarz wird dabei von älteren Schülern unterstützt, die das Einsingen leiten und den schönen Titel "Cantor famulus" tragen.

THOMANERCHOR Leipzig, Roland Weise
Pressebilder über Helmut MAuro

Beim Thomanerchor in Leipzig haben sie sogar Mundschutz mit eigenem Logo.

(Foto: Roland Weise/Thomanerchor Leipzig)

Vor Wochen schon haben die jungen Sänger die Noten bekommen für Bachs Motette "Lobet den Herrn, alle Heiden" und zu Hause brav geübt. Aber nun, so allein im großen Saal, kriegen sie den Mund kaum auf. Die vielen neuen Verhaltensregeln, das Abstandsgebot, das Hände-Desinfizieren schon am Eingang, die darauf folgende Befragung nach Symptomen durch die Krankenschwester, die ganze Situation belastet die Kinder, so sehr sie sich auch Mühe geben, es zu überspielen. "Ihr seid doch mutige Kerle", ruft Kantor Schwarz ihnen zu, aber es hilft nicht viel. Des Herren Lob bleibt heute ein verhaltenes, es wird die Heiden heute nicht erreichen.

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