Kultur und Öffentlichkeit Wenn man gegen sie nicht ankommt, muss man die öffentliche Moral zu Tode reiten

Der amerikanische Philosoph C. Thi Nguyen hat in dem Magazin Aeon dargelegt, dass die Öffentlichkeit zwar schon seit einiger Zeit in epistemologische Blasen zerfällt, dass sich diese Entwicklung aber gerade verschärft. Die Blasen würden abgelöst von ihrer nächsten Evolutionsstufe: den Echokammern. In epistemologischen Blasen, schreibt Nguyen, werden abweichende Informationen lediglich ausgeblendet: "Ein soziales Netzwerk, das ausschließlich aus unglaublich intelligenten, besessenen Opernfans besteht, würde mir sämtliche Informationen über die Opernszene liefern, die ich mir nur wünschen könnte, aber es würde mich nicht über den Umstand informieren, dass, sagen wir, mein Land von einer steigenden Flut von Neonazis befallen ist." In Echokammern hingegen würden abweichende Meinungen konsequent untergraben und delegitimiert.

Während sich Filterblasen auflösen ließen, indem man ihre Mitglieder mit Fakten konfrontiert, ist das bei Echokammern keine praktikable Variante mehr. Echokammern, schreibt Nguyen, gingen über die reine Facebook-Gruppe weit hinaus und funktionierten ähnlich wie Sekten: Wenn ihre Mitglieder mit der Außenwelt konfrontiert werden, halten sie deren Einwohner für Gefallene, die an die von verschworenen Kräften manipulierte Welt verloren sind und nur gerettet werden können, indem sie ihrer Gruppe beitreten.

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Verschwörungstheorien

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Der Aufstieg der Echokammer bringe wiederum eine Weltsicht hervor, die einen "Alles-oder-Nichts-Krieg zwischen Gut und Böse" austrägt. Auf diese Weise versteifen sich lose Interessengruppen zu Agitationskollektiven, die sich in einem erbitterten Verteidigungskampf befinden: gegen das Impfen, gegen den Genderwahn, die Agrarlobby, die Manipulation durch die Mainstreammedien, die Überfremdung. Das Internet hat für jeden Interessenten eine maßgeschneiderte Manson-Family im Angebot - auch wenn es nicht immer zum Schlimmsten kommt.

Das Fatale an diesen Kulturkämpfen ist nun, dass sie erstens die Unterschiede und Gewichtungen nivellieren. Der Kampf gegen das Impfen steht gleichwertig neben dem Kampf gegen den Klimawandel. Und dass zweitens durch die Flut an Kampagnen und Empörungswellen ein Abnutzungseffekt entsteht, der die Öffentlichkeit betäubt. Wenn wirklich eine Schlacht zu schlagen ist, winken alle ab.

"Flood them with shit"

Der faschistische italienische Philosoph Julius Evola hat diesen Effekt in seinem Alterswerk "Den Tiger reiten" beschrieben. Der Titel geht auf die fernöstliche Weisheit zurück, nach der man einen Tiger, wenn man ihn nicht besiegen kann, solange reiten solle, bis er müde ist. In Evolas Analogie ist der Tiger die demokratische, bürgerliche Öffentlichkeit, die Faschisten wie ihn unter anderem dadurch ausschließt, dass sie sie skandalisiert. Wenn man gegen die öffentliche Moral nicht ankommt, muss man das Spiel mitspielen, bis sie matt darnieder liegt. Steve Bannon, der Julius Evola zu seinen Stichwortgebern zählt, hat seine Strategie, sich der demokratischen Öffentlichkeit zu entledigen und Raum für einen Despoten zu schaffen, einmal so beschrieben: Die eigentliche Opposition seien nicht die Demokraten, sondern die Medien. Und wie bekämpfe man die? "Flood them with shit." Überflute sie mit Dreck.

In den USA ist das aufgegangen, wirken Trumps Skandale im Lärm der rechten Verleumdungs- und Empörungsmaschine inzwischen fast alltäglich. Und auch in Deutschland wurde vor kurzem ein Tiger totgeritten: Als beim größten deutschen Musikpreis einem notorischen Antisemiten eine Trophäe überreicht wurde, auf dass jeder deutsche Antisemit und jeder deutsche Jude erfahre, dass diese Ideologie in Deutschland wieder preiswürdig ist, blieb der Protest anfangs überschaubar. Einsamer sind die deutschen Juden lange nicht gewesen, als in diesen Tagen, als in einer anderen Echokammer eine Petition gegen die mittlerweile erfolgte Einschläferung des Hundes "Chico", der zwei Menschen totgebissen hatte, fast 300 000 Unterzeichner fand.

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