Kultur und Corona:Keine Panik

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Kultur und Corona: Bereit für jede Menge Publikum: der Zuschauerraum des Berliner Ensembles.

Bereit für jede Menge Publikum: der Zuschauerraum des Berliner Ensembles.

(Foto: Jens Kalaene/dpa)

Nach zwei Jahren Pandemie befürchten viele Kultureinrichtungen drastische Einbußen. Aber so schlimm scheint es nicht zu kommen. Eine Bestandsaufnahme.

Von Moritz Baumstieger, Christine Dössel, Jörg Häntzschel und Christiane Lutz

Zwei Jahre ist es jetzt her, da senkten sich die Vorhänge für lange Zeit zum letzten Mal, die Leute wurden heimgeschickt, nicht nur die Zuschauer und Besucher von Theatern, Opernhäusern und Museen, auch ein Teil der Angestellten. Sie durften dann irgendwann zurückkommen, aber nur ein Teil von ihnen. Gespielt wurde vor massiv reduziertem Publikum. Und dann wieder gar nicht.

Demnächst ist es damit vorbei. Bis zum 20. März sollen die allermeisten Corona-Restriktionen fallen. Dann können die Kulturinstitutionen ihren Betrieb voraussichtlich wie gewohnt wieder aufnehmen. Und doch wird einiges anders sein. Die zwei Jahre haben Spuren hinterlassen, auch wirtschaftlich. Es gab Einnahmeausfälle, die leeren Häuser mussten unterhalten, die Gehälter weiterbezahlt, Verträge erfüllt werden. Viele befürchten nun Sparrunden, um die Milliardenausgaben der öffentlichen Haushalte während der Pandemie wieder halbwegs einzufangen. Ganz zu schweigen von der grassierenden Inflation und rasant steigenden Energiepreisen. Worauf müssen die Theater, die Orchester, die Museen sich einstellen? In jedem Bundesland, jeder Kommune gestaltet sich das anders. Und dann ist da noch der Bund mit seinen eigenen Häusern, vor allem in Berlin.

Der Bund war es auch, der mit seinen nationalen Fonds und Förderprogrammen half, die Verluste für die ausbleibenden Besucher zu kompensieren. Obwohl viele Häuser monatelang leerstanden und danach nur mit strengen Einschränkungen öffnen durften, obwohl Festivals ausfielen und Touristen wegblieben, gehen die allermeisten Häuser daher ohne größere Defizite aus der Pandemie. Viele Theater können zum Ausgleich von Einnahmeverlusten auf jene "nicht verbrauchten Zuschüsse" zurückgreifen, die durch die Kurzarbeitsregelung geflossen sind, Gelder, mit denen die Theater und Orchester in der Krise stabilisiert wurden. Es gibt Häuser, die dadurch gerade im ersten Jahr der Pandemie tatsächlich Rücklagen bilden konnten.

Es wird gemunkelt, einige Theater hätten sich über Kurzarbeitgelder gesundgestoßen

Aber dass sich deswegen einige Theater in der Krise gesundgestoßen hätten, wie manchmal gemunkelt wird? Das sei eher abwegig, sagt der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda, der als Präsident des Deutschen Bühnenvereins an die Träger appelliert hatte, diese Rücklagen nicht gleich wieder abzuziehen, sondern sie den Theatern als Reserve zu lassen, um die Probleme der Folgezeit abzufedern.

Schon in den letzten Monaten staunten viele, dass die Kulturetats mitten in der Pandemie teils kräftig angehoben wurden. Zuallererst beim Bund, der mit einem Zuwachs von 7,5 Prozent 2022 erstmals mehr als zwei Milliarden für die Kultur ausgibt. Die Hilfsprogramme sind in diesem Betrag noch gar nicht enthalten, sie kamen direkt vom Finanzministerium. "Von der Bundespolitik fühlen wir uns großzügig unterstützt", lobt Marion Ackermann von den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.

Wie es weitergeht, wenn in den nächsten Monaten die neue Regierung ihren ersten eigenen Haushalt verabschiedet, wird man sehen. Noch ist von Kürzungen keine Rede. Nicht einmal bei den Prestigeprojekten der Vorgängerregierung. Das im Bau befindliche Berliner Museum des 20. Jahrhunderts, das schon lange vor Corona als Millionengrab galt, wird weitergebaut, so der Sprecher von Kulturstaatsministerin Claudia Roth.

Auch viele Bundesländer, darunter Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen, verkündeten, während die Bühnen und Ausstellungssäle verwaist dastanden, Zuwächse ihrer Kulturetats. Und die Aussichten für die Zukunft sind keineswegs düster. In den Stadtstaaten Hamburg und Berlin etwa laufen, wie vielerorts, gerade die Haushaltsberatungen für die kommenden Jahre. Genaues steht daher noch nicht fest. Aber aus dem Berliner Kultursenat heißt es, es werde "voraussichtlich keine Abstriche geben", das Anwachsen des Budgets "der vergangenen Jahre wird jedoch gebremst". In Thüringen soll es bis 2025 immerhin keine Kürzungen geben.

Im Kleinen gibt es sie oft aber doch, zumal wenn man die Inflation mit einberechnet. Wenn etwa die Stadt Essen ihren Kulturhaushaushalt von derzeit 99 Millionen bis 2025 auf 99,89 steigert, dann kommt das realiter einer Reduzierung gleich. Auch die Tariferhöhungen im öffentlichen Dienst wirken sich in vielen Ländern und Kommunen als versteckte Kürzungen aus. Während Thüringen und Baden-Württemberg diese übernehmen, hat etwa Niedersachsens Finanzminister Reinhold Hilbers angekündigt, diese nicht mehr durch erhöhte Etats auszugleichen. Das heißt, dass ein Theater wie das Staatsschauspiel Hannover diese selbst schultern muss. Es rechnet von 2023 an mit einem jährlichen Defizit von rund 1,2 Millionen Euro. Im vergangenen Herbst gingen die Künstler deshalb unter dem Motto "Rettedeintheater - keine Kulturwüsten in Niedersachsen!" auf die Straße. Nils Wendtland, Sprecher des Schauspiels, erklärt, die Zahl der Inszenierungen solle dennoch nicht reduziert werden. Das führe zu einer Dynamik, die man aus der Lockdown-Zeit gut kenne: "Weniger spielen führt auch zu weniger Einnahmen." Bei gleichzeitig steigenden Kosten bleibe deshalb nur eines: "Wir werden die Eintrittspreise ab 2022/23 erhöhen müssen."

Umso erstaunlicher, dass ausgerechnet in der vermeintlichen deutschen Wohlstandshauptstadt München die Lage viel düsterer ist. Nach den Gründen gefragt, verweisen die Verantwortlichen gerne auf das zwei Mal ausgefallene Oktoberfest, bei dem sonst jährlich mehr als eine Milliarde Euro Umsatz gemacht wird. Der Haushalt der bayerischen Landeshauptstadt leidet nun an einer Art Long Covid, 200 Millionen sollen eingespart werden, jedes Referat seinen Etat um 6,5 Prozent reduzieren. Was das für die Kultur bedeutet, trug Kulturreferent Anton Biebl bei einer Stadtratssitzung Mitte Januar vor - seine Ausführungen wurden als "Liste der Grausamkeiten" bekannt: Der Zuschuss an die Bayerische Staatsoper und das Gärtnerplatztheater in Höhe von 5,5 Millionen Euro wird zum zweiten Mal in Folge gestrichen, die städtischen Museen müssen mit 1,1 Millionen Euro weniger auskommen, Philharmoniker müssen auf mehr als 400 000 Euro verzichten. Und für die Kammerspiele werden nicht nur die durch die Tariferhöhung gestiegenen Personalkosten und Einnahmeausfälle zum Problem: Die Überweisung mit dem Zuschuss aus dem Rathaus wird in diesem Jahr zwei Millionen Euro weniger betragen. So entstehe ein Jahresfehlbetrag von 3,25 Millionen Euro, heißt es.

Wie umgehen mit den Einschnitten? Auch an den Kammerspielen will man moderat Eintrittspreise anheben. Immerhin hat das Theater auf einem Konsolidierungssparbuch etwa 2,7 Millionen zurückgelegt, auf die es jetzt zugreifen kann.

"Das Publikum kommt total zurück", jubelt ein Intendant. Doch nicht alle sind sich so sicher

Anderen Häusern geht es da besser. Ulrich Khuon vom Deutschen Theater Berlin etwa jubelt: "Das Publikum kommt total zurück!" Daher findet er auch nicht, "dass wir uns jetzt auf den Rücken schmeißen und die nächsten Jahre sparen oder jammern müssen". Zwar sei ihm bewusst, dass die Privattheater und viele Häuser, die - anders als in Berlin - nur einen Teil ihrer Plätze besetzen durften, "in einer viel beschisseneren Situation sind als wir". Aber für die großen Häuser in Berlin wie das DT, das Berliner Ensemble oder die Schaubühne könne er festhalten: "Es läuft wieder gut."

Doch nicht alle teilen die Zuversicht. Hasko Weber, Intendant am Nationaltheater Weimar, ist da skeptischer: "Ich denke nicht, dass wir die Häuser Hals über Kopf wieder ausverkauft kriegen." Als Vorsitzender der Intendantengruppe im Deutschen Bühnenverein hat er die Gesamtlage der Theater, mithin auch die kleineren Städte im Blick. Seine Prognose: "Sofern uns die Pandemie nicht wieder einholt, werden wir noch mindestens ein Jahr mit den Folgen zu tun haben." Erst dann könne man die Lage und die Perspektiven überhaupt realistisch einschätzen.

"Man muss jetzt durch eine Delle durchkommen", sagt Bühnenvereinspräsident Brosda mit Blick auf die nächste Zeit, in der es auch gelte, "aktiv in eine Publikumsansprache zu investieren" und "künstlerisch ins Wagnis zu gehen". Das werde in den nächsten ein, zwei Jahren noch anstrengend sein. Aber generell zeigt Brosda sich optimistisch: "Wir stellen ja auch fest, dass die gesamtwirtschaftliche Entwicklung besser ist, als prognostiziert." Selbst von den Münchner Kammerspielen gab es am Dienstag ein positives Signal: Es deute sich an, dass die Stadt den Eigenbetrieb von der kommenden Spielzeit an, also ab dem Haushaltsjahr 2023, weiter auf dem Vor-Corona-Niveau finanzieren und sogar die Tarifsteigerungen ausgleichen wird. Dann mal Vorhang auf.

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