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Theater und Klimaneutralität:Geht noch grüner

Das Theater muss umgebaut werden, damit es nachhaltig werden kann. Nur: Wer bezahlt das? Im Bild: die Performance "Society under Construction" von Rimini Protokoll.

(Foto: Jean Louis Fernandez)

Theater haben sich lang nicht um Nachhaltigkeit geschert. Das wollen sie nun ändern.

Von Till Briegleb

Reden allein hilft auch nicht weiter. An diesen Punkt der Einsicht kommt die Nachhut des kritischen Klimabewusstseins, die deutsche Theatergemeinschaft. Bei der zweiten "Klimawerkstatt" der Kulturstiftung des Bundes, an der sich am Montag 400 Personen - vom Geschäftsführer des Deutschen Bühnenvereins bis zur freien Kostümbildnerin - digital beteiligten, wurde über "Betriebsökologie" gesprochen, als sei es eine neue Trendvokabel. "Dreißig Jahre nach Gründung der Grünen", wie ein Teilnehmer spöttisch bemerkte, gibt es in den meisten der 1550 Theaterbetrieben in Deutschland gerade mal erste zögerliche Schritte in Richtung einer kritischen Selbstüberprüfung, wie "grün" diese Branche eigentlich ist. Eine Branche, die erst in den letzten fünf bis zehn Jahren damit begonnen hat, auf der Bühne zu thematisieren, welche dramatischen Verwerfungen der Gesellschaft drohen, wenn sie sich weiterhin einem echten ökologischen und ökonomischen Wandel widersetzt.

Wie untätig die Theater bei der Reduktion schädlicher Umwelteinflüsse tatsächlich sind, zeigt sich an ihrer Ahnungslosigkeit. Die meisten Bühnen in Deutschland wissen nach einem halben Jahrhundert ökologischer Debatte immer noch nicht, wie man eine Klimabilanz erstellt. Damit befinden sie sich allerdings in guter Gesellschaft mit den meisten anderen der 20 000 kulturellen Institutionen in Deutschland. Auch die Museen und Kunstfestivals scheitern daran, zehn einfache Fragen zu ihrem Umweltverhalten zu beantworten, wie eine Umfrage des Kunstmagazins Art im vergangenen September ergab.

Institutionen sollen erstmals eruieren, wie viel CO₂-Emissionen sie tatsächlich verursachen

Das "Aktionsnetzwerk Nachhaltigkeit in Kultur und Medien", erst 2020 gegründet und finanziert von Monika Grütters' Bundeskulturbehörde, hat deshalb ein Pilotprojekt gestartet, das Kulturinstitutionen erlaubt, ihren ökologischen Fußabdruck zu messen. 19 "Pioniere", vom Lenbachhaus in München bis zur Kulturfabrik Kampnagel in Hamburg, von den Staatlichen Sammlungen in Dresden bis zum Tanzhaus NRW, erhalten Beratungshilfe in Höhe von 5000 Euro und vier Monate Zeit, um mal in ihre Heizungskeller zu schauen. Erstmals seit ihrem Bestehen sollen sie seriös eruieren, wie viel CO₂-Emissionen sie tatsächlich verursachen. Eigentlich sollte jeder Geschäftsführer in der Ausbildung gelernt haben, dass Handeln ohne Datenbasis Humbug ist. Die Versprechen, ökologischer zu werden, wie man sie heute von jedem Verantwortlichen reflexartig zu hören bekommt, müssen deshalb als Lippenbekenntnisse verstanden werden.

Zugrunde liegt der Pilot-Ermittlung ein Verfahren, das die englische Umweltagentur "Julie's Bicycle" schon vor Jahren entwickelt hat und jetzt für die deutsche Kulturlandschaft modifiziert wurde. In Großbritannien gehört es auch länger schon zu den Vergaberichtlinien öffentlicher Förderung, dass Institutionen ihre ökologische Betriebsoptimierung darlegen müssen, bevor sie Geld bekommen. In Deutschland dagegen forderte lange Zeit nur die Kulturstiftung des Bundes von ihren Subventionsempfängern eine Zertifizierung nach dem Umweltmanagementsystem EMAS, das stetige Verbesserungen in der "Umweltleistung" verlangt.

Ein durchschnittliches Stadttheater verbraucht 2,2 Millionen Kilowattstunden Energie pro Jahr, was 880 Tonnen CO-Emissionen entspricht, die Neue Nationalgalerie in Berlin vor ihrer Sanierung sogar 12,5 Millionen. Warum die Institutionen der Wirtschaft im Thema betriebsökologisches Handeln so dermaßen hinterherhinken, dazu gibt die Konferenz "Klimawerkstatt Theater" unfreiwillig einiges Anschauungsmaterial. Während sich in den Einzelkämpferbranchen der Kultur zwar viele unverbindliche Initiativen bilden, von freiwilligen Klima-AGs in den Häusern zu losen Netzwerken auf digitalen Plattformen, fehlt es völlig an verantwortlichen Strukturen, die sich verpflichten, konkrete Ergebnisse zu liefern.

Mehr Nachhaltigkeit könnte auch das Ende künstlerischer Verschwendung bedeuten

Gerade auf der Ebene der Geschäftsführung und Intendanz gibt es erhebliche Widerstände, "die Büchse der Pandora zu öffnen", wie der Werkstatt-Organisator Sebastian Brünger es nennt. Die Konsequenz ehrlicher Daten, so befürchten es viele Theaterleiter und -leiterinnen, wären politische Forderungen zum nachhaltigeren Umbau. Und das ist verbunden mit großen Kosten. Der Kultur der Verschwendung, die Künstler lieben und das Publikum erwartet, würde damit der Stecker gezogen, befürchten viele. Daher die Blockadehaltung der Kulturinstitute und ihrer Verbände. Jacob Bilabel, Leiter des "Aktionsnetzwerks Nachhaltigkeit in Kultur und Medien", fordert deshalb, dass der ökologische Umbau der deutschen Kulturlandschaft nicht aus dem Kulturetat, sondern von Wirtschafts- oder Umweltbehörden finanziert werden müsse - oder von den drei Milliarden Euro, die Deutschland mit dem Emissionshandel einnimmt.

Bis dieser Vorschlag konkrete Politik wird, lassen sich als Ergebnis dieser Betriebskonferenz nur viele verdienstvolle Privatinitiativen aufzählen. In Darmstadt hat man ein modulares, wieder verwertbares System für Bühnenbilder entwickelt, um nicht nach jeder Produktion die ganze Ausstattung wegzuwerfen. Kampnagel in Hamburg lässt sich von den französischen Öko-Minimalisten Lacaton & Vassal, die für ihre Architektur der schonenden Eingriffe gerade den Pritzker-Preis gewonnen haben, ein grünes Sanierungskonzept entwickeln.

Bühnenbilder recyclen, Pappbecher im Theater abschaffen: Ideen gibt es einige

Das Berliner Theatertreffen initiiert ein Forum zum Austausch über Nachhaltigkeit im Theater, das die Mitarbeiter der Bühnen ermutigen möchte, endlich aus den Startlöchern zu kommen. Es gibt eine Orchesterinitiative, die Aufforstungsprojekte in Madagaskar unterstützt, und Produzentinnen, die für ihre umweltschädlichen Tourneereisen wenigstens einen "Eco-Rider" entwickelt haben, der bei den Veranstaltern die ökologischen Maßnahmen abfragt. Und dieses bunte Mosaik des guten Willens reicht bis zu Schauspielern, die Pappbecher auf der Probebühne abschaffen wollen.

Die wirklich bedeutenden Maßnahmen geraten durch diesen freundlichen Aktionismus aber eher aus dem Fokus: Theater müssen ihren gigantischen Energieverbrauch reduzieren sowie den zweitgrößten Verursacher von Klimagasen endlich ernst nehmen. Die Fahrten von Mitarbeitern und vor allem des abendlichen Publikums zur Vorstellung gehören in eine ehrliche Klimabilanz. Diese lassen sich nur mit Ausgleichszahlungen für Klimaschutzprojekte kompensieren. Gegenüber der Notwendigkeit, die so entstehenden Tonnen an Gasabfällen zu reduzieren, sind die ganzen privaten Ideen zum grünen Theater nur Beruhigung des schlechten Gewissens. Bis die Nachhut des Klimabewusstseins die Avantgarde der Veränderung wird, ist es wohl noch ein langer Weg.

© SZ/clu
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