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Kultureinrichtungen und Bundesnotbremse:"Eine absolute Katastrophe"

Sprengel Museum Rudolf von Bennigsen Ufer Hannover Niedersachsen Deutschland *** Sprengel Museum

Bitte wieder nach Hause gehen: Das Sprengel-Museum in Hannover, leider wieder zu.

(Foto: imago images)

Theater, Museen und Konzertsäle müssen wieder zusperren, wenn der Inzidenzwert über 100 steigt. Das finden viele Verantwortliche bitter.

Von Moritz Baumstieger, Reinhard J. Brembeck, Catrin Lorch, Christiane Lutz und Sabina Zollner

Die Pandemie verändert alles und das ständig, monatealte Zitate kann man Politikern kaum vorhalten. Und doch hatten Museumsdirektoren und Intendantinnen, Konzertveranstalterinnen und Clubbetreiber gehofft, als Angela Merkel im Mai 2020 sagte: "Kulturelle Veranstaltungen sind für unser Leben von allergrößter Wichtigkeit. Das gilt auch für die Zeit der Corona-Pandemie." Knapp ein Jahr später beschließen Bundestag und Bundesrat die Notbremse, die auch kulturelle Veranstaltungen unmöglich macht, wenn die Sieben-Tages-Inzidenz über der Schwelle von 100 Infektionen pro 100 000 Einwohner liegt.

In den vielen Museen wurde die Nachricht fast erwartet. "Immerhin haben wir inzwischen viel Erfahrung im Öffnen und Schließen", sagt ein Direktor lakonisch, sogar Institutionen wie die Pinakotheken könnten inzwischen den Betrieb binnen eines Tages hochfahren - vor der Pandemie unvorstellbar. Ulrike Groos, Direktorin des Kunstmuseums in Stuttgart, hat auch Verständnis für die Situation: "So bitter es für die Kultur ist: Ich finde diese Notbremse richtig und sinnvoll", sagt sie der SZ. . "Damit gibt es zum Schutz der Menschen nun eine einheitliche Regelung. Die Pandemie bereitet sich gerade bedrohlich schnell aus - auch in meinem Bekanntenkreis erkranken nun jüngere Menschen mit schweren Verläufen".

"How to survive", so hieß eine Ausstellung, die keiner gesehen hat

Der Direktor des Sprengel Museums in Hannover, Reinhard Spieler, hat weniger Verständnis. Er musste am 1. November schließen, seine Ausstellung "How to survive" war nie zu sehen. "Sie hätte in diesem Winter die Zeit so perfekt gespiegelt", bedauert er. Spieler gehört zu den Unterzeichnern eines Briefs, in dem Museumsdirektoren sich im Winter an Kulturstaatsministerin Monika Grütters gewandt hatten. Daraufhin hatte es für Häuser, in denen sich etwa Terminbuchung und Luftaustausch umsetzen lassen, Sonderregeln gegeben. Die werden jetzt kassiert: "Wir haben Luftwerte, die einem Operationssaal vergleichbar sind", sagt er. Dass Museen von einer Inzidenz von 100 an schließen müssen, der Einzelhandel aber unter Auflagen noch weitermachen dürfe, zeige die unterschiedlichen Maßstäbe, sagt er. "Während die Politik Angst vor juristischen Schritten der Wirtschaft hat, scheint sie davon auszugehen, dass die Museen und Ausstellungshäuser nicht gegen ihre Träger klagen werden."

Auch Theater sind seit November praktisch durchgehend geschlossen - "und das, obwohl alle Studien für das Theater und seine Hygienekonzepte sprechen", sagt Sonja Anders, Intendantin des Staatstheaters Hannover. Oliver Reese, der Intendant des Berliner Ensembles, spricht gar von "einem pauschalen Kulturverbot". Vor einem Monat durfte sein Theater bei einem Pilotprojekt kurz öffnen, mittlerweile aber macht die Bindung an Inzidenzen längst wieder jede Planbarkeit unmöglich. "Das zeigt einmal mehr, welch geringen Stellenwert die Stimmen der Kultur, darunter auch die der Kulturpolitiker, im Umgang mit der Pandemie haben."

Die Bundes-Notbremse gilt zunächst bis 30. Juni - manche befürchten, dass sie verlängert werden könnte. Die Breminale etwa, ein Open-Air-Festival, will am 21. Juli starten, das Team von Festivalleiterin Esther Siwinski setzt auf einen kleineren Rahmen, Bestuhlung und Maskenpflicht. Falls die Inzidenz hoch bleibt, wird das nichts nutzen. Siwinski hat das Gefühl, dass die Corona-Notbremse nicht für die Kulturszene durchdacht sei - "mir fehlt da der Fließtext", sagt sie.

Bayerische Staatsoper und Max-Joseph-Platz bei Nacht, 2019

Und auch hier geht es wohl wieder nur per Streaming weiter: die Bayerische Staatsoper.

(Foto: Stephan Rumpf)

Wenig Verständnis für generelle Schließungen haben auch die Clubbetreiber. Das Jahr 2020 habe gezeigt, dass Freiluftveranstaltungen mit Hygienekonzepten sicher seien, meint der Berliner Verband Clubcommission, mit den jetzigen Testkapazitäten ginge es noch besser. Vorstandsmitglied Lutz Leichsenring kommt es vor, als sei nichts gelernt worden. "Wir verstehen nicht, warum die Regierung Erkenntnisse, die von Aerosolforschern unterstützt werden, einfach ignoriert."

Das Aus für viele Open-Air-Konzerte beschäftigt auch Uli Müller. Die Pressesprecherin des Deutschen Orchestervereins (DOV), der Orchestermusiker und Chöre vertritt, sagt, das beschlossene Gesetz sei "zu unserem Leidwesen eine absolute Katastrophe". Derzeit deutet nichts drauf hin, dass der 100er-Wert unterschritten würde, seit einer Woche dümpelt er deutschlandweit bei knapp über 160. Allein in Schleswig-Holstein liegt er bei sensationellen 70,9 - weshalb das dortige Pilotprojekt zur Öffnung von Kultureinrichtungen noch fortgesetzt wird.

Noch lassen die meisten Bundesländer Probenbetrieb zu. So beginnt an der Bayerischen Staatsoper die Arbeit an Aribert Reimanns "Lear". Ob der an Pfingsten vor Zuschauern oder nur als Livestream in die Welt kommt, ist ungewiss. An der Staatsoper gibt man die Hoffnung auf ein volles Haus nicht auf. "Natur, du bist meine Göttin", heißt es bei Lear im ersten Akt, "deinem Gesetz allein will ich dienen." Zumindest bis zum 30. Juni ist für die Opernbelegschaft wie für alle anderen Kulturschaffenden im Land jedoch das Bundesgesetz maßgeblich.

© SZ/jsl
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