Künstliche Intelligenz:Große Malerei löst große Gefühle aus. Auch, wenn sie digital erschaffen wurde?

Die Dramaturgie sieht nun vor, dass man sich mit dem Team sehr ausführlich über den technischen Vorgang unterhält, mit dem man einer künstlichen Intelligenz so etwas wie Rembrandtmalen beibringen kann. Die Enthüllung nachher ist wichtig, weil das Projekt ja nicht nur herausfinden soll, ob das mit dem Malen klappt. Da steht auch die Frage im Raum, ob Computer Emotionen nicht nur erkennen und simulieren können - das können sie - sondern, ob sie im nächsten Schritt Emotionen auch auslösen können.

Das war bisher nicht so einfach. Am ehesten hat das in der Musik geklappt. Wenn ein Rechner zum Beispiel zwischen 90 und 120 Basstöne pro Minute in einen Raum pumpt. Auch wenn es dabei immer geholfen hat, wenn die Zuhörer ihre emotionale Empfänglichkeit mit chemischen Hilfsmitteln verfeinerten.

Ein Rembrandt ist aber kein Techno-Beat, der sich über Minuten aufbauen kann. Ein echter Rembrandt überwältigt in Sekunden und wirkt dann noch lange nach mit seinen feinen Lichtspielen, den Blicken, Gesten, dem Echo eines längst vergangenen Jahrhunderts, das da wieder zum Leben erwacht. Im Rijksmuseum kann man das erleben, das nur ein paar Fußminuten vom Sitz der Agentur liegt.

Das Ergebnis aus dem 3D-Drucker sieht so aus, als sei es Öl auf Leinwand

Also - erst mal warten mit der Betrachtung von "The Next Rembrandt". Die Formel: mehr Kontext = mehr Wirkung gilt zwar sonst vor allem für moderne Kunst, aber in diesem Falle auch.

Zunächst gibt es Daten. 18 Monate lang arbeiteten die Programmierer und Werber gemeinsam mit Wissenschaftlern der Technischen Uni Delft und KI-Experten von Microsoft an dem Projekt. In den letzten sechs Monaten taten sie das zu zwanzigst. Dabei generierten sie aus den 346 Rembrandt-Gemälden 150 Gigabyte Grafikdateien, mit denen sie die künstliche Intelligenz fütterten. Gleichzeitig schrieben sie die Algorithmen, jene Rechenvorschriften, die einem Computer sagen, was er zu tun hat. Wie viele? Chefprogrammierer Emmanuel Flores zuckt mit den Schultern. Unzählige. Neue Algorithmen. Algorithmen, die auf bestehende Algorithmen aufbauen. Algorithmen, die neue Algorithmen produzieren. Man musste der künstlichen Intelligenz (die sich übrigens auf mehrere Rechner bei J. Walter Thompson, der TU Delft und Microsoft verteilte) jeden noch so kleinen Aspekt eines Rembrandt-Gemäldes beibringen. Proportionen, Farben, Glanz, Licht und Schatten, Materialität und, und, und.

The Next Rembrandt Project

Das Team fütterte die künstliche Intelligenz mit Daten aus 346 Rembrandt-Gemälden, aus der sie sich 168 263 Bildfragmente zog.

(Foto: Jesse Houweling/J. Walter Thompson)

Herausgekommen ist dann eben jenes Bild des Herrn mit Hut und Kragen, das die künstliche Intelligenz aus 168 263 Bildfragmenten originaler Rembrandts in 148 Millionen Pixel umsetzte, die dann in 13 Durchgängen mit UV-Tinte von einem 3-D-Drucker so auf eine Kunststoffunterlage aufgetragen wurden, dass das Ergebnis so aussieht, als sei das Öl auf Leinwand.

Was bleiben wird, ist aber nicht nur das Bild. Microsoft will das Projekt weitertreiben, sagt Bas Corsten. Das "deep learning" hat ja erst begonnen. Vielleicht werden die Algorithmen bald schon Kunstfälschungen aufspüren. Einen Picasso malen. Oder einen neuen Bowie-Song schreiben.

Und?! Ja, doch, auf einen Laien wirkt die Enthüllung verblüffend. Der Herr mit Hut und Kragen blickt etwas erstaunt, etwas trotzig, als könne er es selbst nicht fassen, dass er aus dem Rechner stammt. Man darf das Gemälde sogar anfassen, mit einem Galeristenhandschuh über Risse und Unebenheiten fahren. Es sind feine Pinselstriche, wie sie der Rembrandt der 1630er-Jahre auf der Höhe seines Erfolgs gemalt hätte. Die späten Rembrandts wären für den Rechner viel zu schwierig gewesen.

Im Rijksmuseum erschließt sich das, da hängen auch die späteren Werke, "Die Judenbraut" von 1667 zum Beispiel, bei der das Rot ihrer Kleider klumpig aufgetragen ist, als hätte Rembrandt eine Mordswut auf das Bild gehabt. Das findet sich auf vielen Bildern, die nach seinem Hauptwerk "Nachtwache" entstanden. Und das mit der Wut ist gar nicht so abwegig.

Die "Nachtwache" zeigte - damals radikal - die Figuren nicht in Licht und Pose, sondern in Aktion und Schatten. Den ehrwürdigen Mitgliedern der Schützengilde gefiel das 1642 gar nicht. Da entstanden ganz neue Hierarchien und Zusammenhänge. Sie hängten das Bild dann doch auf. Aber es sprach sich rum. Für den Geschäftsmann Rembrandt war das eine Katastrophe. Die Aufträge brachen ein. Das Geld ging aus. Wer wäre da nicht wütend.

Nicht einmal weinen könnte der Mann mit Hut, beschwert sich ein Rembrandt-Kenner

Übrigens auch eine sehr starke Emotion. Und die kann der neue Rembrandt ganz hervorragend auslösen. "Absolute Scheiße" ist das Fazit, das Ernst van de Wetering zieht. Diese Frechheit, den Ruhm Rembrandts für so ein Projekt zu missbrauchen. Eigentlich will er gar keine Zeit darauf verschwenden, über diese Ahnungslosen zu reden, Programmierer, die behaupten, sie hätten seinen sechsten Band des "Corpus" als Vorlage verwendet.

Das mit der Nasenspitze sei ja nur ein Punkt. Am schlimmsten seien die Augen. Nicht nur Rembrandt, jeder ordentliche Porträtmaler hätte einen Tränenfilm gemalt, der auf dem Unterlid jedem Auge seinen Glanz gibt. Und dann die Reflexionen des weißen Kragens auf Kinn und Wangen, die dem Fleisch eine kühlere Farbe geben. Oder die Schatten am Rande der Nase, die mal weiche, mal harte Akzente setzen. Einfach weggelassen. Nichts verstanden.

Wenn das mal kein guter Auftakt für das Reden über KI und Rembrandt ist.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB