Künstlerroman: Shanghai Performance Räkeln und starren

Die Welt der Mode, Models und der inszenierten Kunst, die man nie so ganz begreift: Silke Scheuermanns lesenswerter Künstlerroman "Shanghai Performance" über die dunkle Seite des schönen Scheins.

Von Jörg Magenau

Oberflächen sind ein heikles Thema. Entweder verleiten sie zu Oberflächlichkeit, als ob das Sichtbare schon alles wäre, oder sie suggerieren eine geheimnisvolle Tiefe und Bedeutung, wo sich darunter tatsächlich gar nichts verbirgt. Silke Scheuermann hat es in ihrem neuen Roman mit diesem Spannungsverhältnis von Oberflächen und Geheimnisproduktion zu tun, denn sie begibt sich darin in die Welt der Mode, der Models und der inszenierten Kunst, die auf dem nie ganz zu begreifenden Verhältnis von Zeichen und Bedeutung beruht.

Der Roman spielt auf eine Inszenierung der italienischen Performance-Künstlerin Vanessa Beecroft an. Das Bild zeigt ihre Fotoarbeit "Pontisister".

(Foto: Kunsthalle Bielefeld/dpa/lnw)

Die titelgebende "Shanghai Performance" ist das merkwürdige Projekt der berühmten Performancekünstlerin Margot Wincraft. Dazu versammelt sie ein paar Dutzend nackter Mädchen in einem Gewächshaus, das sie in einer Industriebrache am Ufer des Huangpu-Flusses mitten in Shanghai aufbauen lässt. Angetan mit nichts als Langhaarperücken und hochhackigen Schuhen, sollen die Mädchen sich dort auf einem riesigen, eiförmig aufgeschichteten Erdhaufen räkeln, dabei so tun, als wäre das ganz normal und mit leeren Augen ins Leere starren.

Denn so ist die Kunst - und wer das ernst nimmt, hat vermutlich ein Problem. Silke Scheuermann hat sich diese Inszenierung nicht selbst ausgedacht, sondern sie von der italienischen Performance-Künstlerin Vanessa Beecroft übernommen. Ansonsten dürfte ihre Heldin als Prototyp einer egoistischen Karrieristin allerdings eine eigenständige Romanfigur sein.

Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive ihrer Assistentin Luisa, die ihre Chefin so sehr bewundert, dass sie auch schon eine Dissertation über sie schrieb, und bereit ist, ihr Leben ganz in den Dienst der berühmten Künstlerin zu stellen. Luisa ist jedoch in einer schwierigen Situation: Ihr Freund hat sich von ihr getrennt, sie muss ihr Leben neu ordnen und gerät nun in China in einen Strudel ungewöhnlicher Ereignisse, die schließlich dazu führen, dass sie von Margot loskommt und ihr bloßes Assistentinnendasein hinter sich lässt.

Zunächst aber quält sie sich und die Leser mit den Launen der Chefin, mit allerlei Geheimnishuberei und mit dem schier endlosen Bericht von einem Casting, bei dem Margot ihre Models auswählt, ohne dabei schon zu wissen, worauf das Ganze eigentlich hinauslaufen soll.

Dass sie sich auf das wenig standesgemäße Projekt einer kaum bekannten chinesischen Galerie einließ - ja auf China überhaupt, das als Kunstraum angeblich schon gar nicht mehr angesagt ist -, hatte, wie sich bald herausstellt, keine künstlerischen, sondern familiäre Gründe, was bei einer nur ihrem Ruhm und ihrer Geltungssucht lebenden Person schon seltsam genug ist.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, warum Shanghai so wichtig für den Roman ist.

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