Künstlerporträts Collagieren als perfektes Verbrechen

Werner Spies porträtiert Künstler von Max Ernst bis Gerhard Richter. Die persönliche Nähe des Kunstkritikers zu seinen Helden fließt in seine Essays sanft erkenntnisfördernd ein.

Von Andreas Dorschel

Im Vergleich zu Pinsel, Leinwand, Ölfarbe wird ein erheblicher Teil moderner und zeitgenössischer Kunst mit weniger anheimelndem und eigentümlich präzisem Werkzeug hervorgebracht. "Mit Skalpell und Farbmaschine": der Titel von Werner Spies' gesammelten "Porträts von Max Ernst bis Gerhard Richter" benennt jenen Umstand mit Blick auf diese beiden Protagonisten. "Skalpell" meint Max Ernsts Instrumentarium der Collage; "Farbmaschine" bezieht sich auf Gerhard Richters Südfenster für den Kölner Dom.

Das Gerhard-Richter-Fenster im Kölner Dom.

(Foto: Foto: dpa)

Aufschlussreich ist das Buch von Werner Spies besonders durch Einblicke in künstlerische Technik. Wie etwas gemacht wurde, wird zum Schlüssel der Erkenntnis, was es ist.

Dank der Genauigkeit, die auf diesem Wege ins Spiel kommt, kann Spies auf sonstigen Usus des Genres verzichten: auf ein Imponiervokabular, das zeitgenössische Kunst mit Bedeutung auflädt, sowie auf biographische Erklärungen aus der Künstlerpsyche.

"Eine Finesse aus Rohheit und Verletzlichkeit"

Spies' Prosa ist geradlinig, sachlich. Dabei scheut er vor Verallgemeinerungen zurück. Seine Sachlichkeit ist eine der je besonderen Sache. Für sie sucht er die treffende Formel, und findet sie - etwa, zu Baselitz: "eine Finesse aus Rohheit und Verletzlichkeit".

Spies' Sachlichkeit schließt Phantasie nicht aus, sondern ein: etwa, wenn er das spurenverwischende Collagieren Max Ernsts mit dem perfekten Verbrechen vergleicht.

Da der frühere Direktor des Pariser Musée National d'Art Moderne die meisten, über die er schreibt, persönlich kannte, ist seine Sachlichkeit eine Errungenschaft: eine Errungenschaft des Respekts den Künstlern gegenüber. Die persönliche Nähe fließt in die Essays sanft erkenntnisfördernd ein; Spies gibt mit ihr nicht an.

Alex Katz, Henri Michaux, Christo und Jeanne-Claude, Richard Lindner, Rebecca Horn, Jörg Immendorff, Anselm Kiefer, Neo Rauch, Bernd und Hilla Becher sind unter den Porträtierten.

Die Essaysammlung "Mit Skalpell und Farbmaschine" ist keine leichte Lektüre; aber ihre Schwierigkeit ist eine der Sache und ihres Anspruchs, nicht die eines Jargons. Da das Buch keine Illustrationen enthält, setzt es voraus, dass man viel gesehen hat. Am besten wird man es in einer großen und nach neuestem Stand bestückten kunsthistorischen Bibliothek lesen - von Bildbänden umringt.

Werner Spies. Mit Skalpell und Farbmaschine Porträts von Max Ernst bis Gerhard Richter. Hanser Verlag, München 2008. 195 Seiten, 17,90 Euro.

Das Blaue Sofa: Die ZDF-Kultursendung "aspekte" in Kooperation mit der Süddeutschen Zeitung und Der Club - Bertelsmann auf der Frankfurter Buchmesse.