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Künstler aus Kasachstan:Deutschland als Hort der Hoffnung

Von da an war Atabajew klar, dass er auf die Weltbühne musste. Während der Prozess gegen Koslow und andere Angeklagte einem Urteil entgegenstrebte, nahm sich Atabajew vor, den Unantastbaren herauszufordern, der Kasachstans Geschicke seit 1989 bestimmt: Nursultan Nasarbajew. Der Regisseur ging auf Tournee. In Moskau sprach er mit Oppositionellen. In San Francisco appellierte er an die Teilnehmern eines Freiheitsforums, Nasarbajew zu ächten: "Ungeachtet aller Lippenbekenntnisse, dass Kasachstan demokratisch ist, ist es ein totalitärer Staat. Alle Macht gehört einem Mann - das ist Nasarbajew." Danach fuhr er nach Brüssel, bettelte um Termine bei Europaabgeordneten. Dass der Westen nicht immer Druck machen will, war ihm da schon klar.

Nun sitzt der Kasache im Bundestagbüro der grünen Abgeordneten Viola von Cramon auf dem Sofa. Er markiert mit beiden Händen eine Waage und er klagt: "Auf der einen Seite sind die Menschenrechte, auf der anderen das Öl. Es wiegt immer schwerer." Erst im Februar ist Nasarbajew mit großem Bahnhof in Berlin empfangen worden. "Unsere intensivierte Zusammenarbeit mit Ihnen beginnt gerade erst", hatte er versprochen. Ein Abkommen über eine Rohstoffpartnerschaft wurde unterschrieben. "Warum siegen immer die Wirtschaftsinteressen? Ist es Doppelmoral oder keine Moral?", fragt Atabajew. Im deutschen Parlament sucht er Verbündete wie von Cramon, die in ihrer Fraktion Sprecherin für EU-Außenbeziehungen ist.

Sie teile die Einschätzung, sagt die Abgeordnete, "dass die Bundesregierung in Menschenrechtsfragen gegenüber der kasachischen Regierung aus wirtschaftlichen Gründen leider auf Leisetreterei setzt". Die große Solidarisierungskampagne von Kulturschaffenden, Abgeordneten aller Fraktionen und des Goethe-Instituts habe im Sommer ganz maßgeblich zur Freilassung von Atabajew geführt. "Das zeigt, dass die kasachische Regierung in Einzelfällen öffentliche Kritik aus Deutschland sehr ernst nimmt", sagt die Abgeordnete. Sie werde, verspricht sie Atabajew, sich gemeinsam mit Abgeordneten anderer Fraktionen für Koslow und bereits früher verurteilte Ölarbeiter einsetzen.

Bolat Atabajew

Bolat Atabajew wuchs in Kasachstan auf unter Wolgadeutschen, lernte deren Sprache und wurde zum deutschsprachigen Theatermacher. Er ist diesjähriger Träger der Goethe-Medaille.

(Foto: picture alliance / dpa)

Atabajew spricht hervorragend Deutsch in der Färbung der im Zweiten Weltkrieg nach Kasachstan deportierten Wolga-Deutschen. 1952 geboren, ist er in einem Dorf unter Deutschen aufgewachsen, entdeckte er die deutschen Dichter. Goethe, Schiller, Brecht - sie, versichert er, hätten seinen aufmüpfigen Geist geschärft. In seinem deutschsprachigen Stück "Lady Milford aus Almaty" geht es um eine deutsch-kasachische Schauspielerin, die nach Deutschland emigriert und keine angemessene Arbeit findet. Für Atabajew ist Deutschland weniger Fluchtpunkt als flüchtiger Hort der Hoffnung.

Und er fürchtet nicht die Theatralik. Für seine Sache sucht er sie, braucht er sie. "Ich will mein Leben nicht verbrennen im Westen. Ich will nicht nur essen, trinken und atmen." Solange er hier etwas tun könne, bleibe er. Erweise es sich, dass er mehr erreiche, wenn er sich zu Hause verhaften lasse, so werde er heimkehren nach Kasachstan. Dann fragt er: "Was meinen Sie? Was soll ich tun?"

Dabei ist das Stück schon so gut wie fertig, hinter Atabajews hoher Stirn. Da wird der Angeklagte Atabajew in den Gerichtssaal gebracht. "Aufstehen", sagt der Richter. Der Angeklagte legt sich hin. "Warum liegen Sie?", fragt der Richter. Der Angeklagte steht auf und sagt: "Heil, Richter." Später wird der Angeklagte eine Arie singen: "Ich war in Schanaosen und habe die Ölarbeiter unterstützt." Atabajew träumt davon, dass alle im Saal lachen werden über diese Komödie. Und wenn das Urteil fällt, dann will die Luft die durch die Lippen pressen und prusten aus ganzer Kraft. "Prrrrrrrrrrrrr."