Kritik Wer ist Hamlet?

Große Fragen: Paul Maximilian Pira als Hamlet.

(Foto: Martin Kaufhold)

Das ETA Hoffmann Theater in Bamberg gibt darauf sehr viele Antworten

Von Florian Welle, Bamberg

Etwas ist faul im Staate Dänemark! Hamlet lässt sich wie ein Kleinkind von seines Vaters Geist Gruselgeschichten unter der Decke erzählen. König Claudius telefoniert nach Rosenkranz und Güldenstern. Und während die Schauspieltruppe vor Claudius das Spiel im Spiel von der Ermordung des Vorgängers aufführt, gibt's für alle was auf die Ohren: Als Untermalung zur Mordssause läuft der gute alte Megahit "Mother" des luziferischen US-Rockers Glenn Danzig.

Die Beschreibung macht klar: Die "Hamlet"-Inszenierung von Sebastian Schug, die am ETA Hoffmann Theater Premiere hatte, nimmt sich ihre Freiheiten, um den Klassiker schlechthin auch ja aufzubrechen. Das fängt bei Shakespeares gewaltigem Stück selbst an, für das der Regisseur eine "Bamberger Fassung" erstellt hat, die so kurz ist, dass jetzt nach zwei Stunden ohne Pause bis auf Horatio alle mausetot sind. Und hört nicht damit auf, dass es dabei so gut wie ständig Musik zu hören gibt. Entweder sie kommt aus der Konserve oder man spielt live: Gitarre, Flöte, Piano. Und so sitzt Rosenkranz- und Laertes-Darsteller Daniel Seniuk beinahe mehr am Klavier, als er Text vorträgt. Etwa beim Hamlet-Monolog, der hier aber nicht dem Prinzen allein gehört, das wäre langweilig, sondern ebenso Ophelia. Gerne wird auch Karaoke geträllert, so Elton Johns "I guess that's why they call it the blues".

Sei es drum, um mit Hamlet selbst zu sprechen. Die Musik-Einlagen sind bis auf einige intensive Szenen, zu denen dank Hamlet-Darsteller Paul Maximilian Pira und Marie-Paulina Schendel als waidwunder Ophelia im weißen Kleid auch der Hamlet-Dialog gehört, beinahe noch das Aufregendste der Aufführung. Die anderen Stilmittel wirken mittlerweile zum Gähnen altbacken. Bisschen Digicam hier, Mikroeinsatz dort und dazwischen Theaterblut. Wut, Ironie, Innovation sehen anders aus.

Schon bei seiner ersten Inszenierung für Bamberg, Brechts "Mutter Courage und ihre Kinder", hat Schug mit viel Musik gearbeitet. Doch damals hatte er eine Aussage: Krieg wird es immer geben. Diesmal jedoch wird bis zuletzt nicht klar, was er erzählen will. Das Rachedrama? Die Liebesgeschichte? Die Satire? Oder alles zusammen? Oder eben gar nichts davon und stattdessen die Geschichte eines jungen Typen, der seiner Zeit voraus ist? Ein moderner Mensch, vom Nihilismus angekränkelt, voller Widersprüche und deshalb der größte Zauderer, den die Bühne je gesehen hat. Oder ist dieser Hamlet nur Kind geblieben, das wieder und wieder dieselben Gruselstories hören will? Pira jedenfalls schaut man gerne zu, wie er diesen Koloss von Figur auf seine zupackende Weise auslotet.

Einmal fetzt er die Mutter an: "Das alles hier ist nur Kostüm und Firlefanz fürs Trauerspielen", und dann blickt man auf die (Dreh-)Bühne von Nico Zielke, bemerkt Fernseher und Leinwand, auf denen der Vorspann einer alten Hamlet-Verfilmung läuft, sieht im Eck einen Eingang, darüber leuchtet "Live Show", und denkt sich: Ah, Peep Show. Ah, Medien. Ah, alles Inszenierung und so. Sehr heutig also. Und dann dreht sich wieder alles, wird wieder gesungen, zuletzt: "Fuck all the perfect people" von Chip Taylor. Zumindest das ist unmissverständlich.