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Kritik:Rock 'n' Roll-Raserei

E.T.A. Hoffmann-Theater: "Die Elixiere des Teufels"

Ist der Geist erst einmal aus der Flasche, gibt's kein Halten mehr. Nach zwei Kannen Punsch verwandelte sich der gestrenge Jurist E.T.A. Hoffmann in den nachtschwarzen Schriftsteller. Hoffmann erfand für das Trinken zum Zwecke kreativer Befeuerung den hübschen Ausdruck "sich montieren". In seinem Roman "Die Elixiere des Teufels" montiert sich die Hauptfigur, der Mönch Medardus, auch selbst. Allerdings verbotenerweise. In der Reliquienkammer des Kapuzinerklosters in B. kostet er von jenem Elixier, mit dem einst der Teufel den heiligen Antonius versuchen wollte. Danach ist nichts mehr so, wie es war.

Medardus muss das Kloster gen Rom verlassen. Auf dem Weg dorthin nimmt sein Leben Züge eines Albtraums an. Ist er besessen? Oder ist er einfach nur wahnsinnig geworden? Medardus liebt, wütet, tötet. Wie sich herausstellt, sind die Ermordeten allesamt mit ihm verwandt. Wird er für seine Taten verurteilt? Nein, denn sein Doppelgänger nimmt alle Schuld auf sich. Ein Doppelgänger? Ein Doppelgänger. Es ist unmöglich, die Handlung von Hoffmanns 1815 erschienenem Schauerroman in wenigen Sätzen zusammenzufassen. Das Buch ist ein Wirrwarr, teuflisch gut. Hannes Weiler, der es nun für die Studiobühne des E.T.A. Hoffmann-Theaters adaptiert hat, macht das erzählerische Durcheinander zum Ausgangspunkt seiner Inszenierung. Er bemüht sich erst gar nicht, dem Zuschauer irgendwie die Handlung verständlich zu machen.

Im Gegenteil. Er setzt noch eins drauf. Die fünf Schauspieler agieren bis auf Stefan Hartmann als Medardus alle in mehreren Rollen, wobei es egal ist, ob Frauen Männer spielen und Männer Frauen. Die fünf Schauspieler also rennen einfach mal kurz durch einen giftgrünen Plastikvorhang auf die Rumpelrequisiten-Bühne, um gleich wieder zu verschwinden. Oder sie rattern Erzählstränge herunter. Oder wiederholen einzelne Szenen in Endlosschleife. Etwas Horror-Video gibt's auch.

Kurz: Das wahnhafte Rasen des Medardus versucht die Aufführung einzufangen, indem sie selbst rast. Gerne auch mal zu Motörhead und deren "Ace of Spades". Als theatrale Verbeugung vor Lemmy. Oder um den Staub, der sich in den 25 Intendanten-Jahren von Rainer Lewandowski am Theater angesammelt hat, endgültig wegzupusten. Denn so viel kann man schon jetzt sagen: Mit Lewandowskis Nachfolgerin Sibylle Broll-Pape hat im Herbst eine neue Zeitrechnung begonnen. Auch junge und wagemutige Regisseure wie Hannes Weiler kommen jetzt zum Zug. Die Inszenierung ist Rock 'n' Roll. Nicht mehr, nicht weniger. Hannes Weiler dreht an der Sinnschraube, bis sie durchdreht. Wenn es dann nach 90 Minuten redundant zu werden droht, ist es auch schon vorbei. Und als Zuschauer stellt man sich die Frage, die sich auch Medardus im Stück stellte: "Sagt mal, Leute, wo bin ich denn hier gelandet?"

Der quirlige Stefan Hartmann trägt eine pinkfarbene Mönchskutte, die dann doch eher ein Frottee-Bademantel ist. Auf seinem Kopf sitzt eine rote Topfperücke, die an den Stummfilm-Golem erinnert. Und das Elixier des Teufels ist einfach ein schnödes Bier. Hannes Weiler hat aus dem Gespenster-Hoffmann einen Gelächter-Hoffmann gemacht.

© SZ vom 25.01.2016
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