Kritik:Mehr Margarethe denn Gretchen

faust regensburg

Hexe und Baucis, Täter und Opfer in einem: Hildegard Krost.

(Foto: Jochen Quast)

Die "Faust"-Premiere am Regensburger Theater

Von Astrid Benölken, Regensburg

Goethes "Faust I" ist die Großmutter aller Cliffhanger. So lang das Stück in vielen Inszenierungen auch ist, so viel bleibt doch unerzählt, wenn der letzte Vorhang fällt. In der neuen Inszenierung in Regensburg löst man dieses Problem ganz einfach: Die Fortsetzung wird gleich miterzählt. Damit der Zuschauer das Theater trotzdem unter fünf Stunden verlassen kann, ist einiges aus der Vorlage herausgekürzt worden. Dadurch gewinnt die Inszenierung eine eigene Dynamik; allein, im zweiten Teil des Stücks hätte das noch konsequenter umgesetzt werden können, der kommt nun nämlich vergleichsweise behäbig daher.

Die Strichfassung erlaubt es, die Charaktere anders zu interpretieren. Gretchen (Andine Pfrepper) lässt sich zwar bei ihren Namen noch das Opfer-Diminutiv überstreifen, von ihrer Ausstrahlung her ist sie aber durch und durch eine Margarete. Erst mit Lederjacke und Pilotenbrille, später im goldenen Glitzerkleidchen und stets in Doc Martens stolziert sie - selbstbewusst und voll emanzipiert - über die Bühne und ist bereits, rein physisch betrachtet, mit ihrem Liebhaber auf Augenhöhe. Gerhard Hermann als Faust erinnert zunächst an einen Geschäftsmann kurz vor dem Burnout, spielt sich dann aber langsam ein, nur zum Ende hin bleibt er ein wenig zu lange in der Rolle des cholerischen Grantlers verhaftet, der sich scheinbar nur noch schreiend äußern kann.

Da bleibt Mephisto (Patrick O. Beck) nicht viel anderes übrig, als den immer ausufernderen Forderungen schnellstmöglich nachzukommen, wenn auch mit Spott auf den Lippen und einer immer wieder auftauchenden Langhaar-Perücke - vielleicht eine Hommage an die Inszenierung von 1999, als Adele Neuhauser als androgyner Mephisto bundesweit für Aufmerksamkeit sorgte.

Das Bühnenbild, in dem das Drama nun an Fahrt aufnimmt, hat mit seinen halbkreisförmigen Treppenstufen in Grau etwas von einem Amphitheater, das eine fast sterile Schlichtheit ausstrahlt. Immer wieder flimmern in diese nüchtern-kühle Bühnenatmosphäre großformatige Videosequenzen herein, die sich an den Gegenständen und Menschen brechen, sich überlagern und etwas Rauschhaftes haben. Dazu improvisiert Markus Steinkellner live mal sphärische Töne auf der E-Gitarre, lässt dann wieder Störgeräusche aufkreischen, singt, jammert, schreit ins Mikrofon. Wände aus Stimmengemurmel bauen sich auf, Wellen des Stöhnens schwappen über die Köpfen des Publikums, und pulsierende Loop-Töne wabern durch den Raum. Das mag anderswo gewollt experimentell wirken. Hier funktioniert die Symbiose aus Schauspiel und Technik vorzüglich. Zugleich wirkt das Wechselspiel zwischen kühl-rationaler Schlichtheit und belebt-überbordendem Erlebnis wie eine übergeordnete Metapher auf das gesamte Stück. Einen einzelnen Buh-Rufer gibt es am Ende, dem zeigt Regisseur Bernd Liepold-Mosser kurzerhand den Mittelfinger. Das übrige Publikum quittiert die Premiere mit donnerndem Applaus und Bravo-Rufen. Stark.

© SZ vom 29.09.2015
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