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Kritik:Belebt mit Wiener Blut

Bach Collegium präsentiert das Weihnachtsoratorium

Die Wagner- und Richard Strauss-Stadt München wurde einst mit Karl Richter und dem Münchener Bach-Chor "evangelisch" getauft. Danach waren Hansjörg Albrecht mit Bach-Chor und -Orchester und Enoch zu Guttenberg mit der Chorgemeinschaft Neubeuern und dem Bach Collegium München, später seiner "Klangverwaltung", die prominenten Statthalter Münchner Bach-Tradition. Jetzt will Konzertveranstalter Helmut Pauli von Tonicale Musik & Event ein neues Kapitel im Metier eröffnen. In der Philharmonie am Gasteig musizierte das neu besetzte Münchner Bach Collegium mit seinem neuen Chor ein ganz neu klingendes Weihnachtsoratorium. Sein Konzept: eine historisch informierte Besetzung und Spielweise und nicht mehr ein Laienchor, sondern ein Profichor. Seine Ressource: viel bewährter Import aus Wien.

Nachfolger von Florian Sonnleitner als Konzertmeister des Collegiums ist Agnes Stradner, und auch der Dirigent kommt aus Wien: Rubén Dubrovsky. Der 1968 in Argentinien geborene Maestro ist dort längst mit seinem Bach Consort Wien bestens bekannt und leitet in Chicago auch das Third Coast Baroque Ensemble. Der Kern des Chores mit 33 Sängerinnen und Sängern ist der 1947 gegründete Wiener Kammerchor, ergänzt mit Studierenden bayerischer Musikhochschulen. Ihn musikalisch zusammenzuschweißen, war eine Leistung von Michael Grohotolsky. Damit bestimmte dann ein distinguiertes kammermusikalisches Format das Klangbild mit Transparenz und Delikatesse.

Der elegant aber präzise dirigierende Maestro aus Wien setzte schon im Eingangschor statt auf dröhnenden Sound auf Verinnerlichung. Am schönsten: "Ehre sei Gott" aus der zweiten Kantate, wo der Chor mit luzider Artikulation seine professionelle Statur zeigte, weit weg vom alten pathetischen Luxusklang romantischen Erbes. Die feine Diktion des Orchesters mit den Streichern auf Darmsaiten, exquisiten Bläsern und einer kleinen, einfachen Continuo-Besetzung, durchgängig grundiert mit Orgelpositiv, blühte in den Arien zu einer aparten Sinnlichkeit auf, wie sie sonst nur bei den Spezialensembles zu hören ist. Auch die Solisten fügten sich perfekt in dieses Konzept des eher introvertierten Glanzes: Catalina Bertucci als kapriziöser Sopran, Kristin Mulder mit noblem Alt und Jochen Kupfer mit einem Bass von edlem baritonalem Flair. Der Tenor Johannes Chum faszinierte durch eine lyrische Intensität von Countertenor-Qualität. Das homogene Solistenquartett bewährte sich besonders in den Duetten durch seine austarierte, klangliche Balance.

Weitere Kontakte mit dem musikalischen Wien stehen bevor, um die Münchner Bach-Tradition mit frischem stilistischem Blut zu beleben: ein künstlerischer Neustart mit viel Potenzial.

© SZ vom 19.12.2019

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