Kritik an US-Präsidenschaftsbewerber Hitler wäre ohne Weiteres durch Trump zu ersetzen

Eine Literaturkritikerin der "New York Times" vergleicht Donald Trump mit Hitler - ohne den Namen des republikanischen Präsidentschaftskandidaten auch nur einmal zu erwähnen.

Von Willi Winkler

Nazi-Vergleiche verbieten sich unter Erwachsenen eigentlich. Jeder kann einen anderen einen Nazi schimpfen. Helmut Kohl, unvergessen, war 1986 so neidisch auf den frischen Perestroika-Ruhm Michail Gorbatschows, dass er den Vorsitzenden der KPdSU einen Demagogen hieß und unbedingt mit dem NS-Propagandaminister Joseph Goebbels vergleichen musste. Dessen Chef, der große Untote des 20. Jahrhunderts, hat davor und danach hundert Mal mehr Reinkarnationen erlebt, als ein Buddhist sich je zusammenträumen kann: Nasser war Hitler, Milošević erst recht, Saddam Hussein, Assad (komischerweise nur der Sohn), Gaddafi und Erdoğan. Gern sind es weiter südlich einsortierte Herrschaften und immer Männer, es sei denn, kameraorientierte Demonstranten malten einem Bild von Angela Merkel den berüchtigten Schnurrbart unter die Nase.

Neuerdings fällt manchen ganz viel Hitler ein, wenn sie Donald Trump im Fernsehen wüten sehen. Dafür gibt es einen guten Grund. Der republikanische Präsidentschaftskandidat, so behauptet es seine erste Frau Ivanka, habe sich für sein Auftreten Nachhilfe in einem Buch mit den Reden Adolf Hitlers geholt. Er bestreitet das.

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Dieses Buch, "The New Order", existiert bereits seit 1941, ist aber jetzt neu und wie man vermuten darf aus aktuellem Anlass herausgekommen. Die Rückseite ziert ein Foto Trumps, das ihn mit hochgerecktem Arm und der Inschrift "The New Furor" zeigt, was so viel wie die neue Wut bedeutet, aber natürlich ein Wortspiel mit dem neuen Führer sein soll, der Amerika angeblich ins Haus steht.

Nicht wenige namhafte US-Bürger haben angekündigt, die USA verlassen zu wollen, wenn Donald Trump tatsächlich zum Präsidenten gewählt werden sollte

(Foto: AFP)

"Erwachsenes Kleinkind", "13-jähriges Mädchen", "Gangster", "einheimischer Terrorist"

Nicht wenige namhafte Bürger haben bereits angekündigt, die USA verlassen zu wollen, wenn Trump tatsächlich zum Präsidenten gewählt werden sollte. Die halbwegs liberale Presse führt seit einem Jahr einen ebenso erbitterten wie erfolglosen Kampf gegen diesen Kandidaten. Allein am vergangenen Wochenende hat ihn die New York Times als "erwachsenes Kleinkind", als "13-jähriges Mädchen", als "Gangster" und als "einheimischen Terroristen" geschmäht. Nichts davon dürfte Trump groß beeindrucken, und seine Fans wissen wieder, wo der Feind steht, gegen den ihr Idol antritt.

Michiko Kakutani hat es schlauer angestellt. Die Chefkritikerin der New York Times rezensierte vergangene Woche in aller Unschuld die amerikanische Ausgabe von Volker Ullrichs Hitler-Biografie, "Die Jahre des Aufstiegs" (in der SZ besprochen am 29. Oktober 2013). In der Substanz könne Ullrich wenig Neues bieten, schreibt Miss Kakutani, "doch liefert er eine faszinierende shakespearehafte Parabel darüber, wie das Zusammenwirken von zufälligen Umständen, einem skrupellosen einzelnen Menschen und der bewussten Blindheit anderer ein Land verändern und, in Hitlers Fall, die Welt in einen unvorstellbaren Albtraum führen kann".

Miss Kakutani, als Kritikerin mindestens so sehr gefürchtet wie dafür geschätzt, dass sie mit gleichem Eifer Bücher in die Pfanne haut und in den Himmel hebt, muss den Namen gar nicht erwähnen, ihre Leser verstehen auch so, dass der "unvorstellbare Albtraum", der nicht nur einem Land, sondern der ganzen Welt droht, Donald Trump heißt. Unter neun Spiegelstrichen, von denen jeder mit dem Wort "Hitler" beginnt und ohne Weiteres durch "Trump" zu ersetzen wäre, führt sie alles an, was den Demagogen Hitler mit seiner "grenzenlosen Lügenhaftigkeit" so erfolgreich machte: dass er als rechter Narziss nur sich selber liebte, dass er mit wenigen Phrasen und Themen ein immer größeres Publikum gewann, dass er versprach, sein Land wieder groß zu machen, aber auch, dass sich sein Aufstieg zur Macht hätte verhindern lassen.

Ob's aber hilft? Die gute Nachricht lautet, dass Donald Trump als klassischer sekundärer Analphabet ohnehin ja doch nichts liest, nicht einmal Bücher, in denen es um Hitler geht.

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