Krisenherd Fernsehen:Dumpfheit, Grellheit, Dummheit

Versimpelung vernunftbegabter Geschöpfe: Die Fernsehlandschaft ist öde. Die Ernte langweilig schlecht.

Joachim Kaiser

Zähneknirschend sei zugegeben: Es gibt auch durchaus vernünftige Sendungen. Aber das deutsche Fernsehen in seiner Gesamtheit ist langweilig schlecht.

Krisenherd Fernsehen: Vorsicht, Teufelskreis! Das Fernsehen versimpelt die Zuschauer, die wiederum nur noch leichte Kost auf dem Tisch haben wollen.

Vorsicht, Teufelskreis! Das Fernsehen versimpelt die Zuschauer, die wiederum nur noch leichte Kost auf dem Tisch haben wollen.

(Foto: Foto: dpa)

Geschicktes Gerede, günstigstenfalls. In den zahllosen Diskussionen folgen immer dieselben Figuren verbindlichen Gesprächs-Mustern. Man bestätigt sich kennerisch. Man widerspricht sich eitel. Droht ein Thema interessant zu werden, ausführlicherer Erörterung wert, so noch nicht behandelt - dann hat die Moderatorin, der Moderator keine Zeit mehr.

Nun ist es schwer, mit den Fernseh-Schaffenden zu diskutieren, weil die zwar durchaus wissen, was sie tun, aber auf eine Vielzahl von Ausnahmen hinweisen können. Ich selbst war lange Rundfunk- und dann Fernseh-Redakteur, weiss also sehr wohl, wie geschickt man sich, notfalls, wehren kann.

Auch der Umstand, dass viele Beobachter unser deutsches Fernsehen trotz allem für das Beste der Welt halten, ist mir geläufig. Nur: Beweist das viel? Zweifellos hat die Sphäre der Studios ihren Sog. Je mehr man ihr angehört, desto bereitwilliger fügt man sich in die Gesetze der television-correctness.

Schaut man aber, das Leben ist kurz, sehr selten in den Unterhaltungsmüll, den die Überzeugungstäter zusammenscharren, dann erschrickt man vor so viel Dumpfheit, Grellheit, Dummheit. Fürchterlichstes Argument für alles das: Die Leute wollen es so.

Man darf diesen Einwand nicht hochmütig beiseite schieben, genauso wenig wie das anfechtbare Argument der Einschaltquote. Aber wen käme nicht mitleidiges Entsetzen an, wenn er die Zuschauer beim Reagieren aufs muntere Podiumsgequatsche beobachtet. Da drängt sich die Meinung auf, sie könnten immer nur schlicht beifällig lachen über vermeintliche Schlagfertigkeit. Über armselige Witze, karge Kalauer. Sie demonstrieren ergebene Dankbarkeit dafür, dass sich jemand flott aus der Frage-Affäre zieht.

Medien-Marionetten

Ja, ist denn das Publikum derart simpel? Oder erleben wir nicht eine grausige Folge chronischen Fernsehkonsums: Nämlich die Versimpelung von Geschöpfen, die vernunftbegabte Menschen waren, und nun wie von Medien zugerichtete Marionetten reagieren.

Übrigens hat unser Fernsehen da bereits übergreifende Wirkung erzielt. Bei einer höchst seriösen Buchvorstellung war die alberne Lachbereitschaft eines vermutlich nicht albernen Publikums neulich im Münchner Literaturhaus verwunderlich. Die Zuhörer verhielten sich, als wären sie Fernseh-Publikum.

Aber was kann man gegen das alles tun? Einfach nicht mehr hinschauen, weil die Lebenszeit dahinschmilzt? So mögen alte Leute, à la Reich-Ranicki, reagieren, die noch eine gewisse Selbstachtung bewahrt haben.

Jüngere könnten verlangen, der absurden Taktik, zwischen 20 und 22 Uhr hauptsächlich Krimis oder seichte Serien zu senden und nach 23 Uhr manchmal Gewichtigeres, müsse zumindest in den öffentlich-rechtlichen Sendern Einhalt geboten werden.

Sie könnten verlangen, dass die TV-Redakteure sich nicht als Herrscher aufspielen, die bei diskutablen Projekten monate- wenn nicht jahrelang mit Entscheidungen zögern, sondern rasch, begründet und hilfreich auf die Autoren eingehen. Schließlich müsste auch der Aberglaube aufhören, Kultur sei nur als "Event" vorzeigbar: süßlich verharmlost, um ihr anspruchsvolles Gewicht und ihre Wahrheit gebracht.

Verhält sich zynisch, wer unterstellt, die meisten TV-Macher wüssten solche Einwände gegen das Fernsehen längst, empfänden sich eben nur leider als Gefangene des Systems?

Jean-Paul Sartre hat ein tiefsinniges Drama geschrieben: "Die Eingeschlossenen von Altona". Da pointiert er grausam: Ob gewisse gewalttätige Schlächter innerlich eigentlich dem Faschismus, der ihr Verhalten lenkte, widerstrebten oder ob sie überzeugt waren von ihren Handlungen, darauf käme es überhaupt nicht an. Der innere Vorbehalt zählt nicht. Entscheidend ist, was jemand tut, wie verderblich er wirkt.

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