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Krise des Liberalismus:Liberale verstehen die Historie als eine Geschichte der Erlösung

Unterdessen hat der liberale Fluchtpunkt, auf den alle übrigen Gesellschaften vermeintlich zulaufen, eine andere Form angenommen. Die liberale Lebensweise entstand in Folge der frühmodernen Religionskriege in Europa, als Teil einer Suche nach Toleranz. Heutzutage definiert sich der vorherrschende Liberalismus jedoch als Gegenteil. In einer ironischen Umkehrung wurden die Liberalen aus den Folgejahren des Kalten Krieges, die daran glaubten, dass der Westen endlich triumphiert hatte, durch einen neuen Typus ersetzt, für den der Westen als Erzfeind gilt. Für diese "alternativen Liberalen" ist Toleranz ein Feind der sozialen Gerechtigkeit.

In alternativ-liberalen Kreisen stehen die früheren liberalen Werte Kopf. Privilegierte Absolventen der Elite-Universitäten wüten gegen kulturelle Aneignung, während sie die Klagen verarmter und verzweifelter Proletarier verächtlich als Ausdruck eines weißen Überlegenheitsdenkens abqualifizieren. Sie respektieren die Identitäten von Minderheiten ausdrücklich, aber nicht alle gleichermaßen. Der Staat Israel wird als kolonialistische Bastion des verhassten Westens dämonisiert. Sie heißen rassistische Beleidigungen gegen Juden gut, obwohl dieselben Beleidigungen bezogen auf jede andere Gruppe wütende Proteste hervorgerufen hätten.

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In all dem steckt eine Lektion. Die Überzeugung, dass liberale Werte auf der "richtigen Seite der Geschichte" zu finden sind, kommt einem Glaubensbekenntnis gleich. Liberale Gesellschaften sind Nebenprodukte des westlichen Monotheismus, die die Praxis der Toleranz mit dem Glauben untermauert haben, dass diese Toleranz gottgewollt sei. Weltliche Liberale glauben, dass sich die Geschichte in Richtung ihrer Werte entwickelt. Doch ohne eine leitende Vorsehung - nach Art der monotheistischen Vorstellung - hat Geschichte keine Richtung.

Trotz alledem verstehen Liberale die Historie als eine Geschichte der Erlösung. Deswegen müssen sie Putin und Xi Jinping, Orbán und Salvini eben als Rückschritte in die Vergangenheit auffassen. Eine Zukunft, zu der hypermoderne Zaren, technokratische Eroberer und intelligente Demagogen gehören, ist für sie undenkbar. Also werden Fakten ignoriert oder geleugnet. Während postfaktischer Populismus zu einem Klischee dieses Zeitalters wurde, ist der Aufstieg des postfaktischen Liberalismus der noch prägendere Bestandteil.

Man kann von Liberalen kein Eingeständnis erwarten, dass ihr Glaube widerlegt wurde. Dafür müssten sie sich auch eingestehen, dass sie die Gegenwart nicht begreifen. Eine unmögliche Forderung, da sie sich für derart lange Zeit als die intellektuellen Vorreiter der Menschheit gesehen haben. Ob weltlich oder religiös: Mythen werden nicht widerlegt. Stattdessen schwinden sie und verschwinden gemeinsam mit den Menschen, die sie verkörpern, von der Bildfläche. Diesen Prozess kann man inzwischen in ganz Europa beobachten.

Man kann Werte pflegen, ohne zu glauben, dass sie von Gott oder der Geschichte vorbestimmt sind

Die illiberalen Kräfte, die über den Kontinent marschieren, kommen nicht einfach aus dem Nichts. Sie sind eine Reaktion auf das hyperliberale Projekt eines Europas ohne Binnengrenzen. Wenn Richtlinien zur Einwanderung der Kontrolle der Mehrheit entrissen werden, werden massenhafte Immigration und liberale Demokratie zu Rivalen. Wenn Parteien der Mitte im großspurigen Projekt der kontinentalen Freizügigkeit gefangen bleiben, sind illiberale Demokratien die logische Folge. Liberale können diese Logik nicht begreifen, da sie bedeutet, dass ihre Vision von Europa trügerisch und selbstzerstörerisch ist. Wenn sie bei Europa falschliegen, liegen sie bei allem falsch. Währenddessen erodiert die politische Mitte mehr und mehr.

Das kollektive Durcheinander, das ich in New York beobachtet habe, war ein Symptom einer akuten kognitiven Dissonanz. Aufgeklärte liberale Köpfe - die glaubten, sie hätten den Gang der Geschichte verstanden - mussten mit einem Mal erkennen, dass sie nicht einmal ihre eigene Gesellschaft verstehen. Die Paranoia, in die sie sich stürzten, war ein Resultat der Zerstörung ihrer Weltsicht und ihres Platzes in dieser Welt. Das Ergebnis ist, dass sie intellektuell und politisch paralysiert sind. Falls sie irgendeine Agenda haben, dann die, zu ihrer Welt vor dem Sündenfall zurückzukehren - ein Jahrzehnt zurück in eine Welt, die die aktuelle Krise hervorgebracht hat.

Es ist möglich, die Werte der Toleranz und persönlichen Freiheit zu pflegen und zu verteidigen, ohne zu glauben, dass sie von Gott vorherbestimmt oder von der Geschichte garantiert seien. Es reicht, die liberale Gesellschaft als einen der zivilisierteren Wege zu verstehen, den die Menschen erdacht haben, um tagtäglich miteinander auszukommen. Aber diese bescheidene Auffassung zu akzeptieren, würde das Selbstbild untergraben, an das sich Liberale gegenwärtig klammern. Ein Selbstbild, nach dem sie die Welt in eine Zukunft führen, die sie selbst gestaltet haben. Also ziehen sie es vor, sich selbst als Opfer anzusehen, und das, was vom liberalen Way of Life übrig geblieben ist, entschwinden zu lassen in die Vergangenheit.

John Gray ist britischer Philosoph. Zuletzt erschien von ihm "Raubtier Mensch. Die Illusion des Fortschritts" (Klett Cotta). Aus dem Englischen von Simon Rayß.

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