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Krise des Kunstmarkts:Wir sind ein Ökosystem

Keine Messen, kaum Verkäufe: Die Galeristinnen Esther Schipper und Deborah Schamoni über den Kunstmarkt unter Corona-Bedingungen.

Interview von Catrin Lorch

An diesem Wochenende finden die gemeinsamen Eröffnungen der Galerien in Berlin, Köln, Düsseldorf und München statt - und diese Rundgänge, traditionell die ersten Treffpunkte des Kunstherbstes, werden wohl zu den wenigen Anlässen gehören, bei denen sich die Szene in diesem Jahr trifft. Fast alle Kunstmessen seit dem Frühjahr wurden wegen Corona abgesagt. Wie sieht es aus bei den deutschen Galerien? Ein Gespräch mit Esther Schipper, einer der profiliertesten Galeristinnen Berlins, und Deborah Schamoni, die seit sieben Jahren ihre Galerie in München betreibt.

SZ: Kürzlich wurde auch die Art Basel Miami Beach abgesagt. Stirbt damit die Hoffnung auf den Kunstherbst?

Esther Schipper: Die Absage der Art Basel Miami Beach hat mich nicht überrascht. Wir müssen der Situation ins Auge sehen: Meine Galerie hat sich an zwölf Messen im Jahr beteiligt - neben den klassischen großen Messen wie der Art Basel und der Frieze haben wir in jeder Saison einen Kontinent abgedeckt. Die aktuelle Situation bedeutet einen Umsatzeinbruch. Aber es fallen auch die Kosten weg, Messen sind teuer zu bespielen. Wir navigieren jetzt auf Sicht.

An der Art Cologne, die für den November geplant ist, wollen Sie teilnehmen.

Schipper: Wir planen nach wie vor einen Stand. Es wäre, nach dem Wegfall der Berliner Kunstmesse, für den Standort Deutschland wichtig, wenigstens eine Messe zu haben. Und die Art Cologne ist eine der wenigen Veranstaltungen, die eine gute Chance haben, stattzufinden.

Muss man sich jetzt als Galerist auch mit Hygiene-Konzepten beschäftigen?

Deborah Schamoni: Ich bin im Komitee der Art Cologne und tatsächlich diskutieren wir beispielsweise, wie die Stände positioniert werden. Die einzelnen Kojen werden sehr tief und in fünf Metern Abstand zueinander aufgestellt. Als Galerist wird man auch eine Maske tragen, die man nur im Sitzen ablegen darf - das wird alles genau überlegt. Ob dagegen die FIAC in Paris, an der ich in diesem Oktober erstmals teilnehmen wollte, tatsächlich stattfindet, ist noch unsicher. Das ist schon aufreibend, wir planen ja nicht nur unsere Stände, Anreisen, Transporte - Künstler müssen ja auch ihre Arbeit für so einen Anlass produzieren.

Mit den Galerie-Rundgängen soll internationales Publikum angezogen werden. Wie sind da die Rückmeldungen?

Schipper: Die Situation ändert sich täglich. Ein großer Teil unserer Arbeit besteht in der Kommunikation darüber, ob die Sammler noch last minute anreisen - oder eben nicht. Wir haben alle so gehofft, dass das Geschäft im Herbst wieder anläuft, aber jetzt kann niemand aus China oder Amerika kommen. Und auch die spanischen oder französischen Sammler werden wegfallen.

Esther Schipper

Esther Schipper reist aus Berlin zu zwölf Kunstmessen im Jahr.

(Foto: Kristian Schuller)

Wie wird sich der Charakter der Vernissagen verändern? Partys und Konzerte sind ja wohl nicht geplant.

Schipper: Man darf ja private Feiern abhalten. Wir laden nur zu kleineren Veranstaltungen ein, aber vielleicht ist das auch einmal ganz gut.

Inwiefern?

Schipper: Seit die Galerie vor über dreißig Jahren eröffnet wurde, hat sich vieles verändert. Wir sind damals nicht alle fünf Minuten um die halbe Welt geflogen. Vieles ging auch über das Telefon, jetzt schreibe ich wieder lange Briefe. Die Welt hat sich nicht nur zum Schlechteren verändert - es gibt wieder mehr Zeit.

Schamoni: Mit dem Messe-Stress ist natürlich auch diese positive Aufregung weg. Mir fehlt der Austausch - was zeigen die jungen Londoner, die jungen New Yorker. Dafür kann ich mich jetzt auf mein Programm konzentrieren: Auch begehrte Künstler sind gerade sehr offen für Projekte. Der Rundgang "Various Others" in München, der jetzt beginnt, wird dieses Jahr sehr lokal werden. Und die Verkäufe nehmen natürlich ab. Das ist dramatisch.

Kann die viel beschworene virtuelle Präsenz das nicht ausgleichen?

Schipper: Vor Corona hat vermutlich kaum jemand die Websites von Galerien angeschaut. Aber während das virtuelle Angebot der im März abgesagten Art Basel Hong Kong nicht eben erfolgreich war, hat die Art Basel im Sommer tatsächlich einen Buzz kreiert. Es hat sich zum ersten Mal wieder so angefühlt, als sei die ganze Welt miteinander im Austausch, wenn auch nur am Telefon. Man wird sich an diese Plattformen gewöhnen müssen. Die Frieze, in deren Komitee ich bin, denkt gerade auch über Live-Chats nach. Das wird nie den physischen Auftritt ersetzen, aber vielleicht anderes ermöglichen.

Rechnen die Messegesellschaften denn damit, dass alles wieder wird wie früher?

Schipper: Im Frühjahr haben wir alle geglaubt, dass wir nur einen gewissen Zeitraum überbrücken müssen. Heute ist nicht mehr klar, was am anderen Ende stehen wird. Und wir hatten ja schon vor Corona eine Klimakrise, das war auch bei den Messegesellschaften Thema. Kann man eine Messe grün machen? Meine Antwort ist: nein. Der Carbon Footprint einer international aktiven Kunsthändlerin ist grauenhaft. Und wenn man Kunst mit dem Schiff verschickt, statt mit dem Flugzeug, ändert sich grundsätzlich nicht viel. Ob wir einen Teil der Verkäufe digital abwickeln können, ist also immens wichtig. Wir sollten nicht vergessen, dass man schon seit langem mit einem iPad auf der Messe steht oder per E-Mail Abbildungen verschickt.

Wie sieht das für eine jüngere Galerie aus, die ihr Programm erst durchsetzen muss?

Schamoni: Meist rechnen sich Messen für uns nicht wirklich. Wichtig ist, dass wir bei diesen Gelegenheiten Sammler und Kuratoren kennenlernen. Viewing Rooms, die ja eigentlich Websites mit Bildern sind, können das nicht ersetzen. Ich kann mir vorstellen, dass Sammler auf diesem Weg die Werke etablierter Künstler kaufen. Aber Neues lässt sich so nicht präsentieren.

Deborah Schamoni hat ihre Galerie in München vor sieben Jahren gegründet.

(Foto: Florian Frinzel)

Sind die jungen Künstler nicht sensibler, was den Kunst-Jetset und seine Auswirkungen auf das Klima angeht?

Schamoni: Ausgerechnet einer meiner jungen Künstler, Gerry Bibby, hat gerade drei riesige Kisten mit extrem schweren Betonarbeiten zur Biennale nach Busan verschickt. Deren Eröffnung wurde dann, als alles installiert war, übrigens abgesagt. Aber die Frage ist ja nicht nur, ob man seine Homepage gut überarbeitet, man schaut im Moment genauer auf das eigene Tun, die Dinge werden schärfer. Und dieser Entwicklung, dass sich der Erfolg ausschließlich in Verkäufen bemisst, der kann man jetzt etwas entgegensetzen. Klar geht es uns allen gerade schlecht. Wenn wir - vor allem die kleinen und mittleren Galerien - ein, zwei Monate nichts verkaufen, dann wird es eng. Aber was interessiert uns denn an der Kunst? Doch vor allem das Ausstellen und dass Leute zusammenkommen. Wir haben jetzt zusammen mit einer anderen Galerie einen Space mit Fokus auf performativer Kunst angemietet. Antizyklisch sozusagen, mal schauen wie weit wir kommen mit Corona.

Auch große New Yorker Galerien entlassen derzeit Hunderte Mitarbeiter, andere geben auf. Was kann die deutsche Politik für den Handel hierzulande tun?

Schipper: Zunächst müssen wir uns besser aufstellen. In Berlin werden Galerien und Kunsthändler vom Senat und vom Kulturstaatsministerium zu Recht als wilder, nicht unter einen Hut zu bringender Haufen gesehen. Aber wir sind hier in einem Land, in dem Kulturpolitik alle mitnehmen will. Das ist in Amerika anders, wo sehr mächtige Galerien viele Millionen abgefragt und auch bekommen haben. Was ein Skandal ist. Nicht nur, weil man die einen füttert und die anderen verdursten lässt - auch weil das enorm wettbewerbsverzerrend ist. Wir gehören ja zu dem gleichen Ökosystem. Ich bin übrigens nicht so begeistert von vielen Initiativen der Großgalerien wie Hauser & Wirth oder David Zwirner, die auf ihren Websites kleinere Messen oder Kollegen hosten, aber damit auch deren Daten einsammeln.

Schamoni: Die Erhöhung der Mittel der Ankaufskommission des Bundes war eine Ansage - drei Millionen Euro, die vor allem für Werke ausgegeben werden sollen, die unter 20 000 Euro kosten. Wir warten ab, wie sich das verteilt. Eine einfache Maßnahme wäre es übrigens, die Mehrwertsteuer für Kunstkäufe - wie in anderen Ländern üblich - zu reduzieren.

Schipper: Wenn dieser enorme Standortnachteil fallen würde, auch nur für ein Jahr, wäre morgen der Verkaufsboom da, auch in diesen Zeiten. Der Staat würde sogar mehr verdienen an der Kunst, als er verliert. Dafür lege ich meine Hand ins Feuer.

Esther Schipper, Sie haben nach Ihrem Wechsel von Köln nach Berlin die Kunstmetropole entscheidend mitgeformt. Was ist Ihre Prognose für Berlin?

Schipper: Ich habe keine Prognose derzeit. Aber ich gebe Deborah Schamoni recht: Gut ist, dass wir gerade mehr zusammenrücken. Es sind viele Projekte in der Mache. Die Kulturpolitik wird sich vielleicht auch langsam dessen bewusst, was unser Angebot wert ist. Wir bieten ein künstlerisches und kulturelles Programm, das die Öffentlichkeit nichts kostet, aber gerade eine Stadt wie Berlin intellektuell und ästhetisch enorm bereichert hat.

© SZ vom 12.09.2020
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