Krise der Wikipedia Unleserlicher Mist

Nach einer Serie blamabler Pannen ist die Online-Enzyklopädie "Wikipedia" entzaubert. Im Netz nennt man sie bereits "Wiki-Prawda". Der Betreiber hat Korrekturen angekündigt. Doch bleibt das Projekt einer "Social Software" im Kern gefährdet.

Von Bernd Graff

Das Gründungsmanifest für frei programmierte Software stammt aus dem Jahr 1997, als Computer gewissermaßen noch mit Kohle befeuert wurden. Es ist ein Basistext zur digitalen Genesis und heißt ¸¸Die Kathedrale und der Basar". Darin bilanzierte der Autor Eric Steven Raymond erstmals das Prinzip des Betriebssystems Linux. Linux steht darin paradigmatisch für Open-Source, für jene Software, die nicht von Konzernen produziert, sondern von unabhängigen Nutzern erstellt und ununterbrochen weiterentwickelt wird.

Lücken im orbis pictus sollen im Minutentakt gefüllt werden. Nicht immer stimmt das.

(Foto: Foto:)

¸¸Kathedrale und Basar", das war für Raymond ein Bild für den strategischen Antagonismus in der Software-Entwicklung. Der Basar, also die freie Programmier-Szene, mag chaotisch erscheinen - doch bietet das Gewusel alles, was das Herz begehrt. Der Basar steht für unendliche Vielfalt. Er reagiert flexibel auf neue Bedürfnisse, weil viele Kleinhändler schnell und oft überraschend neue Produkte anbieten können. Lediglich ein Marktbetreiber, ein so genannter Maintainer, koordiniere das Angebot nach basisdemokratischen Spielregeln. Demgegenüber gleiche die klassische Software-Industrie einer Kathedrale. An der Spitze sitzt ein Chef, der die Entwicklung eines Produktes über ein hierarchisches Angestelltensystem überwacht. Dieses Produkt ist unveränderlich, es wird angenommen oder eben nicht. Freie Software, so Raymond, sei darum ein Segen für die Nutzer. Und die Chance für Kleinanbieter. Die Produkte - immer bestmöglich. Denn der Basar schläft nie.

Inzwischen wird nicht nur Software im ¸¸Do-it-Yourself"-Verfahren hergestellt, es gibt auch andere Online-Angebote. Das berühmteste ist die Online-Enzyklopädie ¸¸Wikipedia". Gerade sie aber zeigt in diesen Tagen auch die Nachtschattenseiten der grenzenlosen Freiheit und das Elend der allseitigen Verfügbarkeit. Denn dieses gewaltige, brummende Online-Nachschlagewerk mit Sitz in St. Petersburg, Florida muss derzeit ein Stakkato an Negativ-Schlagzeilen wegen irreführender Artikel verkraften.

Grenzen der sozialen Software

Ende 2004 noch nannte der Spiegel Wikipedia einen ¸¸selbstheilenden Organismus", weil sich immer ein kundiger Helfer finde, der noch den feinsten Irrtum zu beseitigen verstünde. Ja, Wikipedia sei nichts anderes als ein ¸¸wundersames Reich der selbst verfertigten Aufklärung." Im August hatte Jimmy Wales, Gründer und ¸¸Maintainer" von Wikipedia, im SZ-Interview zudem berichtet, dass tendenziöse Einträge in seinem mehr als 850 000 Begriffe starken Nachschlagewerk nicht zugelassen würden, da man sich einem Kodex des ¸¸NPOV" verschrieben hätte, des ¸¸neutral point of view". Wikipedia, Hüterin der neutralen Perspektive. Vor Webtagebüchern und vor Podcasts, also selbstgemachten Radiosendungen, war Wikipedia das erste Programm einer völlig neuen, von Anwendern kontrollierten ¸¸sozialen Software". Bis heute ist sie konkurrenzlos.

Und nun das: Ende Oktober erklärte Wales selber, dass die beiden Wikipedia-Artikel zu ¸¸Bill Gates" und ¸¸Jane Fonda" eine ¸¸entsetzliche Blamage" und ¸¸nahezu unleserlicher Mist" seien. Was dem Mythos einer Verbesserung im Minuten-takt - ¸¸wiki" ist hawaiianisch und bedeutet ¸¸schnell" - aufs Blamabelste widerspricht. Ende November erklärte John Seigenthaler, ein 78-jähriger ehemaliger Politikberater und Assistent von Robert Kennedy, dass der Beitrag über ihn behauptet habe, er sei in die Kennedy-Morde verstrickt. Der Text stand geschlagene vier Monate im Netz. Anfang Dezember kursierte dann die Meldung, dass Adam Curry, der Gottvater aller Podcasts, heimlich alle Wikipedia-Einträge zu anderen Podcastern gelöscht habe. Wenn alle mitredigieren dürfen, regieren auch alle mit. Schlimmstenfalls als Zensoren.

So weiß man inzwischen, dass gerade bei historischen oder politischen Inhalten, etwa der Darstellung von Parteien, regelrechte Grabenkämpfe um die Formulierungen toben. Und dass im Windschatten der Debatten findige PR-Agenturen die stark frequentierte Plattform nutzen, um im Gestus des Erklärstücks Werbung für ihre Produkte zu machen. Schließlich gibt es zahlreiche Webseiten, die Schritt für Schritt erläutern, wie man Einträge verfasst, observiert und aktualisiert. Das alles ist kaum dazu angetan, den Ruf von Wikipedia als ideologiefreie Idylle zu bewahren. Schon kursiert in Internetforen für die bis dato erfolgreichste aller Online-Enzyklopädien in Anlehnung an das sowjetische Indoktrinier-Organ das Schmähwort ¸¸Wikiprawda".

Aber die jüngsten Krisen haben Wirkung gezeigt. Jimmy Wales, der Wissensübervater, hat gerade zwei bedeutende Veränderungen angekündigt. Zum einen verlangt er, dass sich künftig jeder Hilfsredakteur registriert, bevor er Hand an Artikel legen kann und neue verfasst. Das soll helfen, wenigstens den Werdegang einer Wiki-Ente zu rekonstruieren. Zum anderen soll die Anzahl der Neueinträge auf 1500 Artikel pro Tag begrenzt werden. Damit die ¸¸Watchdogs" des Angebots wenigstens eine halbwegs realistische Chance erhalten, ihr Auge über die Neueinträge streifen zu lassen.

Alles dies belegt aber auch, dass die ¸¸Weisheit der Massen", so der Titel eines Buches von James Surowiecki, ihre engen Grenzen hat. Dass die Krise von Wikipedia symptomatisch ist für die Grenzen der sozialen Software überhaupt, ist nicht auszuschließen.