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Krise beim Suhrkamp-Verlag:Gnade der Insolvenz

Suhrkamp Verlag

Suhrkamp-Bücher im Regal: Wie hoch bewertet man bei einem Verlag wie Suhrkamp etwa das Lager oder die Autorenrechte?

(Foto: dpa)

Mit seinem Sieg vor Gericht im März hat der Suhrkamp-Gesellschafter Hans Barlach eine unbeabsichtige Reaktionskette losgetreten. Die mit ihm im Clinch liegende Familienstiftung als zweite Gesellschafterin hält nun plötzlich das Heft des Handelns in den Händen - und gibt es nicht mehr her.

Von Andreas Zielcke

Der an Ungewöhnlichem ohnehin reichen Krisengeschichte des Suhrkamp Verlages wird eine weitere Paradoxie hinzugefügt.

Seit dem 27. Mai wird der Verlag im Rahmen des insolvenzrechtlichen Schutzschirmverfahrens geführt. Das hat ihm Luft verschafft gegenüber Gläubigern, vor allem hat es dem erbitterten Konflikt zwischen den beiden Gesellschaftern, der Familienstiftung um Ulla Berkéwicz und der Medienholding um Hans Barlach, eine ganz neue Dynamik verliehen - mit deutlichem strategischen Gewinn für die Familienstiftung. Dass die Stiftung gewillt ist, diesen Vorteil unbedingt zu nutzen, zeigt die neueste Volte in dem Kampfgeschehen.

Beantragt hatte der Verlag das Schutzschirmverfahren mit der Begründung, er sei überschuldet. Die Überschuldung eines Unternehmens ist Bedingung für die Einleitung eines solchen Verfahrens, solange zugleich feststeht, dass das Unternehmen noch zahlungsfähig ist.

Genau so stand es um Suhrkamp Ende Mai, als der Antrag gestellt und das Verfahren vom Amtsgericht Berlin eröffnet wurde. Nun aber sieht es so aus, dass der Verlag tatsächlich zahlungsunfähig ist. Doch das einmal in Gang gesetzte Schutzschirmverfahren wird dadurch nicht mehr aufgehalten. Wie kommt es zu der nur scheinbar dramatischen Zahlungsklemme?

Auslöser für die Überschuldung des Verlags war bekanntlich das aufsehenerregende Gerichtsurteil, das Barlach im März dieses Jahres erstritten hatte und das ihm die Auszahlung eines Gewinnanteils für 2010 in Höhe von 2,2 Millionen Euro zusprach.

Ein wahrer Pyrrhussieg

Die Folge seines Sieges war eine Reaktionskette, die er offensichtlich nicht vorhergesehen hatte und die ihm heute schwer zu schaffen macht, ein wahrer Pyrrhussieg: Wenn ihm sein Gewinnanteil auszuzahlen ist, dann kann auch die Familienstiftung ihren Anteil beanspruchen, also musste der Verlag plötzlich mehr als acht Millionen für die Forderungen der beiden Gesellschafter in die Bilanz als Passivposten aufnehmen. Das wiederum trieb ihn in die Überschuldung, eröffnete ihm aber zugleich die Möglichkeit, das Schutzschirmverfahren einzuleiten.

Um dieses Verfahren, dessen Nachteile und Risiken für Barlachs Seite nur allzu offenkundig sind, zu Fall zu bringen, hat Barlach viele Anläufe unternommen, auch vor Gericht, bisher vergeblich.

Um die Verfahrensprämisse, die Überschuldung, doch noch zu beseitigen, hat er schließlich vor Kurzem für seinen Gewinnanspruch den sogenannten Rangrücktritt erklärt. Das bedeutet, dass seine Forderung hinter alle anderen Gläubigeransprüche zurücktritt - und damit aus der Überschuldungsbilanz herausfällt. Wäre die Familienstiftung ebenso bereit, ihren Gewinnanspruch zurückzustellen, würde sich das Insolvenzverfahren in der Tat erledigen.

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