Süddeutsche Zeitung

Opernuraufführung:Schnulze und Diskriminierung

Das Opernhaus in Brüssel trifft mit Kris Defoorts neuem Stück "The Time of our Singing" einen Nerv.

Von Julia Spinola

Die Bühne der Opéra de la Monnaie in Brüssel zeigt den Probensaal einer Theaterschule. Die Sänger sitzen um die leere Spielfläche auf Tischen und springen dann und wann auf, um sich in die Geschichte einzumischen. Tische und Stühle dienen als Schulbank, Krankenbett, Esstisch. Auf einer Leinwand werden die Einschnitte der Familiensaga dokumentiert, um die es in der neuen Oper "The Time of our Singing" von Kris Defoort geht. Wenn am Ende, untermalt vom Dröhnen der tiefen Streicher, Bilder der bürgerkriegsähnlichen "Los Angeles Riots" von 1992 über den Bildschirm toben, lässt der Regisseur Ted Huffman die Sänger das Mobiliar donnernd in die Mitte der Bühne werfen. Den erstgeborenen Sohn der Familie, Jonah, der als Startenor eine Karriere in Europa gemacht hat, treiben Gewissensbisse zurück in die Vereinigten Staaten, mitten hinein in diese Straßenschlachten. Ein Stein erwischt ihn am Kopf. Er stirbt.

Das Singen schweißt die Familie zusammen, ihre unterschiedlichen musikalischen Wege trennen sie

Richard Powers' 800 Seiten langer Roman "The Time of our Singing", der 2004 in Deutschland unter dem Titel "Der Klang der Zeit" erschien, erzählt die Geschichte vom emigrierten deutsch-jüdischen Physiker David Strom und der Schwarzen Delia Daley, die gegen alle Widerstände eine Familie gründen - in einer Zeit, in der ein Drittel der amerikanischen Bundesstaaten "interracial marriages" noch unter Strafe stellten. Der Stoff ist ideal für den 1959 in Brügge geborenen, stilistisch unbekümmert die Stile mischenden Kris Defoort, der Barockmusik und Jazz studierte, als Barpianist arbeitete und drei Opern komponierte. Denn Powers schneidet nicht nur verschiedene Zeit- und Erzählebenen gegeneinander, er führt auch die Musik als Protagonisten ein. Als Zeitkunst, die zeigt, wie Harmonie gelingen kann, ohne die Vielstimmigkeit zu unterdrücken, bildet sie den utopischem Gegenwurf zur gesellschaftlichen Realität.

Das tägliche gemeinsame Singen schweißt die Familie Strom-Daley zusammen. Ihre unterschiedlichen musikalische Wege entfremden die drei Geschwister dann aber voneinander. Der in der Klassikwelt erfolgreiche Jonah wird von seiner jüngeren Schwester Ruthie als Verräter verachtet. Ruthie definiert sich als Schwarze, schließt sich der revolutionären Bewegung der Black Panthers an und ist musikalisch im Hip-Hop zu Hause. Joey steht verzweifelt zwischen beiden Welten und versucht, die Familie wieder zusammenzubringen. In einer Gesellschaft, deren rassistischer Segregationswille gnadenlos ist, sind sie als Kinder einer gemischten Ehe innerlich zerrissen. Defoort, der einen bunten Eklektizismus der Idiome als seine "kompositorische DNA" bezeichnet, schickt sich an, diese Zerrissenheit durch seine Musik zu versöhnen.

Im Graben befeuert der Dirigent Kwamé Ryan das um ein Jazzensemble erweiterte Kammerorchester der Opéra de la Monnaie. Ein melancholisches Saxofonsolo eröffnet das Vorspiel und wird als Schicksalsthema nach zweieinhalb Stunden den musikalischen Bogen auch wieder beschließen. Die fabelhafte Claron McFadden begeistert als Delia mit betörendem Bluesgesang und Vokalisen die Zuschauer, Abigail Abraham fetzt mit Powerstimme in den Hip-Hop- und Rap-Einlagen der görenhaften Ruthie im grünen Minikleid und Afrofrisur über die Bühne. Als David verströmt sich der Bariton Simon Bailey in einem der Wiener Schule nachempfundenen, tonalen Melos, während die sperrige Quartenmelodik, die Mark S. Doss als Delias Vater William mit patriarchal-durchdringendem Bassbariton singt, wie ein jazziges "Roll over" der ersten Kammersymphonie von Schönberg klingt. Von der musicalhaften Schnulze über ein stilisiertes Tonleiterüben und den opernhaft vorgeführten tenoralen Glanz von Levy Sekgapane als Jonah bis zu gospelartigen Ensembles und Anklängen an Bach, Purcell oder Dowland ist alles zu haben: Sprechgesang und Arie, Song, Melodram und gesprochene Passagen.

Das Stück nimmt viele aktuelle Debatten auf. Rassismus ist auch in Belgien ein brennendes Thema

Peter van Kraaij hat Powers' Buch auf ein Zwanzig-Szenen-Libretto verknappt, das im Unterschied zum Roman die Chronologie der Erzählung strikt wahrt. Um diese Geradlinigkeit zu brechen, wird die Geschichte abwechselnd von allen Protagonisten aus wechselnden Perspektiven erzählt. Immer wieder lässt der Regisseur seine Darsteller direkt ins Publikum agieren. So tritt Delia mit einem anklagenden Blick an die Rampe, nachdem man von den Umständen ihres Todes erfahren hat: ein möglicherweise absichtlich gelegter Brand.

Dass die Oper trotzdem in eine Mischung aus Lehrstück und Musical kippt, liegt daran, dass Defoort seiner Musik keine eigenständige Bedeutung zutraut. Die Stilzitate werden als semantische Chiffren hervorgezaubert, die als Reklameschildchen auf das jeweilige musikalische Umfeld verweisen. So gleitet Defoort in Klischees ab. Gerade in den Szenen, die das gemeinsame Singen der Familie zum Thema haben. Da hört man plötzlich die Stakkato-Klavierbegleitung des 2. Satzes von Schuberts Es-Dur-Klaviertrio, einer Musik der intimsten, einsamsten Innerlichkeit. Die Sänger fallen im Gestus beherzten Musikantentums in den sich nach innen verblutenden Trauergesang des Cello-Themas ein, walzen es zum geselligen Party-Hit aus und reiten es mit einer modalen Schlusswendung zu Tode.

Trotzdem gerät die Aufführung zu einem Erfolg. Rassismus ist auch in Belgien ein brennendes Thema. Erst vor einem Jahr votierte das belgische Parlament für eine Aufarbeitung der Verbrechen der Kolonialzeit. Acht bis zehn Millionen Kongolesen fanden in den Kongogräueln zwischen 1888 und 1908 den Tod: etwa die Hälfte der damaligen Bevölkerung.

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