Krimikolumne:Verwickelt

Krimikolumne: David Peace: Tokio, neue Stadt. Aus dem Englischen von Peter Torberg. Liebeskind, München 2021. 432 Seiten, 24 Euro.

David Peace: Tokio, neue Stadt. Aus dem Englischen von Peter Torberg. Liebeskind, München 2021. 432 Seiten, 24 Euro.

Was ist eigentlich Reue? Die Krimis des Monats.

Von Fritz Göttler

Tokio, Sommer 1949, es gibt gewaltige Unruhe um die Bahn. Der Fall Shimoyama - der japanische Lindbergh-Fall - sorgt landesweit für Erregung, Sadanori Shimoyama, der Präsident der Nationalen Eisenbahngesellschaft, sieht sich gezwungen, 30000 Eisenbahner zu entlassen. Japan steht nach dem verlorenen Krieg noch unter militärischer Okkupation der Amerikaner, General MacArthur bestimmt im Hintergrund, die US-Militärpolizei und die CIA machen Druck, die linken Gewerkschaften wollen sich widersetzen. Tötet Shimoyama, ist auf Plakaten zu lesen. Eines Tages ist Shimoyana verschwunden. Eine Entführung? Dann wird die Leiche gefunden, von einem Schnellzug zerfetzt. Mord? Selbstmord? War da nicht eine Geliebte, mit der er seine Frau betrog! Auch die Krimischreiber des Landes bringen Lösungsvorschläge an. Der Fall ist bis heute ungelöst, und auch David Peace denkt nicht im Traum daran, ihn mit einer definitiven Auflösung zu versehen, im dritten Teil seiner Tokio-Trilogie "Tokio, neue Stadt". Das Motto des Bandes verknüpft den Fall Shimoyama mit anderen spektakulären Geschichten Tokios, zum Beispiel den dubiosen Teigin-Giftmorden 1948, von David Peace behandelt in "Tokio besetzte Stadt", dem zweiten Band der Trilogie. Der dritte geht nun weiter ins Jahr 1964 - dem Jahr der Olympischen Spiele in Tokio - und dann ins Jahr 1989, als der alte Kaiser Showa auf dem Totenbett liegt und die Zeiger seiner Micky-Maus-Uhr immer langsamer werden. Der Übersetzer Donald Reichenbach irrt nun durch die alten Intrigen, Alkoholiker, sterbenskrank, und seine Sorge, was nach seinem Tod mit seiner Katze werden wird, verdammt ihn unrettbar zur Einsamkeit. Peaces Romane sind Zeitgeschichte, nicht nach Fakten erzählt, sondern nach Stimmungen, eine Kette von Bahnstationen und Regengüssen und Erinnerungen, die das Erzählen auflösen ins raunende Shu-shu pop-po der Schienen.

Krimikolumne: Eloísa Díaz: 1981. Aus dem Englischen von Mayela Gerhardt. Hoffmann und Campe, Hamburg 2021. 320 Seiten, 23 Euro.

Eloísa Díaz: 1981. Aus dem Englischen von Mayela Gerhardt. Hoffmann und Campe, Hamburg 2021. 320 Seiten, 23 Euro.

Buenos Aires 1981. Inspektor Joaquín Alzada nutzt seine Verbindungen, um in eins der Foltergefängnisse der Militärregierung vorzudringen. In einer Zelle dort erfährt er eine Lektion in Anti-Anatomie. Er findet Jorge, seinen Bruder, der in der Nacht mit seiner Frau verhaftet worden war. "Das einzige Argument, das dafürsprach, Jorge als lebendigen Organismus zu klassifizieren, war das unregelmäßige Zittern seines geschwollenen, dunkel verfärbten Abdomens. Seine Gliedmaßen waren in unmöglichen Winkeln verdreht. Die Form seines Körpers hatte nichts Natürliches mehr." Die Frau ist bereits tot, Alzada bemüht sich, den sterbenden Bruder aus der Zelle wegzuschaffen, ein wahnwitziges Unternehmen. Im Dezember 2001 herrscht Ausnahmezustand in der Stadt. Den Bürgern wird der Zugriff auf ihre Bankkonten gesperrt. Auf den Straßen das Chaos großer Demonstrationen. 1981 demonstrierten nur die unerschrockenen Madres de Plaza de Mayo. Am Ende wird Präsident Fernando de la Rúa zurücktreten. Alzada findet mit seinem Hilfsinspektor Estrático eine Tote in einem Müllcontainer. Ist sie eine Drogensüchtige, ist sie die Schwester einer reichen Familie, ist ein Politiker in eine Affäre mit ihr verwickelt und in ihren Tod? Die alten Fragen tauchen wieder auf, Zivilcourage, Widerstand, Anpassung. Hat sich etwas geändert im Vergleich zu 1981, im Land, in Inspektor Alzada? Eloísa Díaz' Roman "1981" heißt in der Originalausgabe "Repentance", Reue. Mit Sorolla, dem Sohn des toten Bruders, den er und seine Frau in ihre Obhut nahmen, geht auch Alzada auf die Straße.

Krimikolumne: Liam McIlvanney: Ein frommer Mörder. Aus dem Englischen von Sabine Lohmann. Heyne Verlag, München 2021. 446 Seiten, 15 Euro.

Liam McIlvanney: Ein frommer Mörder. Aus dem Englischen von Sabine Lohmann. Heyne Verlag, München 2021. 446 Seiten, 15 Euro.

Glasgow 1968. Heftige Stürme über der Stadt. Viele Häuser sind verlassen und abbruchreif, es wird viel neugebaut. Plakate hängen an den Wänden, darauf ein grinsendes Gesicht: Haben Sie diesen Mann gesehen? Drei Frauen hat er umgebracht, in einem Ballroom aufgegabelt, ihre Leichen nackt zur Schau gestellt. demonstrativ, presigegeben. The Quaker wird er genannt, so der Originaltitel des Romans. Die Polizei ist hilflos, also wird McCormack geholt, ein Cop von außerhalb, vom Lande. Er soll sich die im Nichts verlaufene Untersuchung noch mal vornehmen, eine Art innere Revision. Das macht ihn nicht beliebt bei den Kollegen. Ein vierter Mord geschieht, außerdem gibt es einen perfekter Einbruch in ein Auktionshaus. Besonders kompliziert wird es durch den Verdacht, die Morde könnten alle vier etwas mit der schottischen Regentin Mary Stuart zu tun haben und den vier Marien, deb Zofen der Königin, zu in einem Lied besungen sind: "Nehmt ab mit mein Gewand, sagt sie, doch mein Unterkleid lässt an, und eine Binde legt mir ums Angesicht, dass den Galgen ich nicht sehn kann." Geplagt wird McCormack vom Wetter und von den Vorgesetzten, von seinem besessenen Vorhaben, Glasgows größten und gemeinsten Gangster zu fassen, von seiner Neigung, nachts die Angebote fremder junger Männer anzunehmen.

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