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Kriminalroman:Im Kerker

In dem abgelegenen Städtchen Furth am See ereignen sich neuerdings auffallend viele Zufälle. Die Dorfpolizisten schließen nicht aus, dass sie womöglich zusammenhängen: Paulus Hochgatterers Österreichtableau "Flieg fort, flieg fort".

O il ballo o la vita (colour litho)
(Foto: Walter Molino (1915-1997)/Look and Learn)

Sie stellt sogar einen Hometrainer in den gemütlichen Kerker, das entführte Mädchen soll sich fit halten. Es soll keinen Schaden leiden, im Gegenteil, niemand will ihm etwas. Außer das Gedicht, es soll ein Gedicht auswendig lernen. Mehr verlangt die Entführerin nicht von dem Kind. Das Gedicht soll es aufsagen, und zuhören soll es, wenn die Erzieherin die Geschichten aus dem Kinderheim erzählt, das sein Großvater geleitet hat. Der Sadist, der Kinderseelen und Kinderkörper verkauft hat.

Kerkerszenen haben ihr eigenes Grauen. Und dann soll dieses Kind auch noch die Verse aufsagen, die Gretchen als Kindsmörderin im "Faust" singt - ebenfalls im Kerker, als sie auf den Henker wartet. Paulus Hochgatterer, der schreibende Kinderpsychiater aus Wien, geboren 1961 in Amstetten, beschwört das "tragische Grauen dieser in der Weltliteratur einzig dastehenden Szene" herauf, wie es der französische Germanist Edmond Vermeil einmal genannt hat: "Meine Mutter, die Hur, die mich umgebracht hat! Mein Vater, der Schelm, der mich gessen hat." Das Gedicht endet mit der Metamorphose des toten Hurenkindes in ein Waldvögelein. "Fliege fort, fliege fort!" Diesen Schlussvers von Gretchens Kerkerlied hat Hochgatterer dann auch zum Titel seines neuen Romans gemacht.

Das Personal ist fast unübersichtlich, die Sprache aber pointiert

Wieder spielt er in Furth am See, wie seine Vorgänger "Das Matratzenhaus" aus dem Jahr 2010 und "Die Süße des Lebens" (2006). Eigentlich ist dieses Kaff, das von diesen früheren Romanen als 35 000-Einwohner-Ort bekannt ist, fast etwas zu klein für eine solche Geschichte, zu beschaulich für so viel Böses und zu provinziell für ein Figurentableau, wie Hochgatterer es durch diese heißen Sommertage schickt, in denen die Geschichte spielt. Manchmal bordet sie über vor originellen Personen, ihrem Charme, ihrer Schlagfertigkeit. Man muss Paulus Hochgatterer aber zugutehalten, dass er sich auf die Lakonie versteht. Und auf die Pointe.

Angesichts seiner fein gezeichneten Hauptfiguren Kovacs und Horn kann man ihm auch Stereotypen wie den rechtslastigen Immobilienhai, der in der Politik mitmischt und widerliche Geschäfte macht, durchgehen lassen. Der scheint längst eine feste Größe in der deutschsprachigen Kriminalliteratur geworden zu sein, man kennt ihn auch aus Vorabendkrimis. Kovacs hingegen ist ein etwas zerstreuter Polizist mit Hirn und Verstand, Horn ein etwas zerstreuter Psychiater mit noch mehr Hirn und einer drei Jahre älteren Ehefrau, einer Cellistin, im Grunde viel zu toll für Furth am See. Paulus Hochgatterer nimmt die Leser mit in das Privatleben dieser Protagonisten, das die Geschichte nur bedingt weiterbringt. Aber was wäre ein Krimi ohne romantische Note und ohne die Erotik, die zart wie eh und je anschwillt zwischen dem 56-jährigen Chefarzt Horn und seiner drei Jahre älteren Cellistin?

Bei den Kriminalien bleibt Horn im Vergleich zu Kovacs, dem Kommissar, ein wenig unbeschäftigt. Es sind schließlich auch nicht die spektakulärsten Fälle, die den Polizisten Ermittlungsarbeit bescheren. Ein politisches Graffiti. Eine Steinschleuder-Attacke auf einen rechtsradikalen Burschen von einem schwarz uniformierten Sicherheitsdienst. Dann wird eine alte Ordensschwester aus dem Seniorenheim im Krankenhaus eingeliefert, die sich übergeben musste - und aus dem Magen von Schwester Notburga kam etwas, das sie definitiv zum Abendessen serviert bekommen hatte. Die kriminaltechnische Untersuchung ergibt: Katzenfutter. Schwester Notburga wirkte früher in dem Kinderheim, das der Großvater des entführten Mädchens als Direktor leitete. Sie war sehr streng: Bei ihr musste aufgegessen werden, was auf den Teller kam. Und wer es erbrach, musste es noch mal essen. Das Erbrochene.

Bei allen kleineren Zwischenfällen, die - man ahnt's - zusammenhängen, ist die Kindesentführung dann doch mit Abstand der Hauptfall. Priorität eins, möchte man meinen. Sonderkommandos, Profiler, das volle Programm. In der österreichischen Provinz hingegen nehmen es die Polizisten irrsinnig nonchalant. Umso beklemmender sind die Kerkerszenen, in denen Paulus Hochgatterer die Entführerin in der Ich-Person sprechen lässt. Die Geschichten, die sie der Geisel vom Großvater erzählt, bringen das Kind zum Einnässen. Es ist ein Aufarbeitungskrimi.

Neben der vielköpfigen Polizistentruppe und dem ebenso umfangreichen Personal auf Horns psychiatrischer Station ist der Jugendtreff von Furth am See Hauptschauplatz. Zahlen- und typenmäßig erfreut sich das Personal auch hier einer üppigen Ausstattung - so üppig, dass man mitunter den Überblick verlieren könnte. Als originellste Erscheinung bleibt der Benediktiner-Pater haften, der den Habit gern gegen Shorts tauscht. Er bringt das Kunststück fertig, beim Fronleichnams-Gottesdienst das Evangelium vorzutragen und dabei mit Stöpseln im Ohr Leonard Cohen zu hören, Bird on the Wire. Eine andere Version von "Fliege fort, fliege fort".

Paulus Hochgatterer: Fliege fort, fliege fort. Deuticke Verlag, München 2019. 286 Seiten, 23 Euro.

Dieser Text ist zuerst am 31. Oktober 2019 in der SZ erschienen.