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Krimikolumne:Ross Thomas und der Messingdeal

Er erzählte aus der Grauzone von Politik, Lobbyismus, Korruption: Ross Thomas (1926 bis 1995). In seinem Buch "Der Messingdeal" muss ein gestohlener Bronzeschild zurückgekauft werden.

Von Fritz Göttler

Gelassenheit ist die große Tugend des amerikanischen Erzählens. Gelassenheit, die von einer eleganten Präzision herrührt, die alles Handeln, Erinnern und Beschreiben bestimmt. "Frances Wingo war pünktlich. Sie klopfte am nächsten Tag, Donnerstag, um 14.35 Uhr an meine Tür. Das bedeutete, dass sie mit einem Privatflugzeug geflogen war - oder die Ein-Uhr-Maschine aus Washington bekommen und keine Schwierigkeiten bei der Landung gehabt hatte und dass auf LaGuardia reichlich Taxis vorhanden gewesen waren."

Es ist eine Präzision, die sich auch in "Der Messingdeal" Erfahrungen verdankt. Ross Thomas (1926 bis 1995) kämpfte im Zweiten Weltkrieg auf den Philippinen, arbeitete in den Fünfzigern unter anderem in Bonn und Frankfurt, bei der Einrichtung des AFN-Büros, wechselte später in die Politik, zu Berater- und Wahlkampf-Tätigkeit unter anderem für Lyndon B. Johnson, arbeitete als Journalist und Gewerkschaftssprecher, in den USA und in Nigeria. Für seinen ersten Roman, "The Cold War Swap" (Kälter als der Kalte Krieg) erhielt er 1967 den Edgar Allan Poe Award, einen weiteren gab es 1985 für "Briarpatch", Anfang der Achtziger schrieb er eine der Drehbuchversionen für "Hammett", den Wim Wenders für Francis Coppola drehte.

Ross Thomas

Ross Thomas (1926-1995).

(Foto: Verlag)

Die Helden von Ross Thomas sind gelassene Leute. Sie beschäftigen sich mit den heiklen und nicht ganz sauberen Fällen, die offiziell nicht wirklich zu lösen sind, in der Grauzone von Kriminalität, Spionage, Lobbyismus, Korruption, Politik. Frances Wingo, die aus Washington nach New York fliegt, ist Direktorin des Coulter Museums, dem kurz vor Eröffnung einer Schau mit afrikanischer Kunst ein wertvoller Bronzeschild gestohlen wurde. Sie ist ganz in Blau gekleidet, inklusive eines blau-weiß gestreiften, über den Arm gelegten Regenmantels, und hat einen billigen, schweren Koffer dabei. Philip St. Yves, der Held und Erzähler des Romans, nimmt ihn ihr ab und deponiert ihn, nach kurzem Überlegen, in der Wanne im Bad. Seine Gelassenheit verdankt sich einer mittelständischen Kultiviertheit, wie sie allen Helden von Ross Thomas zukommt.

Als die Romane von Ross Thomas erstmals bei uns herauskamen, waren sie ein wenig lieblos übersetzt und auf das Standardmaß der damaligen Taschenbuch-Krimireihen zurechtgestutzt. Vor ein paar Jahren hat sich ihrer der Berliner Alexander Verlag angenommen und lässt sie nun in tadellos revidierten Versionen erscheinen. Nach diversen Büchern mit den Helden McCorkle & Padilllo ("Kälter als der Kalte Krieg") und Artie Wu und Quincy Durant ("Umweg zur Hölle") ist nun das erste von fünf St.-Ives-Büchern erschienen - die Ross Thomas seinerzeit unter dem Pseudonym Oliver Bleeck veröffentlichte.

Zur Person

Ross Thomas, ein Autor mit Widerspruchsgeist. Zwerge und Chinesen, riet ihm mal ein Verleger, darüber will keiner lesen. Ross Thomas dankte. Seine nächsten Romane hießen: "Chinaman's Chance" und "The Eighth Dwarf".

Der brechtische Anklang des deutschen Titels erscheint nicht unangemessen. Philip St. Yves, geschieden, williger Alimentezahler, Sensibilist, ist erfolgreich durch seinen sanften Widerspruchsgeist, der sich gern als Begriffsstutzigkeit tarnt. Gern verbringt er Tage und Nächte beim Pokern mit Freunden aus der Zwischenwelt, Kriminellen und Cops, im Badezimmer seines Zimmers im Adelphi in der East 46th Street. Er arbeitet als Vermittler (der Originaltitel: "The Brass Go-Between"), der verlorene oder gestohlene Objekte gegen entsprechende Bezahlung zurückschafft. Der Koffer, den Frances Wingo bringt, wiegt 26 Kilo. Er enthält 250 000 Dollar in gebrauchten Zehnern und Zwanzigern. Gegen Übergabe dieser Summe soll Philip St. Yves den gestohlenen Schild zurückbekommen. Beäugt wird er bei dem Deal von diversen Cops, es hat Tote gegeben, auch Philips Leben scheint in Gefahr zu sein. Es geht um Bodenschätze und Nationalstolz in Afrika und um den Politikklüngel in Washington. Und - davon erzählt Frances Wingo, bevor sie sich wieder auf den Weg macht, um die Nachmittags-Maschine zurück nach Washington zu erreichen - um einzelne Menschen, die ihr Leben selbst zerstören.

Dabei lässt sie sich, obwohl sie vor drei Jahren mit dem Rauchen aufgehört hat, doch wieder von Philip St. Yves eine Zigarette geben.

Ross Thomas: Der Messingdeal. Ein Philip-St.-Ives-Fall. Aus dem Englischen von Wilm W. Elwenspoek. Bearbeitet von Jana Frey und Jochen Stremmel. Alexander Verlag, Berlin 2015. 268 S., 14,90 Euro.

© SZ vom 21.08.2015
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