KrimikolumneDie Geschichte wiederholt sich

Lesezeit: 3 Min.

In Kairo bauen die Deutschen heimlich Atomwaffen, in Texas verkaufen die Kartelle Drogen, in England werden Frauen geschmuggelt: Die Krimikolumne.

Von Fritz Göttler

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Traumhaft, ein Teenagerjahr im Schatten der Pyramiden, Kairo in den Sechzigern. Rita Hellberg ist knapp siebzehn, als sie mit der Familie dort ankommt, ihr Vater hat einen Job in der ägyptischen Raketenforschung. Die Mutter ist hypochondrisch, die kleine Schwester agil, der Bruder bleibt in Hamburg, er liebt den Jazz. Rita aber, früh reif, ist endlich raus aus dem stickigen Nachkriegsdeutschland: Ein Maskenball im Kairo Hilton (Rita geht als Holly Golightly), der Sprungturm im Club Maadi, ein Tanzwettbewerb der deutschen Botschaft, ausgerechnet an dem Abend, da die ägyptische Regierung das Twistverbot aufhebt, die Magie der Wüste. Ein früher Job als Sekretärin, eine erste große Liebe mit einem jungen Ägypter. Der verbissene Reporter Johnny gewinnt sie als Mitarbeiterin, bei brisanten Recherchen. Denn die Experten, so werden die deutschen Ingenieure genannt (sie waren in Peenemünde bei Hitlers Atomprogramm dabei) konstruieren heimlich Atomwaffen für Gamal Abdel Nasser - mit denen er den jungen Staat Israel auslöschen will? Nazi- und Nachkriegsfiguren kreuzen Ritas Weg, Otto Skorzeny (der Mussolini befreite), Hans Globke, der Israel-Spion Wolfgang Lotz, der Buchenwald-Arzt Hans Eisele, Johann von Leers, Messerschmidt und Quandt. Offizielle und geheime Dokumente oder Zeitschriftenartikel durchsetzen das Fresko von Hitze und Staub, Liebe und Eifersucht, Mossad und Korruption, den Gesang von Umm Kulthum. Die Menschen fürchten die Zeit, heißt es mal. Doch die Zeit fürchtet die Pyramiden von Gizeh.

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Merle Kröger: Die Experten. Thriller. Suhrkamp Verlag, Berlin 2021. 688 Seiten, 20 Euro.

Murfee ist ein Ort in Texas, im Big Bend County, wo der Rio Grande einen gewaltigen Bogen schlägt. Murfee ist Grenzland, die mexikanischen Drogenkartelle bringen hier ihre Ware in die USA, auf ihren Landsitzen auf der anderen Seite des Flusses machen deren Leute sich mit Voodoo-Riten unverwundbar. Ein fiktiver Ort, surreal verdichtet, der Autor J. Todd Scott kennt die Region, er hat über zwanzig Jahre hier als federal agent der Drogenbehörde gearbeitet. Murfee ist die Stadt von Sheriff Ross, man nennt ihn The Judge: "Ich habe die Stadt erschaffen, ich bin die Stadt." Chris Cherry ist sein Deputy, einst war er ein Top-Footballspieler des örtlichen Vereins, nun haben alle Einwohner nur eine einzige Frage, wenn sie ihm begegnen - wie's dem Scheißknie geht. Er findet die Überreste eines Toten, will wissen, um wen es sich handelt. Seine Freundin Melissa ist irritiert, sie wollte nie in dieses Kaff. Der andere Deputy, Duane Dupree, ist rigoros, aber vom Crystal abhängig, und er sieht Gespenster. Die neue Lehrerin Anne muss eine schreckliche Erfahrung verarbeiten. Und dann dieses merkwürdige Paar in dem schwarzen Tahoe, das in der Nacht von den Deputys kontrolliert wird ... Ein Buch voller Comings-of-Age, ein junger Mexikaner, Rudy Rey Reynosa, der ein doppeltes Spiel spielt, seine Schwester America, in die Caleb verliebt ist, der Sohn des Sheriffs. Chris und die Lehrerin kommen sich nahe: Something wicked this way comes ... Aber auch der Herr der Stadt, Sheriff Ross, pocht auf seine Rechte. Er will einen Mann machen aus seinem Sohn, Caleb hält ihn für den Mörder seiner Mutter, eine merkwürdige Ödipus-Geschichte, mit verschobenen Koordinaten. Die Wüste ist von unerklärlicher Schönheit. "Als wäre die Gegend irgendwie aus der Welt gefallen, ein auf dem Boden verloren gegangenes Puzzleteil."

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J. Todd Scott: Die weite Leere. Aus dem Englischen von Harriet Fricke. Polar Verlag, Stuttgart 2021. 442 Seiten, 22 Euro.

Die Geschichte wiederholt sich, diese Erfahrung muss auch Jackson Brodie machen, beruflich und persönlich. Mit "Weiter Himmel/Big Sky" hat Kate Atkinson ihren Privatermittler - einst war er im Polizeidienst - wieder reaktiviert, nach einigen Zweiter-Weltkrieg-Spionage-Romanen. Er bringt ein wenig Ritterlichkeit in eine schäbige Rummelplatz-Welt. Den Instinkt eines Schäferhunds nennt es Kate Atkinson - aber mit einem dunklen Zug im Innern, der ihn auf das Dunkel draußen reagieren lässt. Ein Rebell, ein Maschinenstürmer, ein Luddit ... Dunkel und böse ist in dieser Welt eine Gruppe feiner Bürger, die einen Menschenhandel mit jungen Frauen aus dem Ausland betreibt, sie unter falschen Vorgaben an die englische Küste, nach Yorkshire, lockt. Hinter der Fassade von Anständigkeit und Wohlstand: Ehefrau, Kinder, Golfclub. Eine Welt, die Jackson Brodie absolut fremd ist ... England, bereits vom Brexit verzerrt, ist bevölkert mit merkwürdigen Figuren - junge weibliche Kray-Zwillinge, ein Junge, der den Eingang zur Transylvania World hütet, der Diva-Transvestit Bunny. Du weißt doch, heißt es einmal, ein Zufall ist lediglich eine Erklärung, die noch auf sich warten lässt. Miranda Lambert singt: There's trouble where I'm going, but I'm gonna go there anyway ... Und was die Ritterlichkeit angeht. Am Ende sind es die Frauen selbst, die die Waffe in die Hand nehmen, die Rache übernehmen, die Abrechnung. "Die Geschichte wiederholt sich. Aber mehr tat die Geschichte doch sowieso nicht, oder?"

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Kate Atkinson: Weiter Himmel. Aus dem Englischen von Anette Grube. Dumont Verlag, Köln 2021. 476 Seiten, 24 Euro.

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