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Krimikolumne:Gemeine Kälte

Ein spontaner Tausch, ein politischer Mord und ein Feind im Innern: Neue Kriminalromane von Julie Clark, Iva Procházková und Mick Herron.

Von Fritz Göttler

Alles was du dir schon immer gewünscht hast, findest du jenseits der Angst ... Das ist die Botschaft, um die dieses Buch kreist, so steht's auf einem Zettel, geschrieben in akkurater, leicht geneigter Handschrift, den Claire in dem leeren Haus in Berkeley findet, wo sie für ein paar Tage unterkommt. Der Zettel liegt zerknüllt neben dem Papierkorb, sie streicht ihn glatt und steckt ihn hinter den Spiegel. Und nimmt ihn mit, als sie ihre Flucht fortsetzt. Es ist das Haus von Eva, mit der sie kurzerhand die Existenz tauschte, zwei Frauen, die sich absetzen und verschwinden wollen, möglichst spurlos. Eva hatte im Keller des Hauses Drogen gekocht und diese mit einem hochprofessionellen Dealer unter die Leute gebracht, eine ertragreiche, aber gefährliche Abhängigkeit. Hat aber eine gemeine Kälte entwickelt. Der Satz auf dem Zettel ist von Liz, ihrer Freundin, einer Professorin. Eva und Liz, deren Tochter Elli, schließlich Claire ... eine Kette weiblicher Sympathie und Solidarität, untergründig, verborgen. Claire ist verheiratet mit Rory Cook - Millionärssohn und Philanthrop, die Mutter war Senatorin, nun plant auch er, für den Senat zu kandidieren. Ein harter, unbeherrschter, brutaler Mann, Claire hat lernen müssen, die blauen Flecken an ihren Körper vor den Blicken der anderen zu verbergen. Ein raffiniert geplanter Coup soll sie von ihm befreien. Am John F. Kennedy Airport in New York kreuzen sich die Wege von Claire und Eva, ihre Schicksale. Der Sprung in die absolute Freiheit, der Neubeginn am Nullpunkt, das ist ein absurder, irrealer Moment, der Tausch der Tickets und Accessoires, den der deutsche Titel des Romans signalisiert, der im Original "The Last Flight" heißt.

Julie Clark: Der Tausch.

Julie Clark: Der Tausch. Aus dem Englischen von Gabriele Burkhardt und Astrid Gravert. Heyne, München 2021. 397 Seiten, 12,99 Euro.

(Foto: Heyne)

Eine windige Septembernacht, am Stadtrand von Prag, der Himmel strotzt vor Sternen. Geworg Arojan will schnell nach Hause, da wird aus einem Wagen auf ihn geschossen, der dritte Schuss ist tödlich. Ein politischer Mord, Geworg ist Journalist und Blogger, engagiert für den kleinen Staat Kasmenien, der in einen kriegerischen Grenzkonflikt mit Russland verstrickt ist. Ein fiktiver Staat, Vorbilder dafür gab es einige in den letzten Jahren, von Georgien bis zur Ukraine. Die Residentur arbeitet effektiv, die Abteilung des Auslandsnachrichtendienstes in der russischen Botschaft, mit ihrer starken Tradition, von der Tscheka bis zum KGB. Die Tschechen werden gering geschätzt. "Ein feiges Volk, ohne das, was sollte man groß darum herumreden, die Welt auch ganz gut zurechtkäme." Eine Spionagegeschichte in der Tradition von Graham Greene und John le Carré, die sich an vergangenen und aktuellen politischen Ereignissen und Personen orientiert: Jan Palach oder Anna Politkowskaja, der Mord im Berliner Tiergarten. Ein hoher Prager Ministerialbeamter, im Wahlkampf für das Europaparlament, der erpressbar und korrupt ist, sein Sohn verachtet ihn und klaut ihm die Pistole aus dem Safe, geht öffentlich auf Distanz zum Vater, zieht mit Freunden in den Krieg gegen Russland. Ein Freund (und Konkurrent) Arojans, ein junger Russe, steht gleichfalls auf der Abschussliste. Es gibt in der Prager Polizei offenbar jemanden, der die Mordermittlungen behindert. Ein Familienroman. Einer hat für die Russen gearbeitet unter dem Tarnnamen Rebjonok (Kindchen). Am Ende müssen die Väter aktiv werden für die Söhne. Weil sie so viel falsch gemacht hatten.

Iva Procházková: Die Residentur.

Iva Procházková: Die Residentur. Thriller. Aus dem Tschechischen von Mirko Kraetsch. Braumüller, Wien 2020. 573 Seiten, 25 Euro.

(Foto: Braumüller)

Ein Nachhauseweg kann sehr lang werden, abends, gefährlich lang. Plötzlich steht ein Mann hinter Catherine Standish, es ist Sean Donovan, dem sie einst nahestand. Er will sie auf einen Drink einladen, einen Kaffee, sie lehnt ab, er geht davon. Es gibt keine zufälligen Begegnungen, das weiß sie, als Geheimdienstlerin, schon folgt ihr ein anderer Mann, ein schwarzer Van gleitet heran. Sie wird entführt und in ein Haus vor London gebracht. Die blaue Stunde gleitet ins Violett ... Catherine Standish, Ex-Alkoholikerin, ist die Assistentin von Jackson Lamb, dem Chef von Slough House - einer Abteilung des MI5, die man bei uns bereits aus zwei Bänden von Mick Herron kennt. Junge Agenten, die Mist gebaut haben, wurden von der Zentrale in Regent's Park dorthin aufs Abstellgleis rangiert. Dort wursteln sie sinnlos vor sich hin, mit stupider Bildschirmarbeit, warten auf den großen Coup, der sie rehabilitieren könnte. Und Jackson Lamb ist ein schmuddeliges Ekel, ein Bürokratieverächter, der sich nach aktivem Dienst sehnt. An Catherines Freilassung werden absurde Forderungen geknüpft, die Kollegen und Freunde werden aktiv, improvisieren, kämpfen, töten. Ein Post-Le-Carré-Spionageroman, intrigiert wird intern, zwischen den starken Frauen an der Spitze des MI5 und dem neuen Gegenspieler, dem neuen Innenminister, der ein unberechenbarer Typ ist mit wuscheligem Haarschopf und noch höher hinauswill. Was gefährlicher ist als die traditionellen Feinde, Terroristen, rivalisierende Sicherheitsdienste, der Guardian. Besonders gefährlich: die Tigerteams. "Nicht angeheuert, um den Gegner auszulöschen, sondern um die Stärke der eigenen Verteidigung zu prüfen. Ein Tigerteam wurde eingesetzt, um einen Angriff zu simulieren ..."

Mick Herron: Real Tigers.

Mick Herron: Real Tigers. Aus dem Englischen von Stefanie Schäfer. Diogenes Verlag , Zürich 2020. 474 Seiten, 18 Euro.

(Foto: Diogenes Verlag)
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