Krimikolumne:Investigative Psychologie

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(Foto: Collage: SZ)

Drei Studenten und ein Lynchmob in Nigeria, Selbstjustiz in Schweden - und ein Mord am Tag vor der Hochzeit in Malaysia. Die Krimikolumne.

Von Fritz Göttler

Durch die Straßen geschleift

Drei Studenten in einem kleinen Ort in Nigeria, nahe der Universitätsstadt Port Harcourt, werden Opfer eines Lynchmobs, der sich in Minutenschnelle zusammenrottete. Sie werden nackt ausgezogen und geschlagen, "Knochen brechen, Blut fließt", werden "durch die Straßen geschleift, zu einem Ort, den niemand ausgewählt hat, den aber alle zu kennen scheinen". Man hängt ihnen Autoreifen um, mit Benzin getränkt, die entflammt werden. Was hat den Mob in Bewegung gebracht? Dr. Philip Taiwo soll das klären in Femi Kayodes erstem Roman "Lightseekers", ein investigativer Psychologe, der in Nigeria geboren ist, in den USA studierte und arbeitete, nun in die Heimat zurückkam. Ein Außenseiter, er bewegt sich vorsichtig, manchmal verunsichert zwischen politischen Intrigen, alten Stammes- und Religionsfehden, skrupellosen Drogengeschäften. Auch Rache ist im Spiel, überall herrscht Misstrauen. Der Vater eines der Toten setzt Philip auf den Fall an, ein erfahrener Kämpfer wird ihm an die Seite gestellt. Der Fall ist längst ad acta gelegt von der örtlichen Polizei. Und dann bewegt sich Philip zwischen zwei Frauen. Seine Frau Folake, Juraprofessorin in Lagos, hat er eines Abends in einer Umarmung mit einem Kollegen gesehen, und im Flugzeug lernt er die schöne Salome kennen, die ihm manche gefährliche Situation zu klären hilft. "Sie sind einfach nur Menschen", sagt sie zu Philip über den Mob. "Was sie getan haben, ist unentschuldbar in einer Welt, in der die Vernunft herrscht. Aber Sie sind jetzt lange genug hier, um erkannt zu haben, dass es in diesem Teil der Welt nur sehr selten vernünftig zugeht. Wenigstens nicht in letzter Zeit."

Krimikolumne: Femi Kayode: Lightseekers. Thriller. Aus dem Englischen von Andreas Jäger. btb-Verlag, München 2022. 464 Seiten, 16 Euro.

Femi Kayode: Lightseekers. Thriller. Aus dem Englischen von Andreas Jäger. btb-Verlag, München 2022. 464 Seiten, 16 Euro.

(Foto: btb)

Das Jahr der Angst

Ein jegliches hat seinen Platz. Ein jegliches hat seine Zeit. Mit einer Bibel-Paraphrase wird der neue Roman von Christoffer Carlsson eingeleitet. Es ist das Jahr 1986, "das mehr als jedes andere das Jahr der Angst werden sollte", in ganz Schweden - denn am 28. Februar wird kurz vor Mitternacht Ministerpräsident Olof Palme mitten in Stockholm erschossen. Etwa eineinhalb Stunden später geht in der Polizeistation eines Ortes an der schwedischen Westküste ein ominöser Anruf ein: "Ich habe eine Frau vergewaltigt, in einem Auto. Der Wagen steht in der Nähe von Gut Tiarp (...) Ich werde es wieder tun. Auf Wiederhören." Der Kriminalbeamte Sven Jörgensson nimmt den Anruf entgegen, fährt hin, kann die verletzte Frau aber nicht mehr retten. Der Fall wird ihn sein Leben lang beschäftigen, ihn und seinen Sohn Vidar, der ebenfalls zur Polizei gehen wird. Viele Einwohner des Ortes sind in das Geschehen um diesen Mord (und weitere) verwickelt. Im Jahr 2019 kommt dann ein Mann zurück, er stammt aus dem Ort, ist Schriftsteller, hat lange in Stockholm gelebt. Er spricht mit den Leuten über den alten Fall, die Tiarp-Morde, in dem es keine Aufklärung gab, nur einen Akt der Selbstjustiz (auch der Mord am Ministerpräsidenten Palme wurde nie aufgeklärt), schreibt ein Buch darüber, über den Mann, der "selbst in die Leerstelle trat, die eine Erklärung erforderte. Einen schwedischeren Mann in einer schwedischeren Zeit kann ich mir kaum denken".

Krimikolumne: Christoffer Carlsson: Was ans Licht kommt. Aus dem Schwedischen von Ulla Ackermann. Rowohlt, Hamburg 2022. 492 Seiten, 23 Euro.

Christoffer Carlsson: Was ans Licht kommt. Aus dem Schwedischen von Ulla Ackermann. Rowohlt, Hamburg 2022. 492 Seiten, 23 Euro.

(Foto: Rowohlt)

Kapitalismus und Rassismus

Ich hatte den Eindruck, in ein Land zurückzukehren, das ich aus der Kindheit kannte. Ai Lian empfindet so, als sie durch Bayern fährt. Sie ist eine Chinesin, in Malaysia geboren, nun studiert sie in München. Dort lernt sie Michael Templeton kennen und lieben, auch er ist in Malaysia geboren, auf der Kautschukplantage seines Vaters. Es ist der Sommer 1971. Im Februar 1974 besucht Ai Lian Michael auf der Plantage, sein Vater will eine junge Frau heiraten, am Abend zuvor wird sie erschossen - alles wie in einem klassischen britischen Whodunit. Eine Halskette, die geraubt, versteckt, offen getragen wird, über die nie gesprochen wird. In das Krimigeschehen schiebt sich immer wieder die Geschichte Malaysias im 20. Jahrhundert: britische Kolonialherrschaft, japanische Besatzung im Weltkrieg und kommunistischer Widerstand, das Streben nach Unabhängigkeit, der Konflikt von Kapitalismus und Rassismus. Wie hängt der Mord an der Verlobten mit einem anderen Mord zusammen, Jahrzehnte zuvor? Chuah Guat Engs "Echos der Stille" ist der erste auf Englisch geschriebene Roman aus Malaysia, er erschien 1994. In diesem Jahr erfährt Ai Lian endlich die wahre Geschichte der Menschen um sie herum, die Wahrheit über die Morde. Michael hatte bald nach dem Mord die Heimat verlassen und sich der Musik gewidmet. Seine stille Zen-Philosophie prägt auch das Mysterium dieses Krimis: "Welche Poesie! Zu wissen, dass du der Stille Form geben kannst, aber nur, indem du sie mit Klang zerstörst. Zu wissen, dass du den Klang tatsächlich meisterst, aber nur, indem du ihn in die Stille zurückführst."

Krimikolumne: Chuah Guat Eng: Echos der Stille. Aus dem Englischen von Michael Kleeberg. Wunderhorn Verlag, Hamburg 2022. 464 Seiten, 28 Euro.

Chuah Guat Eng: Echos der Stille. Aus dem Englischen von Michael Kleeberg. Wunderhorn Verlag, Hamburg 2022. 464 Seiten, 28 Euro.

(Foto: Wunderhorn)
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