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Krimi:Lakritzbonbons und Potenzprobleme

Der italienische Schriftsteller Davide Longo legt mit "Die jungen Bestien" wieder einen Kriminalroman vor.

Es ist immer dasselbe Elend: ein Leichenfund auf unwegsamem Gelände, langwierige Untersuchungen, missmutige Zuständige, chronischer Schlafmangel und dann der Anruf des Polizeipräsidenten, der dem wackeren Commissario Arcadipane signalisiert, besser die Finger von der Sache zu lassen. Vincenzo Arcadipane, ein ebenso anständiger wie knarziger Polizist um die fünfzig, hat es satt.

Er steckt in der Krise, und sein privater Zustand ist für den neuen Roman von Davide Longo "Die jungen Bestien" mindestens ebenso wichtig wie der Kriminalfall, um den das Ganze rotiert. Longo, Jahrgang 1971, in der piemontesischen Bergwelt verwurzelt und seit vielen Jahren Dozent an der Schreibschule Holden von Alessandro Baricco in Turin, hat seit seinem gelungenen Debüt "Der Steingänger" (2007), immer wieder mit Strukturelementen des Krimis gearbeitet.

Dieses Mal lässt er sich sogar noch mehr auf das Genre ein und nimmt über seine Figuren einige lose Fäden des Vorgängerromans "Der Fall Bramard" (2015) wieder auf. Denn Arcadipane war einst der Assistent des durch ein Gewaltverbrechen schwer gebeutelten Ex-Ermittlers Corso Bramard, der mittlerweile aber mit sich im Reinen ist, noch im Pensionsalter als Lehrer arbeitet und ihm schließlich weiterhilft. Dass die Vorgesetzten des Kommissars den grausigen Fund verdächtig schnell auf den Zweiten Weltkrieg und Racheaktionen unter Partisanen und Faschisten zurückführen, lässt Arcadipane misstrauisch werden. Tatsächlich sind ganz andere Verwerfungen der jüngeren Turiner Geschichte im Spiel: erste Aktionen der sich langsam radikalisierenden linksextremistischen Szene gegen Ende der Siebzigerjahre und Vergeltungsaktionen der Neofaschisten.

Hier kommt dem eigenbrötlerischen Polizisten, der sich den Anweisungen von oben stillschweigend widersetzt, der Zufall zu Hilfe: Sein ehemaliger Chef Bramard war zu Beginn seiner Karriere mit einem Brandanschlag auf die Parteizentrale der Neofaschisten 1977 befasst gewesen und erinnert sich an die Täter. Schützenhilfe leistet außerdem eine junge Kollegin mit schlechten Manieren namens Isa, ebenfalls eine alte Bekannte aus "Der Fall Bramard", die sich auf Computer versteht und wegen ihrer unkonventionellen Methoden strafversetzt worden war. Die Künste der nerdigen Polizistin, die Lisbeth-Salander-mäßig auftritt, sind dieses Mal von besonderem Nutzen: Im Handumdrehen kann sie die Knochenprobe einem Studenten zuordnen, der damals von der Bildfläche verschwand.

Longo operiert mit Realitätspartikeln, am 1. Oktober 1977 war in der Turiner Innenstadt eine Demo der linksextremistischen Lotta Continua und des Potere Operaio tatsächlich vollkommen aus dem Ruder gelaufen. Aus Rache für den Tod eines Genossen hatte man die Zentrale der neofaschistischen Partei MSI anzünden wollen, und als die Polizei den Demonstrationszug stoppte, setzte eine Splittergruppe die Bar "Angelo Azzurro" mit Molotowcocktails in Brand, wobei ein unbeteiligter Mann zu Tode kam. In allen seinen Romanen vermittelt Davide Longo nicht nur die Ausläufer jener Kämpfe, sondern zeigt auch, wie tief sich die bürgerkriegsähnliche Situation nach 1943 in die italienische Gesellschaft eingeprägt hat und bis heute untergründig zahlreiche Auseinandersetzungen bestimmt.

Es hapert insgesamt am Literarischen. Dabei hat Longo eigentlich Ambitionen

Was die Konstruktion des Falles angeht, gibt es nichts zu beanstanden: "Die jungen Bestien" ist gut aufgebaut, Dialoge treiben die Handlung voran, eine zweite Zeitebene ist geschickt mit den Geschehnissen verfugt, der Rhythmus stimmt, es gibt charakteristische Nebenfiguren, die Verknüpfungen sind überraschend und halten den Leser bei der Stange. Auch Longos Commissario Arcadipane besitzt mit seiner wortkargen Art, dem zwanghaften Rauchen und seiner Vorliebe für Lakritzbonbons genau die richtigen Marotten. Nur seine Lebenskrise nimmt im Gesamtgefüge des Romans zu viel Raum ein und droht mehrfach, ins Melodramatische zu kippen. Es hapert mit der Virilität, was ja an sich - gerade in dieser Berufsgruppe - ein ergiebiges Thema sein könnte. Dass sich Vincenzo Arcadipane ein Herz fasst und eine Psychologin aufsucht, ist also, vom dramaturgischen Standpunkt aus betrachtet, gar keine schlechte Idee, aber muss es sich ausgerechnet um eine neunmalkluge junge Frau mit verstümmelten Beinen handeln, die ihn aus therapeutischen Gründen auch mal beim Sex zuschauen lässt? Versehrte Gliedmaßen, die innere Versehrungen sichtbar machen sollen? Hier gerät "Die jungen Bestien" in eine Schieflage; beide Figuren werden unglaubwürdig, ebenso wie die Wunderheilung nach fünf Terminen.

Es hapert insgesamt am Literarischen. Einem Genreroman darf man dies eigentlich nicht vorwerfen, aber Davide Longo hatte immer andere Ambitionen. Bei ihm schwangen Cormac McCarthy, Roberto Bolaño und die Piemontesen Beppe Fenoglio und Cesare Pavese mit. Doch dieses Mal gelingen ihm weder so dichte Naturbilder der piemontesischen Landschaft wie in "Der Steingänger" oder "Der Fall Bramard", noch besitzt "Die jungen Bestien" die apokalyptische Kraft, die sein schillernder Science-Fiction Roman "Der aufrechte Mann" (2012) entfaltet hatte. Wer weiß, vielleicht hat Arcadipane jetzt seine Krise überwunden. Dann bliebe seinem Erfinder Raum für Neues.

Davide Longo: Die jungen Bestien. Roman. Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner. 412 Seiten, Rowohlt Verlag, Hamburg 2020, 22 Euro.

© SZ vom 31.01.2020
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