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Krimi-Kolumne:Zeitreise in Delhi

Avtar Singh: Nekropolis. Aus dem Englischen von Lutz Kliche. Unionsverlag, Zürich 2015. 267 Seiten, 19,95 Euro.

Wenn Kommissar Sajan Dayal, Top-Kriminaler in Delhi, den Verbrechen nachspürt, hat er die Geschichte der Stadt im Kopf.

Der Kommissar ist not amused, als er auf die Straße schaut. Der Nebel verhindert, dass die Abgase der Autos abziehen, ging er also zu Fuß zu seinem Büro, wäre sein Gesicht im Nu rußverschmiert. Gerade, als er eine Rikscha anhalten will, stoppt ein Motorrad neben ihm, und er darf mitfahren. Erst vor dem Präsidium nimmt der Biker den Helm ab. Es ist Razia, die Frau, die der Kommissar liebt und die ihn vor einiger Zeit verlassen hat.

Kommissar Sajan Dayal ist der Topkriminaler der Stadt Delhi, er gehört - maßgeschneiderte Kleider, gepflegter Schnauzbart, ein paar weiße Strähnen im vollen dunklen Haar und die Fähigkeit, Zeilen des Dichters Ghalib in die Konversation einbringen- zur Reihe der eher kultivierten literarischen Ermittler, zu Philo Vance, Lord Peter Wimsey und, ja doch, Philip Marlowe. Er liebt die Stadt und ihre Geschichte, die er bei der Arbeit an seinen Fällen erforscht. Zusammen mit seinem Assistenten, dem robusten Kapoor, und der jungen Smita aus der Abteilung für Internetkriminalität bildet er ein Powerpack an Intelligenz und praktischer Effektivität. Die drei haben es mit Viehdiebstahl, Vergewaltigung, Mord, Entführung, jugendlichen Vampirbanden und mit einem merkwürdigen Typen zu tun, der Leuten nachts einen Finger abschneidet und die Beutestücke an einer Kette um den Hals trägt.

Der Roman von Avtar Singh, Chefredakteur des Kulturmagazins The Indian Quarterly, ist eine märchenhafte Krimi-Phantasie, in der die detektivischen Ermittlungen immer wieder in fremde Zeiten hineinspielen. Die großen Gegenspieler sind die "Player", jene Erfolgsmenschen von heute, die protzige Armbanduhren tragen und nur auf die Gegenwart fixiert sind. Weil sie keinen Sinn für die Vergangenheit haben, sind sie unfähig, die Zukunft zu gestalten.

"Ich dachte, du wärst für immer fortgegangen", sagt der Kommissar zur Bikerin Razia, der magischen Zeitreisenden. "Wohin soll ich ohne meinen Sajan gehen", fragt sie. "Frag nicht nach dem Unglück, in das dein Fortgang mich stürzte", murmelt er, "denk an meine seligen Tage mit dir, auch wenn sie mich ins Verderben stießen." Sie wirft den Kopf zurück und lacht: "Schon wieder Ghalib?"

© SZ vom 05.10.2015
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