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Krimi-Kolumne:Merle Kröger skizziert Europas Havarie

Ein Luxusdampfer im Mittelmeer. Die Reichen, die Sklaven im Bauch des Schiffes. Und die Migranten. Merle Kröger erzählt in Nahaufnahmen bis zur Schmerzgrenze.

Von Christiane Schlötzer

Man kann UN-Statistiken studieren (schon 3000 registrierte Tote in diesem Jahr im Mittelmeer) oder sich Gedanken darüber machen, warum die EU-Militärmission, die Schleuser-Boote zerstören soll, nun den Namen der Weisheitsgöttin Sophia trägt. Oder man liest Merle Krögers Roman "Havarie". Einen Krimi, der ohne Ermittler auskommt, und doch eine gestochen scharfe Nahaufnahme eines Verbrechensschauplatzes liefert.

Als Kröger "Havarie" konzipierte, als Thriller auf hoher See, da hatte das Mittelmeer schon viele Menschen verschluckt. Aber so groß wie gerade jetzt war die weltweite Aufmerksamkeit für das Schicksal der Kriegs- und Krisenflüchtlinge lange nicht mehr.

Auch in "Havarie", Krögers viertem Krimi, sterben Menschen, aber wer daran schuld ist, darum geht es nicht unbedingt. Die Autorin interessiert vielmehr der Zusammenprall der Welten, und welche Gewalt dadurch frei wird. Auf dem Luxusliner Spirit of Europe - ein Name wie ein spöttisches Versprechen - geht es zu wie in Fritz Langs Metropolis. Da halluziniert unten im Bauch des Schiffes Marwan Fakhouri, ein Medizinstudent aus Syrien, als illegaler Billigarbeiter im Heißdampf der Wäscherei Erlebnisse aus dem Krieg. Derweil betäubt sich das Kreuzfahrt-Publikum auf dem Oberdeck mit Cocktails, all inclusive. Kröger schildert das Geschehen aus elf verschiedenen Perspektiven, sie gibt ihren Figuren kleine Lebensgeschichten mit, aber sie verweilt bei keiner Person lange, erzählt im Stakkato, sodass aus Kürze bisweilen Klischee wird. Doch das stört kaum, weil der Roman so rasch Fahrt aufnimmt.

Als in Sichtweite des Kreuzfahrtriesen ein nussschalenhaftes, havariertes Flüchtlingsboot auftaucht, rangeln sich die Passagiere um die besten Plätze für die freie Sicht auf die Unglücklichen in den Wellen. Der indische Security-Chef der Spirit aber bleibt kühl, der Mann aus Mumbai weiß schon, was jetzt passiert. Über das verwöhnte Volk auf Deck sagt er abschätzig: "Vielleicht dreißig Sekunden starren sie durchschnittlich auf das Schlauchboot da draußen. Delfine halten gewöhnlich länger, aber nur in großen Gruppen."

Kröger schreibt auch Drehbücher, sie erzählt in Nahaufnahmen, bis zur Schmerzgrenze

Und die Passagiere wenden sich denn auch bald wieder dem Bingo zu. Blick und Ton von Merle Kröger sind schonungslos, und sie scheut sich auch nicht, ihre Dokufiction mit einer guten Portion Pathos zu würzen. Kröger schreibt auch Drehbücher und produziert Filme, das prägt ihre Erzählweise, in Nahaufnahmen, bis zur Schmerzgrenze.

Das Schlauchboot der Flüchtlinge ist an der algerischen Küste aufgebrochen, außerdem sind in den 48 Stunden, in denen die Geschichte spielt, noch ein Fischerboot unterwegs, dem eine Leiche ins Netz geht, ein Frachter unter ukrainischem Kommando und ein spanisches Seenotrettungsschiff. Ihre Wege kreuzen sich auf dem Meer, und dass die Geschichte gut ausgeht, ist nicht zu erwarten.

Bei Kröger steht jede Romanfigur noch für ein anderes Drama, eines, das mit der hier erzählten Geschichte erst einmal nichts zu tun hat. Vielleicht sind es auch ein paar historische Schwergewichte zu viel: der Ukraine-Konflikt, der Algerien-Krieg, Syrien, Nordirland, die Philippinen. Bis zum Untergang der Wilhelm Gustloff 1945 vor der Küste Pommerns. Am Ende des Buches finden sich zu all diesen Dramen Schwarzweiß-Fotos, als Authentizitätsbeleg. Die Erfahrung von Flucht und Vertreibung ist ihr gemeinsamer Grundton, was wir heute erleben, ist also keineswegs singulär. Auch davon erzählt Kröger, quasi nebenbei.

Auf allen Meeren haben sich Schicksale immer miteinander verwoben, und um das Mare Nostrum ist die Welt schon lange so global zusammengewürfelt wie die Schiffsbesatzung der Spirit of Europe . Kröger selbst hat einen indischen Vater, einen irischen Vornamen und ist im schleswig-holsteinischen Plön aufgewachsen. Da wirkte das Mädchen Merle mit tiefschwarzen Haaren exotisch, aber war selbst verwundert, wenn jemand fragte: "Und wo kommst du denn her?" So zu Hause fühlte sie sich. Ob das die Kinder der vielen Syrer, die gerade nach Deutschland kommen, auch einmal sagen werden?

Merle Kröger hat einen Roman geschrieben, der ein aktuelles Zeitbuch ist, so nah dran an der Wirklichkeit, dass es gar kein Krimi sein müsste, um einen schaudern zu lassen.

Merle Kröger: Havarie. Ariadne Kriminalroman. Argument Verlag, Hamburg 2015. 240 Seiten, 15 Euro. E-Book 9,99 Euro.

© SZ vom 14.10.2015

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