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Krimi-Kolumne:In der Todeszone von "Katrina"

Der amerikanische Autor James Lee Burke schickt in seinem Roman "Sturm über New Orleans" seinen Sheriff Dave Robicheaux in die vom Hurrikan "Katrina" geschaffene Todeszone. Er hat dort viel zu tun.

Von Fritz Göttler

Ein Stück Katastrophensoziologie vom Sommer 2005, einem der schlimmsten Hurrikansommer Amerikas. "New Iberia und Lafayette waren jetzt voller Evakuierter, die vor dem Hurrikan Rita flohen oder bereits vor Katrina geflüchtet waren. Das Geschäft mit Schusswaffen und Munition florierte. Das anfängliche Mitleid mit den aus New Orleans Evakuierten machte eine sonderbare Wandlung durch. In rechtslastigen Talkshows ließen sich massenhaft wutentbrannte Anrufer darüber aus, dass die Flüchtlinge eine einmalige Unterstützung von zweitausend Dollar erhielten, damit sie sich Lebensmittel kaufen und eine Unterkunft suchen konnten. Das alte Schreckgespenst des Südens war wieder da, roh, nackt und geifernd - der totale Hass auf die Ärmsten der Armen."

Was damals, in den Tagen der Hurrikane Katrina und wenige Wochen später Rita geschah, so empfindet es James Lee Burke, das war mehr als eine Naturkatastrophe, es war das Versagen der Bush-Regierung in ihrer Verantwortung für die Opfer, der denkbar größte Verrat an der Bevölkerung, ein Verbrechen. Eine nationale Schande. Davon erzählt der Roman "Sturm über New Orleans".

Im vorigen Jahr kehrte James Lee Burke mit seinem gewaltigen Epos "Regengötter" furios auf den deutschen Krimimarkt zurück, wo er viele Jahren vermisst wurde. "Sturm über New Orleans", endlich ein neuer Dave-Robicheaux-Roman auf Deutsch - weitere sollen folgen. Robicheaux ist Burkes Alter Ego, Sheriff von New Iberia, wo auch Burke lebt, der erste Roman mit ihm stammt aus dem Jahr 1987. Ein Versehrter, von Depressionen immer wieder Geplagter, er hat zwei Frauen verloren, hat Vietnam überlebt - schon das ein schmerzlicher amerikanischer Verrat -, wird täglich mit sozialer Ungerechtigkeit, Drogenkriminalität, Rassismus und Gewalt gegen Frauen konfrontiert. All das ist nun im Chaos nach dem Hurrikan noch mal radikalisiert: Überflutete Straßen, überbelegte Hallen und Stadien, Menschen, die sich auf Dächer flüchteten und von dort nicht gerettet werden können, Hitze, Hunger, Gestank, Leichen, die durchs Wasser treiben, bläulich fluoreszierend. Plünderungen der Geschäfte in New Orleans - der "Großen Schmuddeligen" -, aber auch der verlassenen Häuser im Umkreis durch Schwarze, dann aber auch Weiße, die aus der Sicherheit ihrer verbarrikadierten Häuser heraus gezielt abschießen. Rassismus lässig, sportiv: "Die schwarzen Iren werden nach Naturkatastrophen bockig."

"Es war so, als wäre ich gestorben und keiner hat mir Bescheid gesagt."

Im großen Chaos von Schuld und Sühne müssen ein paar Menschen sich bewähren und versuchen ihre Integrität zu bewahren. Jude LeBlanc, der junge Priester, der Krebs hat und dadurch drogenabhängig wurde. Otis Baylor, der Versicherungsmann, der nicht verhindern konnte, das seine Tochter von drei Schwarzen vergewaltigt wurde. Bertrand Melancon, der schwarze Kleinkriminelle, dessen Bruder Eddy einen Schuss in die Kehle bekommt und danach am ganzen Körper gelähmt ist. Und Cletus Purcel, ein Ausgebüxtenjäger - er sucht für einen Kautionsteller alle, die sich der Rückzahlung durch Flucht entziehen. Auch er ist ein Versehrter, eines Nachts taucht er bei seinem Freund Dave auf, voll depressiv: "Es war so, als wäre ich gestorben und keiner hat mir Bescheid gesagt."

Der Hurrikan treibt die Tendenz des Krimi-Genres zum Exzess, führt soziale, kritische Empathie in reinen Solipsismus. In die "Todeszone", die ein amerikanischer Mythos von Sisyphos ist: "Es ist ein besonderer Ort, den jeder heillose Zocker sucht, ohne sich dessen bewusst zu sein. Man muss sich nur mal nach dem siebten Rennen an die Bar begeben. Die Menschen sind selig wie vollgefressene Säue. Sie haben das Geld für die Lebensmittel, die Miete, die Hypothek und die Ratenzahlung fürs Auto verloren, sogar die Zinsen, die sie dem Kredithai schulden. Aber jetzt sind sie in Sicherheit, weil sie nichts mehr zu verlieren haben. Außerdem haben sie jetzt ein für alle Male den Beweis dafür, dass sich alles gegen sie verschworen hat, um sie zu betrügen und zu schädigen. Gott ist an ihrem Versagen schuld, nicht sie. Ihre Seele ist jetzt in Trockeneis gepackt, die Schlacht vorüber."

James Lee Burke: Sturm über New Orleans. Aus dem Englischen von Georg Schmidt. Mit einem Nachwort von Oliver Huzly. Pendragon Verlag, Bielefeld 2015. 576 S., 17,99 Euro. E-Book 15,99 Euro.

© SZ vom 27.04.2015
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