Krimi-Kolumne Balkanschmäh hardboiled

Der österreichische Autor Franzobel unternimmt in "Groschens Grab" seinen zweiten Ausflug ins Krimi-Genre. Diesmal muss sein Detektiv nach Sarajevo reisen. Und das tut ihm und dem Roman gut.

Von Cornelia Fiedler

Skurrile Typen, Galgenhumor, versoffener Lokalkolorit und eine gute Portion des allseits beliebten österreichisch-literarischen Selbsthasses, der meist eher als leiser Selbst-Grant daherkommt, - Franzobel weiß, wie ein Wiener Lokalkrimi funktioniert. In "Groschens Grab", nach "Wiener Wunder" sein zweiter Ausflug in dieses Genre, zwingt er seinen Kommissar Falt Groschen, das herbstgraue Wien unter Knurren und Fluchen zu verlassen. Der sympathisch weltverdrossene Hypochonder wird nach Sarajevo beordert, um dort den flüchtigen Tatverdächtigen Tode Todic zu stellen.

Diese Reise tut Kommissar und Roman gleichermaßen gut. Bis dahin nämlich verlaufen die Ermittlungen auf zwar unterhaltsamen aber recht ausgetretenen Krimi-Pfaden: Ermordet wurde eine Rentnerin, Ernestine Papouschek, die mit ihrem geronto-pornografischen Roman "Die Rübenkönigin" Millionen gemacht hat. Verdächtig ist jeder: der Nazi-Nachbar mit der rachitisch fiepsenden Dogge, ein versnobter Verehrer der Toten, der keinerlei Trauer zeigt, der krisengebeutelte Verleger und natürlich der Sohn, hoch verschuldet aufgrund seines Faibles für aussichtslose Patente. Dieses Panoptikum schildert Franzobel in einer wilden Mischung aus beiläufigen, scharf geschossenen Analysen und einer eher ungenauen, polternden Erzählweise, die sich, nicht immer gelungen, an den Stil der Pulp-, oder eben Groschenromane anlehnt.

Den Reigen aus Wiener-Schmäh-Abziehbildern, die schon in zu vielen TV- und Print-Krimis beschworen oder wahlweise persifliert wurden, unterbricht Groschens Flug nach Bosnien, die Geschichte nimmt Fahrt auf. Hier in Sarajevo war der Vielschreiber Franzobel, mit bürgerlichem Namen Stefan Griebel und seines Zeichens einer der bekanntesten zeitgenössischen österreichischen Schriftsteller, 2012 als Residenzschreiber zu Gast. Seine Faszination für diese Stadt bleibt selbst in Groschens rotzigen Kommentaren spürbar.

Eine Rentnerin wurde ermordet, und vedächtig sind alle, vom Nazi- Nachbarn bis zum Verehrer

Für den Kommissar war das ehemalige Jugoslawien bisher "ein einziges schwarzes Loch mit Nationalisten und Kaffeesudlesern". Nun findet er sich unversehens in einer vom Krieg gezeichneten Stadt wieder. "Sniper Alley" kommentiert seine Begleiterin Dragana die Einschusslöcher in den Häuserwänden und, nein, wandern könne man nicht hier, die herbstlich leuchtenden Hänge am Stadtrand seien noch vermint. Groschen wird sich hier nicht nur von so manchen Mutmaßungen über Mörder und Motiv verabschieden müssen, sondern auch von ein paar lieb gewordenen Balkanklischees.

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Seit dem Attentat von 1914 sei Sarajevo wohl einfach abgestempelt, überlegt Dragana auf der gemeinsamen Fahrt durch die Stadt. Bis heute werde es für beide Weltkriege und den Niedergang des "alten Europa" verantwortlich gemacht. Und für das desaströse Abschneiden Österreichs bei den Olympischen Winterspielen 1984, kombiniert Groschen, "nicht wenige sahen in der Belagerung eine späte, aber gerechte Rache." Neben seinen eigenen Ermittlungen beschäftigt Groschen der Prozess gegen den jungen Ägypter Achmed Hursi, ein weiteres Lehrstück in Sachen Vorverurteilung. Er soll einen Modedesigner mit großer Ähnlichkeit zu Rudolph Moshammer umgebracht haben - ein Fall, in dem Presse und Justiz vom ersten Verdacht an das Gebot der Unschuldsvermutung außer Kraft setzen. Franzobel ist ein kritischer Erzähler mit scharfem Blick für gesellschaftliche Mechanismen. Seinen Protagonisten Falt Groschen überfordert er damit allerdings gelegentlich. Mal soll er den selbstgerechten Proto-Österreicher geben, der im hardboiled-Stil seinen Vorurteilen freien Lauf lässt, dann wieder ist er der reflektierte Skeptiker, der an der Welt und den Menschen verzweifelt.

"Groschens Grab" ist eingängig erzählt und gut lesbar. Es wirkt aber auch wie eine lockere Fingerübung in Sachen Unterhaltungsliteratur. Vom skeptischen und bewussten Umgang mit Sprache, für den Franzobel bekannt ist, ist hier stellenweise wenig zu spüren. Offenbar geht er von einer Krimi-Leserschaft aus, die vor allem auf schnell konsumierbare, leichte Kost steht. Das ist lustig - bei einem Roman über Klischees.