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Krimi:Das Doppelleben des Dachses

Ein eleganter Krimi um den Igel Jefferson, der angeklagt wird, seinen Freund umgebracht zu haben, und auf eine gefährliche Suche nach dem wirklichen Täter geht.

Von Michael Schmitt

Kinderbücher, in denen Tiere sprechen können, solle man mit Vorsicht zur Kenntnis nehmen, hat Peter Härtling sinngemäß vor Jahrzehnten gewarnt. Das war ein Impuls, der sich gegen altbackene Pädagogik und gegen all die Niedlichkeiten richtete, die damals wie heute verbreitet waren und sind. Jean-Claude Mourlevats "Jefferson", von Edmund Jacoby übersetzt, aber würde selbst vor einem so strengen Richter bestehen, denn dieses Buch verschmilzt auf rund 220 Seiten eine spannende, dezent ironisch präsentierte Detektivgeschichte mit einem unmissverständlichen Angriff auf Massentierhaltung und die Bedingungen in Schlachthöfen der Gegenwart. Dieses Elend ist seit Langem bekannt, der Roman ist im Original auch schon 2018 in Frankreich erschienen. Seit solche Betriebe sich auch noch als Zentren der Corona-Pandemie erwiesen haben, könnte kaum ein anderes Thema aktueller sein, das dürfte den Reiz der Lektüre nicht nur für junge Leser zusätzlich erhöhen.

Es geht in diesem Roman um etwas, er hat ein Anliegen. Was daran Anklage ist, wird jedoch geschickt in die Suche nach einem Mörder und in den fiktiven Entwurf einer Welt eingewoben, in der Menschen und Tiere in benachbarten Ländern nebeneinander existieren, allesamt aufrecht gehend, die gleiche Sprache sprechend, miteinander kommunizierend - und dennoch nicht als Gleiche unter Gleichen. Die Menschen sind in diesem Gefüge nur die klügsten Tiere, heißt es in einer Vorabbemerkung des Autors; sie sind aber oft auch die rücksichtslosesten, könnte man hinzufügen. Denn der Roman beschreibt anfangs nur in Andeutungen, am Ende aber in klaren Worten eine Welt, in der die Gemeinsamkeit nicht ohne Hierarchien auskommt - ganz oben stehen die Menschen, unter ihnen die selbständig agierenden Tiere, die im Roman die Handlung vorantreiben, darunter die Haustiere und ganz unten, als Parias sozusagen, das zusammengepferchte wehrlose Schlachtvieh.

Die Geschichte beginnt in Groningen, wo ein junger männlicher Igel, Jefferson Walden von Waldeck, der auf sich und sein Äußeres hält, seinen Friseur, einen alten Dachs, in dessen Salon erstochen auffindet. Er gerät in den Verdacht, der Mörder zu sein, muss sich verstecken und in der Folge versuchen, den wahren Täter selbst zu finden, da wirklich alles gegen ihn spricht und in der Presse eine Hexenjagd inszeniert wird. Er findet Hilfe bei seinem Freund Gilbert, einem jungen Schwein; gemeinsam folgen sie ersten Hinweisen, die sie im Reisebus gemeinsam mit anderen Tieren bis nach Brüssel führen. Dort enthüllen sich nach und nach die Hintergründe des Verbrechens, das Doppelleben des Dachses, der einerseits als Friseur und andererseits als Aktivist gegen die Massentierhaltung aktiv gewesen ist. Der unter seinesgleichen große Achtung genossen hat, aber bei seinen Feinden entsprechend viel Hass erntete.

Das alles wird im Detail elegant formuliert und zurückhaltend mit Bleistift illustriert, die humoristischen genauso wie die dramatischen Situationen, das häufige Zaudern des Helden genauso wie seine zarten Liebesgefühle gegenüber der Nichte des toten Friseurs. Das liest sich an keiner Stelle wie eine ausdrückliche Kampfschrift, sondern stets wie ein angenehmer, etwas altmodischer Schmöker, der nahezu allen seinen Protagonisten Sympathie entgegenbringt, sie aber wegen ihrer Schwächen auch nicht zu überlebensgroßen Helden aufbaut, wenn sie schließlich aufdecken, was aufgedeckt und geändert werden muss. (ab 10 Jahre)

Jean-Claude Mourlevat / Antoine Ronson: Jefferson. Aus dem Französischen von Edmund Jacoby. Jacoby & Stuart, Berlin 2020. 220 Seiten, 15 Euro.

© SZ vom 14.08.2020

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