Krimi-Autor Massimo Carlotto Hier kocht der Killer noch selbst

Erst unschuldig im Gefängins, dann erfolgreicher Krimiautor: Ein Besuch bei Massimo Carlotto, einem intimen Kenner mafioser Verbrechen.

Von Jutta Person

Hoch über Cagliari rauscht gelegentlich eine Möwe vorbei oder ein Billigflieger, ansonsten stört nichts und niemand den Blick auf die Menschen- und Warenströme, die unten in der sardischen Hauptstadt zirkulieren. Auf der Terrasse des "Caffè Libarium" ist es kühl und angenehm unbelebt - bestes Krimi-Klima, um in Ruhe über bewaffneten Kampf, gutes Essen, neue Verbrechensformen und alte Mafia-Mentalitäten zu plaudern.

(Foto: Foto: ap)

Aufgewachsen zwischen Mafiosi

Massimo Carlotto kennt sich hervorragend aus in der Materie: Geboren und aufgewachsen im Veneto, war er in den siebziger Jahren Teil einer Jugendbewegung, die in vielen Verästelungen ganz Italien erfasst hatte. Man kämpfte für eine bessere Welt, doch der italienische Staat schlug zurück, wo er konnte. Carlotto saß mehrere Jahre im Gefängnis, zwischen Mafiosi und anderen Schwerverbrechern.

Ein Justizirrtum: Man wollte ihm einen Mord anhängen, den er nicht begangen hatte. Heute zählt er zu den bekanntesten Krimiautoren Italiens, in Cagliari lebt er "per l'amore", seine Frau stammt aus Sardinien. Doch der italienische Nordosten ist seine Spezialität geblieben: Seine Romane kreisen um den dortigen Mix aus alteingesessenem Unternehmertum, osteuropäischen Verbrecherbanden und globalisierter Wirtschaft - ein ganz besonderes Ineinandergreifen von Legalität und Illegalität.

Hartgekocht, aber Herz für Umweltschutz

Massimo Carlotto ist ein zurückhaltender Fünfzigjähriger: Lederjacke und Jeans, korrekt gestutzter Bart, sehr wache, vorsichtige Augen. Wer seine Geschichte kennt, weiß, dass er ein Meister der Verkleidung und des Identitätswechsels ist. Obwohl er vieles am eigenen Leib erlebt hat, was andere nur aus der Theorie kennen - das Leben auf der Flucht zum Beispiel - sind ihm Pathos oder lautstarke Empörung fremd. Er hat eine unaufgeregte Art zu sprechen und wirkt auf sympathische Weise noir, ohne dass es wie eine Krimischriftstellerpose aussieht.

Nach den täglich fünf Päckchen Marlboro gefragt, die er im Gefängnis geraucht hatte, sagt er nur, kurz grinsend: "Ja, das war eine etwas anstrengende Zeit". Aber hartgekocht ist nur die eine Seite. Nach und nach kommt ein Überzeugungstäter zum Vorschein, dem soziale Gerechtigkeit und Umweltschutz am Herzen liegen. "La mia generazione", sagt er immer wieder, und mit seiner Generation meint er natürlich diejenigen, die sich in den Siebzigern engagierten und Widerstand leisteten gegen einen Staat, der tief in kriminelle Machenschaften verstrickt war. "An die Revolution glaubt heute natürlich niemand mehr", sagt er achselzuckend, und dann: "Aber recht hatten wir mit vielem doch."

Eine ekelhafte Welt

Alles, was den Anschein des Gefühligen vermitteln könnte, erregt seinen Verdacht - wie etwa psychologische Schreibtheorien nach dem Muster "Schriftsteller verarbeitet schreckliche Vergangenheit". Es gehe ihm nicht darum, schlechte Erfahrungen zu exorzieren, er wolle lieber, sagt Massimo Carlotto und benutzt dabei eine klassische Formel, informieren und aufklären. Deshalb schreibe er über das, was er selbst kennengelernt hat: eine ziemlich ekelhafte Welt aus Machtgier, Opportunismus, Verrat, Korruption und einem bürgerlichen Milieu, das sich seine Gesetze zurechtbiegt.

Carlottos eben auf Deutsch erschienener Roman "Arrivederci amore, ciao" (aus dem Italienischen von Hinrich Schmidt-Henkel, Tropen Verlag, Berlin 2007, 192 S., 18,80 Euro) ist eine hochspannende Beschreibung dieses kriminellen Getriebes - und gleichzeitig eine Charakterstudie, die einem die Ekelschauder den Rücken hinunterjagt. Der ebenso widerwärtige wie clevere Protagonist verfolgt einen perfiden Plan, um endlich in der guten Gesellschaft anzukommen.

Giorgio Pellegrini , ein ehemaliger Linksterrorist, kehrt aus Mittelamerika nach Europa zurück und erpresst dort seine alten Genossen: Entweder ein anderer nimmt den Mord auf sich, den Pellegrini begangen hat, oder er lässt alle Kampfgefährten hochgehen. Mithilfe eines korrupten Kommissars raubt und mordet Pellegrini - so lange, bis er das ersehnte Ziel erreicht hat: als Restaurantbesitzer ein ehrenwertes Leben zu führen, im Kreise fest etablierter Mitte-rechts-Unternehmer. Dass der Kommissar am Ende dran glauben muss, ist abzusehen: "Das Arschloch war tot. Sein Kopf ruhte auf dem Lenkrad. Die Augen waren aufgerissen. Etwas Blut rann ihm aus dem Mund. Sanft schloss ich die Tür, stieg auf mein Fahrrad und radelte langsam davon."

Ziel ist Aufklärung, Aufzeigen der Wirklichkeit

Es geht Carlotto nicht um die Schlechteste aller Welten und auch nicht um das Böse im Menschen. Es geht ihm um jene Wirklichkeit, die vom kaum existenten investigativen Journalismus in Italien nicht mehr beschrieben werde. Gemeint ist dabei das italienische Wirtschaftswunder in der Gegend um Padua, Treviso oder Vicenza. "Diese Gegend ist das unglaublichste Laboratorium der Kriminalität in Europa, ein geografischer Knotenpunkt. Aus der globalisierten Wirtschaft sind hier ganz neue Verbrechensformen entstanden."

Diesen Transformationsprozess, die vereinten Geldwäsche-Anstrengungen der russischen, serbischen, kroatischen, italienischen Mafia, der fließende Übergang zum Mittelstand, der sich beispielsweise mit illegalen Arbeitern für die Herstellung von Textilien versorgt - diesen vielgliedrigen Umbau der Gesellschaft beschreibt Carlotto in "Arrivederci amore, ciao".

Dass er einen Exterroristen zum Ich-Erzähler gemacht hat, ist Teil eines Mythenzerstörungsprojekts: Carlotto will nicht nur mit romantischen Gewaltvorstellungen aufräumen, sondern beweisen, dass gerade jener gewalttätige Teil der Bewegung mühelos von links nach rechts geschwenkt ist - dass es nie um Ideale ging, sondern immer nur um pure Macht. Pellegrini ist nicht nur ein klassischer Verräter, sondern frei von Überzeugungen. Und gerade darin, so Carlotto, unterscheide er sich von jener "enormen Masse von Leuten, die ganz demokratisch, ohne Waffen gekämpft haben." Da ist sie wieder, "la mia generazione" - ein Stehaufmännchen, letztendlich.

Auf der Flucht

Massimo Carlotto selbst war zeitweise in Mexiko untergetaucht, um in Italien einer langjährigen Haftstrafe zu entkommen. Deshalb wirkt seine Hauptfigur Pellegrini manchmal wie ein grotesk ins Negative verzerrtes Spiegelbild des Autors: Beide waren Mitglieder einer militanten Bewegung, auf der Flucht und im Gefängnis. Als Neunzehnjähriger lebte Carlotto in Padua und war Mitglied bei "Lotta Continua", der linksradikalen Bewegung um Adriano Sofri.

Von den mörderischen Terror-Akten der "Brigate Rosse" war die außerparlamentarische "Lotta Continua" Lichtjahre entfernt, doch in den Siebzigern genügte wenig, um die Polizei gegen sich einzunehmen. 1976 entdeckt Carlotto ein Gewaltverbrechen, er findet eine erstochene Studentin. Doch man macht ihn vom Zeugen zum Tatverdächtigen und klagt ihn des Mordes an, um ihn nach zwei Jahren aus Mangel an Beweisen wieder freizusprechen. Was dann folgt, ist als "caso Carlotto" in die italienische Rechtsgeschichte eingegangen: einer der kompliziertesten Justizfälle, der über fünfzehn Jahre gedauert hat.

"Gerechtigkeit für Massimo Carlotto"

Im Jahr 1979 wird der Freispruch aufgehoben und Carlotto zu einer achtzehnjährigen Haftstrafe verurteilt; er setzt sich nach Paris und später nach Mexico City ab. Diese irrwitzige Geschichte vom Untertauchen in Mexiko hat Carlotto in seinem ersten, autobiographischen Roman "Il fuggiasco" (Der Flüchtige) erzählt, der als nächstes auf Deutsch erscheinen soll. Anders als "Arrivederci amore, ciao", das von seinem ätzenden Protagonisten und dessen planvollem Zynismus lebt, ist dieses Buch witzig und selbstironisch - erstaunlich angesichts der Tatsache, dass Carlotto eher unheimliche Geschichten zu erzählen hat, von der Angst davor, dass die Tarnung auffliegt, bis zu den Foltermethoden in mexikanischen Gefängnissen. 1985 kehrt er nach Europa zurück und stellt sich der italienischen Justiz; das internationale Komitee "Gerechtigkeit für Massimo Carlotto" kümmert sich um den inzwischen schwer Erkrankten. Das Hin und Her zwischen Gerichten und Prozessen dauert bis 1993 - bis Carlotto begnadigt wird.

In Italien ist der Schriftsteller mittlerweile vor allem für den "Alligator" berühmt, die Hauptfigur seiner Kriminalromane - ein Privatdetektiv mit exzellenten Verbindungen zur Unterwelt. Der "Fall Carlotto" ist in den Hintergrund getreten - auch, weil es genügend andere, nach wie vor unabgeschlossene Justizskandale gibt: etwa Adriano Sofri, der seit 1997 unschuldig eine 22-jährige Haftstrafe verbüßt; nur krankheitshalber kann er zeitweise das Gefängnis verlassen. Und demnächst wird wohl ein weiterer Fall reaktiviert: Gefragt nach Cesare Battisti, dem gerade in Rio de Janeiro verhafteten italienischen Ex-Terroristen und Schriftsteller, der lange Zeit in Paris politisches Exil genoss, antwortet Carlotto sofort: "Es tut mir leid, dass er verhaftet worden ist. Ich bin mir sicher, dass der Prozess heute anders verlaufen würde."

Ein düsteres Weltbild

Im Jahr 1988 hatte man Battisti in einem umstrittenen Prozess in Abwesenheit mehrerer Morde schuldig gesprochen. Er selbst beteuert seine Unschuld und wird in Frankreich von einem großen Kreis von Schriftstellern und Intellektuellen unterstützt, unter ihnen Fred Vargas, Bernard-Henri Lévy und Claude Chabrol. In Italien allerdings fehlt ein breites öffentliches Engagement: die regierende Mitte-links-Koalition, sagt Carlotto, wird sich hüten, den Prozess wieder aufzurollen.

Doch bei all seinem Engagement pflegt der Schriftsteller ein ziemlich düsteres Weltbild: Selbst das authentische Essen, all die Feinschmecker-, "Prodotti tipici"- und Weinkenner-Zirkel, die der Linken einmal das Leben versüßt hatten, sind verdorben. "Das ist noch so ein Mythos, den man zerstören muss. Gutes Essen ist mehr denn je eine Frage des Geldes." Ende April erscheint in Italien der nächste Carlotto-Krimi, der sich genau dieses Projekt vorgenommen hat: Hauptfigur ist ein Feinschmecker, "noch fieser als Giorgio Pellegrini", sagt Carlotto.

Schwer vorstellbar. Immerhin huldigt schon der Restaurantbesitzer aus "Arrivederci amore, ciao" der guten Küche auf eine Weise, die dem Leser als doppelte Gemeinheit erscheinen muss: Aus anderen Krimis - bei Manuel Vazquez Montalban oder Andrea Camilleri - kennt man das Essen als Schmerzmittel gegen all das Böse in der Welt, aber hier kocht der Killer sozusagen selbst. Mit der gängigen Italo-Folklore macht Massimo Carlotto kurzen Prozess, und Trost können sich seine Leser bei ihm nicht erwarten. Aber vielleicht die spannenderen Bücher.