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Kriegsbilder im Internet:Sekunden vor dem Kopfschuss

Aufnahmen aus Syrien, die jeder auf Youtube finden kann. Die meisten der Kämpfer sind hier nur wenige Augenblicke vor ihrem gewaltsamen Tod zu sehen.

(Foto: oh)

Auf Youtube kann man Menschen in Kriegsgebieten täglich beim Sterben zusehen. Die Aufnahmen werden mit jedem Konflikt zahlreicher, schneller veröffentlicht und grausamer. In der Öffentlichkeit bleibt die neue Bilderflut jedoch seltsam wirkungslos.

Was man sieht: drei kaputte Autos auf einer Straße, ein rotes, in das sich ein weißes verkeilt hat, ein schwarzer Pick-up-Truck. Am Rande der Straße brennt etwas, vielleicht ein Reifen. Vor dem roten Auto, das dem Betrachter am nächsten ist, robbt ein Mann auf einem Stück Pappe, er versucht, den weißen Wagen zu erreichen. An der Pappe ist ein blaues Seil befestigt, offenbar, damit die Kameraden seinen Körper zurückziehen können, falls er erschossen wird. Sie stehen hinter einer Ecke, schießen in die Richtung des Gegners, sie feuern in die Luft, sie rufen: Allahu Akbar, Allah ist am größten.

Aber falls Gott sie hört, dann prüft er seine Anhänger in diesem Moment schwer. Der Mann erreicht jetzt den weißen Pkw, er zerrt unter heftigem Beschuss einen Schwerverletzten aus dem Wagen und beginnt, langsam zurück in Richtung seiner Kameraden zu robben. Der Verletzte wurde angeschossen, während er sein Auto fuhr. Das Feuer am Straßenrand brennt jetzt lichterloh, pechschwarzer Rauch verdeckt die Sicht. Die Kameraden ziehen mit aller Kraft am Seil, um die Männer aus der Schusslinie zu zerren, sie schießen in Richtung des Gegners, doch sie sind zu langsam. Die robbenden Männer werden von Kugeln getroffen, ihre Körper zucken im Straßenstaub. Der verletzte Autofahrer stirbt im Kugelhagel, während der Mann, der ihn retten wollte, sich noch hinter die Straßenecke wälzt, um zu sterben.

Der Zuschauer weiß nicht, wer hier tötet

Diese Szenen sind in einem Youtube-Video zu sehen, das seiner Beschreibung nach vor ein paar Monaten in Syrien aufgenommen wurde. Wer stirbt hier? Wer tötet den Verwundeten? Wer sind die Kameraden - Kämpfer des Terrorregimes IS, Angehörige der Al-Nusra-Front oder Assad-Anhänger? Der Zuschauer weiß es nicht, er weiß nur: Diesen Krieg kann man nahezu live miterleben, ungefiltert. Mit Bildern, die man in keiner Zeitung findet.

Ein Junge redet mit seinen Freunden, sie sind mit automatischen Gewehren bewaffnet, sie stecken mitten im Kampf um Leben und Tod. Und trotzdem hat ihre Aufnahme ein wenig von der Unbekümmertheit eines Handyvideos, wie jugendliche Kumpels es miteinander drehen würden. Doch kippt der Kopf des Jungen, der ganze Körper fällt zu Boden, und man realisiert: Gerade hat ihn ein Scharfschütze getroffen. Er ist sofort tot. "Allahu Akbar", schreien seine Freunde entsetzt, ihre Stimmen klingen hohl. Einer filmt weiter.

Vielleicht war der Tote ein Terrorist, vielleicht wollte er seine Heimat vor Terroristen schützen, man weiß es nicht. Man sieht nur: Das ist der Krieg. Diese Aufnahmen stehen auf den einschlägigen Portalen wie liveleak.com, wo dem Veröffentlichungsdrang der Menschen keine Grenzen gesetzt werden, auf den Seiten irgendwelcher Extremisten, die jede Aufnahme im Sinne ihrer Propaganda umdeuten und einordnen, sie stehen aber auch auf Youtube und in den Blogs irgendwelcher Schüler aus den USA oder Deutschland, die einfach nur "krasse Bilder" sammeln, um auf dem Schulhof anzugeben.

Meinung ... und man vergisst sie nie
Kommentar
Bilder des Terrors

... und man vergisst sie nie

Der Islamische Staat zeigt, wie er Menschen enthauptet. Boko Haram führt gekidnappte Mädchen vor. Früher beendeten Fotos Kriege. Heute lösen sie Kriege aus.   Kommentar von Andrian Kreye

Viele werden von dem amerikanischen Unternehmen Site aus dem Netz gefischt, technisch bearbeitet und mit einem Kommentar versehen. Site berät nach eigenen Angaben die amerikanische Regierung und stellt Journalisten digitales Material aus Kriegsgebieten zur Verfügung, ergänzt um Analysen und Einordnungen.

Grausamer Mord oder gerechte Notwehr?

Vor allem aber werden diese Videos von irgendwelchen Menschen aus den Konfliktregionen rund um die Welt hoch- und heruntergeladen, sie kursieren im Netz. Gelegentlich findet man dasselbe Video auf unterschiedlichen Seiten, mit unterschiedlichen Angaben - einmal soll die Aufnahme einen grausamen Mord an einem Unbewaffneten zeigen, dann wieder gerechtfertigte Notwehr gegen einen Terroristen. Wer sich mit dem Konflikt nicht im Detail befasst, kann nur raten, was ihm da geboten wird.

Es gibt Aufnahmen aus dem Ort Kobanê, der in Syrien an der türkischen Grenze liegt und derzeit von den Terroristen des Islamischen Staates (IS) am heftigsten angegriffen wird. Diese Aufnahmen sind keine zwei Tage alt. Menschen, denen man heute auf Youtube beim Sterben und Töten zusehen kann, haben vor wenigen Tagen noch gelebt. Dieser Krieg wird in weiten Teilen nahezu live vor den Augen der Weltöffentlichkeit geführt. Die Verbreitung von Handys mit Videokameras und Internetverbindungen ermöglicht diese Bilderflut. Nie zuvor war der ungeordnete Einblick in ein Kriegsgebiet einfacher: embedded vom Schreibtischstuhl aus.