"Krieg. Wozu er gut ist" von Ian Morris Auf spekulativem Boden

Zweitens wechselt Morris an wenig auffallender Stelle sein ursprüngliches, unergiebiges Theorem gegen ein anderes aus: das vom dynamischen Verhältnis der unsichtbaren Hand der Märkte (hier folgt er seinem anderen Gewährsmann Adam Smith) zur "unsichtbaren Faust" der großen Reiche, die Gewalt nur noch selten praktizieren, aber als ständige Drohung für Friedensstörer glaubhaft aufrecht erhalten. Der Gedanke ist nicht ganz neu, aber frappierend in seiner Zuspitzung. (Etwas verunklart wird er allerdings wieder, weil Morris noch allerlei Anleihen bei Darwinismus oder Spieltheorie aufnimmt.)

Und drittens wagt sich Morris an eine Deutung der waffentechnisch-geopolitischen Gegenwart mit Blick auf die Zukunft. Hier liegt der interessanteste und beunruhigendste Aspekt des Buchs. Die heutige Lage, erklärt er, ähnele fatal derjenigen unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg, als der bisherige "Globocop" England, gerade weil er so erfolgreich gewesen war, sich eine Reihe von Rivalen herangezüchtet hatte, namentlich Deutschland. Englands Versuch, seine alte Rolle zu verteidigen, stürzt alle Beteiligten ins Desaster.

Erster Weltkrieg Als die Welt brannte Bilder
Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914

Als die Welt brannte

Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg, der das alte Europa einstürzen ließ. Dem Gemetzel ging das Machtgerangel auf dem Balkan voraus. Jenseits der Großreiche von Kaiser, Zar und Sultan konkurrierten dort junge Nationalstaaten. Kein Wunder, dass sich ein Krieg entzündete - ausgelöst durch die Schüsse auf den österreichischen Thronfolger.   Von Kurt Kister, Wien

Als neuen Globocop sieht Morris natürlich die Vereinigten Staaten, denen er eine etwas unkritische Bewunderung entgegenbringt, deren gegenwärtige Position er aber präzis analysiert. Er hält einen Dritten Weltkrieg, in dessen Zentrum die Konfrontation zwischen China und Amerika stehen wird, für nicht unwahrscheinlich; mindestens aber erwartet er eine Reihe von regionalen Nuklearkriegen, die das Zeug haben könnten, die ganze Welt ins Chaos zu stürzen.

"The war to end all wars"

Das könnte sich als der weit produktivste Krieg von allen erweisen, an dessen Ende, nach Pax Romana, Pax Britannica und Pax Americana, eine globale "Pax Technologica" steht, endgültig "the war to end all wars", wie es bekanntlich schon vom Ersten Weltkrieg hieß. Hier allerdings verlässt Morris sein bisheriges Terrain und betritt hymnisch-spekulativen Boden. Aber mit seinem Gefühl, dass die nächsten Jahzehnte den kritischen Flaschenhals der Menschheitsgeschichte bilden, könnte er trotzdem richtig liegen.

Morris, der sein Buch zu einer runden Sache machen will, die sie faktisch nicht ist, kann es sich nicht verkneifen, abschließend eine verbesserte Version von Springsteens Lied zu präsentieren, in großer weißer Schrift auf schwarzem Grund. "War! Huh, good God. What has it been good for? In the long run, making us safer and richer. But war - huh God. What is it going to be good for? Absolutely nothing, unless we learn to manage it." Daran erstaunt vor allem die Figur des "Wir". So lang es Kriege gibt, kann von einem solchen menschheitlichen Wir keine Rede sein. Da landet Morris, obwohl er das Gegenteil will, in der hilflosen Sentimentalität, gegen die sein Buch Sturm gelaufen ist.