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"Krieg! Juden zwischen den Fronten 1914-1918":Die Front verlief auch im Schützengraben selbst

Erster Weltkrieg

Jüdischer Feldgottesdienst an der Ostfront.

(Foto: Ursula Seitz-Gray)

Sechs einzelne Lebenswege jüdischer Soldaten werden in großen Einzelvitrinen mit persönlichen Exponaten präsentiert. Da ist etwa die Ordensammlung des Feldarztes Nathan Wolf, akribisch-liebevoll mit handgeschriebener Legende versehen. Daneben ein Auszug aus seinem Lebensbericht: "Am 9. November 38 wurde ich frühmorgens von der SS aus Radolfzell aus dem Bett geholt und auf das Schwerste misshandelt. Meine Kriegsorden, die in einem Kästchen lagen, hatten die Horde auf das Äußerste gereizt." Wolf konnte vor den Nazis in die Schweiz fliehen, kehrte aber direkt nach dem Zweiten Weltkrieg in seine Heimatstadt Wangen am Bodensee zurück und engagierte sich als stellvertretender Bürgermeister. Man steht fassungslos vor so vergebungsbereiter Heimatliebe.

Mit der immer längeren Dauer des Ersten Weltkriegs, steigenden Opferzahlen und der schlechten Versorgungslage in der Heimat wuchs der Antisemitismus. Der zweite Teil der Ausstellung zeigt Zitate aus Beschwerdebriefen jüdischer Soldaten. Jüdische Neuankömmlinge an der Front seien, wird ein Kommandant zitiert, "wenn ausgebildet, umgehend ins Feld zu senden und zwar an die Stellen, wo sie dem feindlichen Feuer unrettbar ausgesetzt sind".

Um dem kursierenden Vorwurf der Drückebergerei zu begegnen, wies der Kriegsminister 1916 die "Judenzählung" an. Ihre Ergebnisse wurden nie veröffentlicht, vielleicht, weil sie nur den Patriotismus der deutschen Juden belegt hätten. Doch für die Soldaten war sie ein Affront. "Eine furchtbare Ohrfeige", kommentierte der jüdische Offizier Georg Meyer in seinem Tagebuch die Zählung. "Im Frieden würde ich den Abschied nehmen, jetzt muss ich natürlich erst recht aushalten." Er starb im Dezember 1916 bei Verdun, nachdem er sich bewusst an einen gefährlichen Frontabschnitt hatte versetzen lassen.

Der Eindruck grausamer Vergeblichkeit, den jede Kriegsbegeisterung erweckt, bekommt in dieser Ausstellung eine zusätzliche Ebene. Sie macht klar: Die Front verlief auch im Schützengraben selbst.

Krieg! Juden zwischen den Fronten 1914-1918, Jüdisches Museum München, bis 22. Februar 2015. Katalog (Verlag Hentrich & Hentrich) 24,90 Euro. Info: www.juedisches-museum-muenchen.de

© SZ vom 09.07.2014/mkoh/rus/odg

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