Krawalle in England London's Burning

Künstlerische Phantasie wird zur Realität: Als die englische Punkband "The Clash" 1977 ihren Song "London's Burning" veröffentlichte, sang sie von Bränden nur im übertragenen Sinne. Doch nun ist eine Feuersbrunst ausgerechnet für die englische Musik- und Filmbranche zum Ernstfall geworden.

Auch die Film- und Musikbranche ist ein Opfer der Ausschreitungen und Brandschatzungen der letzten Nächte in London geworden, jener Teil vor allem, der damit beschäftigt ist, die Erzeugnisse unter die Leute zu bringen - das British Film Institute (BFI), das Filmvorführungen, Ausstellungen und Diskussionen in seinem Programm hat und zudem einen eigenen Filmverleih, sowie der Musikvertrieb PIA.

Das brennende Lagerhaus im Pias/Sony Distribution Centre im Londoner Stadtteil Enfield: Der Schaden ist gewaltig.

(Foto: Reuters)

Durch ein Feuer ist ein großes Lagerhaus im Pias/Sony Distribution Centre in Enfield - insgesamt 20.000 Quadratmeter, drei Stockwerke - völlig niedergebrannt, in dem das BFI seine DVD-Bestände untergebracht hatte. Alle gelagerten DVDs sind dabei vernichtet worden, etwa 120.000 Stück.

Daneben lagerten hier auch die Bestände des größten britischen Independent-Musikvertriebs Pias. Das Unternehmen steht für mehr als 150 unabhängige Labels und vertreibt deren Tonträger in ganz Großbritannien. Noch ist nicht klar, wie groß der Schaden ist, doch die Branche befürchtet das Schlimmste. Wenn keine CDs, LPs und DVDs verkauft werden können, trocknet der Umsatz aus. Das könnte für einige Plattenfirmen zur Existenzbedrohung werden.

Auch für das BFI ist der Schaden immens: Es arbeitet intensiv mit Verleihern und Filmmuseen zusammen und hat daher ein weites DVD-Angebot klassischer Filme aus aller Welt - deutscher expressionistischer Stummfilm, indische Melos und Musicals, britische Dokumentarfilme der Dreißiger, französische Nouvelle Vague, japanische Samuraiklassiker . . . Die Titel sind nicht restlos verloren, das BFI hat ein zweites Lager in Hackney, aber der finanzielle Verlust ist immens.

Auch wenn die Einnahmen generell zurückgehen, bringt der DVD-Bereich der Filmindustrie, den Verleihern und diversen anderen Institutionen immer noch den größten Erlös.

Nicht nur das BFI wurde schwer getroffen durch das Feuer, auch zahlreiche britische Kleinverleiher haben ihre DVD-Bestände verloren, zum Beispiel der renommierte Verleih Artificial Eye. "Die meisten in der Independent-Branche sind betroffen", erklärte David Wilkinson von Guerilla Films - er hat 60 000 DVDs verloren.

Grausige Verheerungen in der Kinogeschichte

Neben den finanziellen Verlusten, die wohl irgendwie eine Frage der Versicherungen werden, stehen die meisten zudem vor einem logistischen Problem: Die Händler sind durch den Totalverlust für längere Zeit nicht in der Lage, die Anfragen des Marktes zu bedienen, es wird zu Liquiditätsproblemen kommen.

Und mancher Filmstart wird wohl verschoben werden müssen - die kleinen Verleiher koppeln, anders als die großen blockbusterorientierten, ihre Kinostarts eng mit einem frühzeitigen Angebot des Films auf DVD - was dem besonderen Verhalten des cinephilen Publikums entspricht, das intensiv zwischen den beiden Medien Kino und DVD wechselt.

Von Anfang an hat die Kinogeschichte grausige Verheerungen durch Feuer verzeichnet. In den Stummfilmzeiten gab es unzählige Unglücksfälle, wenn sich das gefährliche Nitrofilmmaterial in den billigen Vorführbuden unter der Hitze der Projektionslampen auf den Jahrmärkten entzündete - heute müssen alte, zur Gasentwicklung und Selbstentzündungen neigenden Nitrokopien unter besonderen Sicherungsbedingungen in den Cinematheken gelagert werden, bevor sie auf Sicherheitsfilm umkopiert werden.

Vielleicht ist das Feuer von Enfield in diesem Sinne das letzte Final der alten Kinogeschichte. In Kürze wird es Film nur noch aus dem Netz geben, immateriell und unentflammbar.

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