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"Kraftwerk":Boing Boom Tschak

Karl Bartos: Der Klang der Maschine. Eichborn Verlag, Köln 2017. 605 Seiten, 26 Euro. E-Book 19,99 Euro.

Gehörten die Düsseldorfer Techno-Pioniere zu den ersten Opfern der Digitalisierung? Karl Bartos hat seine Autobiografie geschrieben.

Von Jan Kedves

Noch liegt keine einstweilige Verfügung gegen das Buch vor. Das heißt, entweder liest Ralf Hütter langsam. Oder das einzige verbliebene Original-Kraftwerk-Mitglied hat an der Autobiografie des ehemaligen Kollegen Karl Bartos tatsächlich nichts auszusetzen. Man weiß ja, dass Hütter seine Anwälte sonst gern auf Trab hält. Als Wolfgang Flür, der bis 1986 das elektronische Schlagzeug bei Kraftwerk bediente, seine Autobiografie "Ich war ein Roboter" (1999) veröffentlichte, wurde sie von Hütter und dem zweiten Kraftwerk-Chef Florian Schneider, der 2009 ausstieg, sofort aus dem Verkehr gezogen. Hat Bartos, der in "Der Klang der Maschine" (Eichborn) größtenteils seine 15 Jahre in der einflussreichen Gruppe thematisiert, die saftigsten Geschichten doch zurückgehalten?

Nein, versichert er im Prolog. "Zum Glück", so Bartos, habe er nie etwas unterschrieben, das ihn "aus irgendeinem Grund zum Schweigen verpflichtet. Ich bin unabhängig und kann deshalb heute alles so erzählen, wie ich es erlebt habe."

Das macht bei einem streng verwalteten Mythos wie Kraftwerk natürlich neugierig, und deswegen muss man tatsächlich mit jenen Passagen anfangen, die im Verlauf der stattlichen 600 Seiten den Eindruck von Nähkästchen-Plauderei, wenn auch nicht von Schmutzwäsche aufkommen lassen. Zum Beispiel die Sache mit den Buchstaben: Karl Bartos, der 1952 in Berchtesgaden geboren wurde und vor seinem Einstieg bei Kraftwerk 1975 eine Karriere als Diplom-Percussionist in einem Staatsorchester anstrebte, ist nur deswegen heute als Karl bekannt, weil vier Buchstaben billiger waren. Als Hütter und Schneider die ikonischen Neonröhren-Namenszüge anfertigen ließen, die in den Siebzigern bei Kraftwerk-Auftritten blinkten, meinten sie, neun Buchstaben seien "recht teuer". Eigentlich heißt er Karlheinz. Zu der Knausrigkeit später mehr.

Auch nett: Als Kraftwerk 1975 an ihrem "Radio-Aktivität"-Album arbeiteten, liehen sie sich ein 8-Spur-Tonbandgerät kurzerhand von Otto Waalkes. Gestoppt wurden sie im Herbst 1977 in Düsseldorf. Da cruisen Kraftwerk nachts in Hütters Mercedes durch die Stadt, testen frische Aufnahmen aus ihrem Kling-Klang-Studio auf der "sehr guten Stereoanlage" der Limousine, "während draußen die Gebäude, Straßen und Lichter der Umgebung wie in einem Film vorübergleiten". Blaulicht. RAF-Zeit. Vier junge Männer in dunkler Kleidung nachts in einer Limousine: "Wir fielen genau in das Raster, nach dem gefahndet wurde." Und schließlich: Ja, die Roboter hatten Sex. In freundschaftlicheren Zeiten, so Bartos, hätten Kraftwerk mit ihren jeweiligen Freundinnen auch mal gemeinsam am Pool in Florian Schneiders Haus abgehangen, dort kam es mutmaßlich zu Orgien, was sich im verklemmten Bartos-Duktus aber so liest: "Wenn sich während dieser lustigen ,Sportfeste' Momente der Nähe ergaben, wirkten sich auch diese absolut positiv auf das Gruppengefühl in unserem kleinen Kreis aus."

Ja, das Gruppengefühl. Es wollte sich bei Kraftwerk irgendwann nicht mehr einstellen. Die Band, die in den Siebzigern alle Zeichen der Zeit erkannt und der Autobahn, dem Roboter, dem Taschenrechner und anderen Topoi des Technologie-Zeitalters und der sich gerade ankündigenden Computerwelt eigene elektronische Schlager komponiert hatte, fiel von Mitte der Achtziger an auseinander. Bartos erzählt es als Folge von kreativen und finanziellen Mangelerscheinungen.

Denn Hütter und Schneider betrieben die Kraftwerk GbR von Anfang an wie Neoliberale. Sie waren die Chefs, die Mitarbeiter hatten keine Verträge. Während Bartos offiziell selbständig war, wurde ihm jedes Mal, wenn er seine "Freiheit" für ein Projekt außerhalb von Kraftwerk nutzen wollte, bedeutet, er habe exklusiv zur Verfügung zu stehen. Auch seine Mephisto-Frisur hatten ihm Hütter und Schneider angewiesen, sie gehörte fest zum Erscheinungsbild der Gruppe. Aber wenn er im Kling-Klang-Studio Ideen beisteuerte - etwa stammt das Glockenspiel-Thema in "Computerliebe" von ihm -, musste Bartos sich seine Autoren-Credits erkämpfen, blieb letztlich aber handzahm: "Nerven wollte ich schon gar nicht, sondern cool, locker und sportlich erscheinen."

Hütter und Schneider betrieben die Kraftwerk GbR von Anfang an wie Neoliberale

Der technologische Fortschritt erschwerte die Zusammenarbeit noch. Er überforderte Kraftwerk sogar, wie Bartos schreibt. Es ist das ewige Missverständnis: Weil Kraftwerk als Roboter posierten, gelten sie bis heute als Pioniere der digitalen Musik, dabei entstand ein Großteil ihres kanonischen Werkes in den Siebzigerjahren noch unter analogen Vorzeichen. Ihre erfolgreiche Technizitäts-Projektion kam am Ende einer Ära, die technisch noch gar nicht so weit war. Man kann mit Bartos tief eintauchen in Details der Produktionstechnik und den Unterschied zwischen analogem und digitalem Musizieren. In der analogen Zeit spielten Kraftwerk ihre elektronischen Instrumente noch mit "human touch" - etwa indem sie mit einer Art Stricknadel auf verdrahtete Sensoren trommelten. Mit dem Aufkommen der digitalen Sequenzer und Sampler verschob sich der "human touch", fortan wurden die Motive und Patterns perfekt abgespielt und erst im zweiten Schritt von den Musikern bearbeitet und mit Filtern und Effekten belegt. "War nicht einmal unser Leitgedanke gewesen, die Technik zu musikalisieren?", fragt sich Bartos und winkt ab: "Jetzt fühlte es sich für mich so an, als hätte die Technik unsere Gedanken absorbiert." Vor allem Hütter habe von den frühen Achtzigern an immer mehr Zeit darauf verwendet, "rhythmische Muster" und "aneinandergereihte Events" auf den Bildschirmen hin und her zu schieben statt, wie früher, mit seinen Kollegen zu musizieren. Ja, Bartos klingt hier wie ein Traditionalist, und man will das paradox finden. Aber blickt man in die Kraftwerk-Diskografie, stimmt es tatsächlich: Nach dem Album "Computerwelt" (1981) verlangsamte sich der Output des Kling-Klang-Studios extrem. Gehörten die Roboter aus Düsseldorf zu den ersten Opfern der Digitalisierung? Das wäre eine ganz neue Kraftwerk-Lesart.

Andere Paradoxien fallen auf. Während Kraftwerk mit den neuen Samplern nicht gut zurechtkommen, werden Samples aus ihren Stücken "Nummern" und "Trans Europa Express" bei Rappern in den USA immer beliebter - worauf Hütter und Schneider allergisch und mit Klagen reagieren. Sind sie neidisch, dass die Rapper Sampling besser verstanden haben als sie? Und: In der Hoffnung, sie möge irgendwie die Kreativität beflügeln, stecken Hütter und Schneider immer mehr Geld in noch teurere neue Studiotechnik, sie reagieren wie Rock-Dinosaurier. Mit der Folge, dass Kraftwerk immer seltener touren und der freie Mitarbeiter Bartos immer weniger Geld verdient. Ein Teufelskreis, aus dem er 1990 ausbricht, indem er die Schlüssel zum Kling-Klang-Studio auf den Tisch legt und geht. Kündigen muss er ja nicht.

Das wäre wohl auch für das Buch ein gutes Ende gewesen. Aber natürlich ist Bartos auch heute noch Musiker, der auf den restlichen 100 Seiten aber erstaunlich gelassen damit umgeht, dass keines seiner Soloprojekte auch nur annähernd die Wirkmacht von Kraftwerk entfalten konnte. Einige Seitenhiebe darauf, dass die heutigen Kraftwerk mit Ralf Hütter durch die Neue Nationalgalerie und das New Yorker MoMA touren und den Katalog in 3-D als Weltkulturerbe zelebrieren, kann er sich aber dann doch nicht verkneifen. 1990 habe Hütter ihm gesagt, Kraftwerk ohne Florian Schneider, das "würde nicht funktionieren und wäre auch nicht glaubwürdig". Und die Museen? "Es passt so gar nicht zu dem, was Ralf jahrzehntelang zum Thema ,institutionalisierte Kultur' von sich gegeben hat." Boing Boom Tschak.

© SZ vom 18.11.2017

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