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Kosmisches Kino:Ein Callgirl für Geister

So sehen Götter im Flirtmodus während des Münchner Sommers aus: Richi Schmelcher, Judith Paus, Detlef Bothe.

(Foto: joao paulo da silva / Filmfest)

Klaus Lemke, ein Regisseur, ohne den das Leben sinnlos wäre, zeigt beim Filmfest München seine Sommertragikomödie "Neue Götter in der Maxvorstadt".

Von David Steinitz

Beginnen wir mit einer schönen Begegnung kurz vor Beginn des Münchner Filmfests und der Premiere des neuen Films von Klaus Lemke. Die Wahrscheinlichkeit, beim Spaziergang durch die Münchner Maxvorstadt auf Lemke zu treffen, liegt in der Regel bei circa 99,9 Prozent und ist eher nichts Besonderes, schließlich ist das Viertel seine Streuner-Stammgegend. Dass man ihn aber dabei erwischt, wie er gerade versucht, aus einem Briefkasten die New York Times zu klauen - oder, wie er behauptet, "auszuleihen" - ist dann doch noch mal etwas Neues.

Weil Lemke eher nicht der Typ ist, der in die Defensive geht, wenn man ihn bei etwas erwischt, zumal wenn man sich schon ein Weilchen kennt, stellt er aber sogleich auf Angriff um: Schuld an diesem Manöver sei ja nur die SZ, deren Berichterstattung zum Thema Trump vs. Iran er am Wochenende als so dürftig empfunden habe, dass er sich noch anderweitig habe informieren müssen.

In solch herrlichen Momenten muss man sich einfach mal wieder eingestehen, dass ein Leben ohne Klaus Lemke vermutlich machbar, aber irgendwie auch sehr sinnlos wäre. Zumal auch sein aktueller Film "Neue Götter in der Maxvorstadt" wieder voll von diesen merkwürdigen Alltagsirritationen ist, die man in der zu Tode gentrifizierten Maxvorstadt um die Universität herum ja kaum noch erlebt.

In dem Film gräbt er Gestalten aus, von denen man sich eigentlich sicher war, dass man sie niemals wiedersehen würde. Zum Beispiel den Typen mit den langen Haaren vom Kopierladen im Hinterhof in der Amalienstraße, der Copy-Oase.

Dort, wo man zehn Semester lang seine schlampig zusammengeschriebenen Seminararbeiten mit völlig irren Thesen zum Werk von Max Weber besonders prunkvoll hat binden lassen, um mit der Form zumindest ein bisschen den Inhalt zu kaschieren. Und jetzt taucht dieser Copyshop-Kerl plötzlich bei Klaus Lemke auf. Der ihm eine Hauptrolle gegeben hat. In einer Geschichte über eine junge Frau, die sich vorgenommen hat, als Callgirl für Geister zu arbeiten.

Typinnen und Typen, die echt schräg sind und sich nicht zwei Stunden lang verkleidet haben, um dann beim Viereuro-Sojamilch-Cappuccino luxusverwahrlost auszusehen.

Womit sich zumindest ein bisschen ein Kreis schließt, weil die Seminararbeiten einst ja vor allem deshalb so schlampig geschrieben waren, weil man damit beschäftigt war, davon zu träumen, dass sich das eigene Leben zumindest mal für einen Tag in einen Film von Klaus Lemke verwandelt. Der ja übrigens zu den wenigen Filmemachern gehört, bei denen man das Gefühl hat, einem umgekehrten Sexismus beizuwohnen, weil hier ausnahmsweise die Männer vor den Frauen beschützt werden müssen, und nicht nach Hollywoodstandard anders herum, und das gilt natürlich auch wieder fürs neue Werk.

Etwas sortierter ausgedrückt: Lemkes Film "Neue Götter in der Maxvorstadt", der seine Weltpremiere beim Filmfest feiert, weil die Berlinale zu blöd war ihn einzuladen, gehört zum Besten, was er in den letzten Jahren gedreht hat. Was Lemke macht, ist deshalb so besonders, weil er im sterilen Univiertel noch (Laien-)Darsteller aufgetrieben hat, die jenem Ideal von Figuren entsprechen, wegen denen man ins Kino geht. Sprich, Typinnen und Typen, die echt schräg sind und sich nicht zwei Stunden lang verkleidet haben, um dann beim Viereuro-Sojamilch-Cappuccino luxusverwahrlost auszusehen. Das nämlich sind Leute, die an dieser Stelle bestimmt fragen würden, worum es in diesem Lemke-Film überhaupt "gehen soll", was "die Handlung" ist - und mit solchen furchtbaren Menschen will man ja nun wirklich nichts zu tun haben.

Denn wie immer geht es bei Lemke gleichzeitig um gar nichts und um alles. Rund um die Kunstakademie und die Bar "Schall und Rauch" gerät die Welt mehr oder weniger ins Wanken, je nach Weißweinpegel der Protagonisten (und vermutlich auch der Crew beim Dreh). Affären werden geplant und Intrigen gesponnen, nur der Bösewicht fehlt mittendrin. Deshalb steht plötzlich Lemke selbst vor der Kamera und erklärt die Misere. Weil sein Lieblings-Schurkendarsteller Detlef Bothe seit zwei Tagen nicht am Set erscheine und auch nicht ans Telefon gehe, werde man den Dreh vielleicht abbrechen müssen. Aber Bothe taucht dann doch noch auf und gibt mit vollem Glatzeneinsatz einen exzellenten Bösewicht, und der Film geht doch weiter, bis er nach kurzen 71 Minuten seine Zuschauer in diesem etwas wirren Taumel aus dem Kino entlässt, den nur Klaus Lemke erzeugen kann.

© SZ vom 27.06.2019
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